DAAD-Preis für Nomintuya Choijilsuren: Mit Forschung und Engagement auf dem Weg zum grünen Stahl
Nomintuya Choijilsuren hat an der RWTH Aachen viel bewegt – im Labor, in der mongolischen Community und weit darüber hinaus. Dafür erhält die Doktorandin den DAAD-Preis 2026. Die Auszeichnung würdigt hervorragende Studienleistungen und gesellschaftliches Engagement.
Ihr Masterstudium Mineral Resources Engineering schloss Choijilsuren im Oktober 2023 mit der Bestnote 1,0 ab. Seit 2023 arbeitet sie im Lehr- und Forschungsgebiet „Technologien zur Aufbereitung mineralischer Rohstoffe“ der RWTH. Dort untersucht sie, wie Eisenerze nachhaltiger für die Eisen- und Stahlproduktion aufbereitet werden können.
Vom Erz zum grünen Stahl
Im Projekt SuSteelAG beschäftigt sich Choijilsuren unter anderem mit Verfahren, die weniger Energie und Wasser benötigen. Die aufbereiteten Erze sollen anschließend mithilfe von grünem Wasserstoff weiterverarbeitet werden können. Das klingt nach großer Industriepolitik, beginnt aber mit ziemlich konkreten Fragen: Wie lässt sich auch Erz mit geringerem Eisengehalt nutzen? Und wie kann dabei die aufwendige Vorbehandlung entfallen?
Das internationale Konsortium SuSteelAG startete 2025 unter Leitung der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Ziel ist, die Stahlproduktion mithilfe von Wasserstoff zu dekarbonisieren und auch Erze geringerer Qualität einzusetzen. Anfang April 2026 gelang im namibischen Oshivela erstmals eine wasserstoffbasierte Erzreduktion im industriellen Maßstab.
In einem elektrisch betriebenen Wasserstoff-Drehrohrofen wurden 80 Tonnen australisches Eisenerz verarbeitet. Das nicht vorbehandelte Erz enthielt etwa 56 Prozent Eisen. Bei einem Durchsatz von rund fünf Tonnen pro Stunde entstand direkt reduziertes Eisen. Geliefert wurde das Material vom australischen Bergbau- und Technologiekonzern Fortescue, der ebenfalls am Konsortium beteiligt ist.
Für Entwicklung und Aufbau des Drehrohrofens war maßgeblich die deutsche TS Elino GmbH verantwortlich. Die BAM hatte die Wasserstoffreduktion zuvor im Labor untersucht und daraus die Betriebsparameter für den industriellen Prozess abgeleitet. Nach Angaben der BAM lief der Prozess klimaneutral und erstmals in einer für die industrielle Produktion relevanten Größenordnung.
Der Schritt ist deshalb wichtig, weil die Stahlindustrie laut Artikel rund sieben Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verursacht. Klimaneutraler Stahl lässt sich bisher vor allem mit Premiumerzen erzeugen, die ungefähr 70 Prozent Eisen enthalten. Diese Erze sind knapp und teuer. Herkömmliche Verfahren arbeiten mit Schachtöfen und verlangen eine energie- und kostenintensive Vorbehandlung zu Pellets.
Eine Kette von Australien bis Deutschland
SuSteelAG soll die Rohstoffbasis für grünen Stahl verbreitern und eine Wertschöpfungskette zwischen Australien, Namibia und Deutschland schaffen. Im nächsten Schritt wird das in Namibia erzeugte Eisen nach Deutschland verschifft. Die Salzgitter Mannesmann Forschung GmbH untersucht anschließend, wie sich das Material in bestehende industrielle Prozesse integrieren lässt – perspektivisch für klimafreundlichen Stahl in Autos und anderen Produkten.
Die RWTH Aachen prüft dabei, wie australische Erze mit niedrigerem Eisengehalt für die Direktreduktion weiter optimiert werden können. Zum Konsortium gehören außerdem die HyIron GmbH, das Fraunhofer-Institut für Schicht- und Oberflächentechnik IST, das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS, die Heidelberg Manufacturing Deutschland GmbH und HANSAPORT.
Gefördert wird SuSteelAG im 7. Energieforschungsprogramm vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund 4,5 Millionen Euro. Der Drehrohrofen von HyIron Green Technologies in Namibia entstand mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE).
Für Choijilsuren ist das Projekt allerdings nur ein Teil ihres Engagements. Seit vielen Jahren unterstützt sie das Waisenhaus „Id Shidiin Oron“ in Ulaanbaatar, Mongolei. Sie organisiert Kinderbücher und Hilfsgüter, beteiligt sich an Spendenaktionen für Krankenhäuser in der Mongolei und begleitet seit 2019 mehrere Schülerinnen des Waisenhauses online – bei Schulfragen, Lebensplanung und Berufswahl.
