Seit Donnerstag, 8. Oktober 2026, läuft an der Ravensburg-Weingarten University (RWU) vieles nur noch mit angezogener Handbremse. Formulare bleiben liegen, Systeme sind nicht erreichbar, und bei manchen Anliegen hilft derzeit nur Geduld. Auslöser ist ein Cyberangriff auf das Hochschulservicezentrum Baden-Württemberg (HSZ-BW) in Reutlingen – mit Folgen für zahlreiche Hochschulen, darunter die RWU in Weingarten.

Entdeckt wurde der Angriff am Abend des 7. Oktober, einem Mittwoch. Nach aktuellem Stand schleusten Unbekannte Schadsoftware in das Netzwerk ein und verschafften sich Zugang zu Daten. Um den Angriff einzudämmen, nahm das HSZ-BW sämtliche Systeme offline, trennte Internet- und Telefonverbindungen und kappte vorsorglich die Verbindungen zu angeschlossenen Hochschulen sowie Kunst- und Kultureinrichtungen. Polizei und Cybersicherheitsagentur Baden-Württemberg wurden noch am selben Abend informiert.

Campus-Systeme und Bescheinigungen fallen aus

Das HSZ-BW betreibt technische Systeme und Anwendungen mehrerer Hochschulen in Baden-Württemberg und stellt IT-Dienste für rund 65 Einrichtungen bereit. Rund 70 Mitarbeitende betreuen und beraten diese Hochschulen sowie Kunst- und Kultureinrichtungen unter anderem in den Bereichen Campus Management, Ressourcenmanagement, Informationssicherheit und Datenschutz. Das Zentrum ist eine gemeinsame Einrichtung der Hochschule Reutlingen und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und sitzt auf dem Campus der Hochschule Reutlingen.

An der RWU ist vor allem das zentrale Campus-Management-System „myCampus“ betroffen. Sein Ausfall dürfte länger dauern. Auch „LSF“ funktioniert derzeit nur eingeschränkt, ebenso die meisten Unterstützungsprozesse der „QM-Engine“. Die Studentische Abteilung kann deshalb keine Immatrikulationsbescheinigungen, Notenspiegel, Zeugnisse oder Urkunden ausstellen. Exmatrikulationen sowie Schreiben zu nicht bestandenen Zweit- und Drittversuchen bei Prüfungen werden momentan ebenfalls nicht bearbeitet.

Als Übergangslösung verschickte die RWU am Mittwoch ein allgemeines Schreiben an alle Studierenden. Es kann beispielsweise bei BAföG-Ämtern, Stipendiengebern, Ausländerbehörden und Arbeitgebern vorgelegt werden. Wer dringend Hilfe braucht, erreicht den Studierendenservice zu den üblichen Sprechzeiten. Viel mehr bleibt im Einzelfall derzeit nicht, außer nachzufragen und den Papierkram später nachzuholen.

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Die für den Zeitraum vom 26. Oktober bis 13. November geplante Prüfungsanmeldung verzögert sich. Wie das Verfahren weiterläuft, will die Hochschule noch mitteilen. Die Anmeldung von Abschlussarbeiten wird überarbeitet und soll voraussichtlich bald wieder möglich sein.

Stundenpläne bleiben erreichbar, Bewerbungen weiterhin möglich

Nicht alles ist weg: Stundenpläne lassen sich weiterhin ohne Login im LSF und über die RWU-App abrufen. Nach Angaben der Hochschule zeigt die App aktuelle Pläne an. Seit Dienstag funktionieren außerdem die E-Mail-Verteiler der einzelnen Lehrveranstaltungen wieder – eine kleine, aber im Studienalltag ziemlich wichtige Erleichterung.

Probleme gibt es dagegen beim Bewerbungsportal für englischsprachige Bachelorstudiengänge zum Sommersemester 2027. Es ist derzeit nicht erreichbar. Bewerbungen bleiben dennoch möglich; die RWU hat die Bewerbungsfrist bis zum 15. November verlängert.

Wie lange die Einschränkungen an der RWU andauern, ist offen. Seit dem 8. Oktober arbeitet unter Leitung von Prof. Dr. Peter Väterlein ein Krisenstab mit internen und externen Spezialisten an der Bewältigung des Angriffs. Mitarbeitende informiert die Hochschule in einer Online-Veranstaltung, Neuigkeiten sollen per E-Mail und auf der Website veröffentlicht werden.

Ermittlungen zu Datenzugriff und möglicher Erpressung

Unklar ist weiterhin, welche Daten einzelner Hochschulen betroffen sind und ob tatsächlich Daten abgezogen wurden. Der Umfang eines möglichen Datenabzugs wird noch untersucht. Das Polizeipräsidium Reutlingen ermittelt gemeinsam mit der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe, Abteilung Cybercrime. Die Cybersicherheitsagentur Baden-Württemberg unterstützt sowohl die Ermittlungen als auch das HSZ-BW. Ein Krisenstab arbeitet an der Aufarbeitung, Spezialisten für Cyberkriminalität prüfen die technischen Spuren.

Die Ermittler untersuchen außerdem, ob es sich um einen Ransomware-Angriff handelt. Dabei könnten Hacker mit gestohlenen Daten Lösegeld erpressen. Das Wissenschaftsministerium machte wegen der laufenden Ermittlungen keine Angaben.

Der Angriff trifft nicht nur Verwaltungsprogramme. Auch Hochschulen, die Systeme des HSZ-BW nutzen, etwa für Stundenpläne, sind von den Schutzmaßnahmen betroffen. Für Studierende bedeutet das momentan: Ein Stundenplan kann noch auf dem Handy erscheinen, während eine Bescheinigung oder eine Prüfungsanmeldung im digitalen Nirwana hängt.

Kein völlig unbekanntes Szenario in Weingarten

Am Ort der Berichterstattung, der PH Weingarten, erinnert der aktuelle Vorfall zugleich an frühere Angriffe in der Region. Bereits 2021 war die Pädagogische Hochschule in Weingarten Ziel eines Hackerangriffs. Im April 2026 wurde außerdem der private Abrechnungsdienst „Unimed“ angegriffen; dabei wurden Daten von rund 700 Patienten der Oberschwabenklinik gestohlen.

Ob und in welchem Umfang diesmal Daten betroffen sind, bleibt offen. Bis die Systeme geprüft, gesichert und wieder schrittweise freigegeben werden, dürfte an den Hochschulen vor allem eines gefragt sein: Nachsicht – und ein wachsames Auge auf die nächsten E-Mails.