Choijilsuren wuchs selbst als Vollwaise auf. Vielleicht erklärt das ein Stück weit, warum sie nicht nur Geld oder Dinge organisiert, sondern Zeit investiert: Gespräche, Rat, Nachfragen. Dinge, die auf keiner Spendenliste auftauchen.
Seit 2023 engagiert sie sich außerdem in der mongolischen Gemeinde in Aachen und Nordrhein-Westfalen. Asylsuchenden hilft sie bei Behördengängen, Übersetzungen und Alltagsproblemen. In der Mongolian Students and Alumni Association Aachen (MoStA) begleitet sie neu nach Aachen kommende mongolische Studierende, unterstützt sie beim Start an der RWTH und bei der Orientierung in der Stadt.
Auch im Rotaract Club Aachen ist sie aktiv. Dort beteiligt sie sich an Projekten für Kinder mit Behinderungen und an Benefizaktionen. Als Mentorin im Staffmentor-Programm der RWTH unterstützt sie neue internationale Beschäftigte beim Einstieg in das Leben und Arbeiten in Aachen. Ein ziemlich voller Kalender.
Was Wasserstoff im Stahlwerk verändert
Bei der wasserstoffbasierten Direktreduktion reagiert Wasserstoff bei hohen Temperaturen mit Eisenoxid. Es entstehen reines Eisen und Wasser. Kohle und Koks werden vollständig vermieden, die CO₂-Emissionen aus herkömmlichen Verfahren entfallen weitgehend. Wird der Wasserstoff mit erneuerbaren Energien hergestellt, kann die Produktion nahezu CO₂-frei werden.
Im klassischen Hochofenprozess wird Eisenerz hauptsächlich mit Kohle oder Koks reduziert – dabei entstehen große Mengen CO₂. Wasserstoffreiche Gase können schon heute dem Hochofenprozess beigemischt werden, an weiteren Verfahren wird geforscht. HKM plant im Rahmen seiner Transformation, einen Hochofen durch einen Elektrolichtbogenofen zu ersetzen und auf eine externe Versorgung mit direktreduziertem Eisen (DRI) umzusteigen. Wasserstoff soll bei der DRI-Herstellung eine zentrale Rolle spielen.
Der Weg dorthin ist allerdings kein Spaziergang. Wasserstoffproduktion ist derzeit teuer, der Stoff muss transportiert und gespeichert werden. Pipelines und weitere Infrastruktur fehlen vielerorts, Stahlwerke müssen technisch angepasst werden. Für eine Tonne DRI werden etwa 60 Kilogramm Wasserstoff benötigt. Für große Mengen in Stahlwerken ist eine Pipeline erforderlich.
Auch der Wasser- und Strombedarf bleibt eine Hausnummer: Für ein Kilogramm Wasserstoff aus Elektrolyse werden ungefähr neun Liter Wasser und 50 Kilowattstunden Strom benötigt. Eine Anlage für 2,5 Millionen Tonnen DRI bräuchte rund 150.000 Tonnen Wasserstoff, wenn sie ganzjährig vollständig mit Wasserstoff betrieben wird.
Politik und Industrie versuchen, dafür den Rahmen zu setzen – mit Förderprogrammen, Investitionen der Länder in Infrastruktur, nationalen Wasserstoffstrategien und internationalen Abkommen. Sinkende Kosten und neue Technologien könnten den Einsatz erleichtern. Fachkräfte braucht es ebenfalls: qualifiziert an Hochschulen, aber auch durch berufliche Aus- und Weiterbildung.
Der Preis für mehr als gute Noten
Der DAAD-Preis zeichnet internationale Studierende und Promovierende an deutschen Hochschulen aus, die akademisch erfolgreich sind und sich gesellschaftlich oder interkulturell engagieren. Er ist mit 1.000 Euro dotiert und wurde während der Welcome Week der RWTH Aachen verliehen.
Vorgeschlagen wurde Choijilsuren von Professor Tobias Vraetz, dem Leiter des zuständigen RWTH-Lehr- und Forschungsgebiets. Zwischen Erzaufbereitung, Wasserstoffofen, Behördengängen und Online-Terminen mit Schülerinnen in Ulaanbaatar bleibt dabei wenig Platz für Leerlauf. Am 6. Oktober 2026 passt die Auszeichnung an der RWTH Aachen deshalb ziemlich genau zu dem, was Choijilsuren seit Jahren tut: Wissen nicht für sich behalten, sondern weiterreichen.
