Am 23. April 2026 fand an der Technischen Universität Chemnitz eine eindrucksvolle Pop-up-Ausstellung im IdeenReich der Universitätsbibliothek statt. Diese Veranstaltung dokumentierte das Leben von vietnamesischen Studierenden und Vertragsarbeitern, die in der einstigen Karl-Marx-Stadt und dem heutigen Chemnitz lebten. Die Ausstellung ist Teil des Projekts „Unbekannte Nachbarn? Vietnamesische Diaspora in Chemnitz und Region“, das im Rahmen von TUCculture 2025 gefördert wird. Ziel ist es, die vietnamesische Migration nach Chemnitz seit den 1960er Jahren zu beleuchten.

Besonders in den 1970er und 1980er Jahren erlebte die DDR eine große Zuwanderung von Vietnamesen, die durch zwischenstaatliche Verträge zur Ausbildung und Entsendung von Arbeitskräften in die DDR ermöglicht wurde. Ab 1985 stellten Vietnamesen die größte Gruppe der Vertragsarbeiter in der DDR, vor allem im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Die Migration wurde notwendig, um den Arbeitskräftemangel zu decken, der durch Verträge mit sozialistischen Staaten wie Vietnam zustande kam.

Persönliche Geschichten und Erinnerungen

Die Ausstellung präsentierte nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern zeigte auch persönliche Geschichten von Auszubildenden, Vertragsarbeitern und Studierenden. Dieses Material, bestehend aus Bildern, Dokumenten und Fotografien, stammt aus Recherchen im Universitätsarchiv, dem Sächsischen Staatsarchiv, dem Chemnitzer Stadtarchiv sowie aus den privaten Beständen der deutsch-vietnamesischen Community. Einige Besucher entdeckten alte Bekannte auf den Fotos und erlebten die Ausstellung als einen neuen Themenbereich, der zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit einlädt.

Die Atmosphäre der Veranstaltung wurde als freundschaftlich und familiär beschrieben, was den Austausch zwischen den Besuchern erleichterte. Aufgrund des positiven Anklangs planen die Veranstalter, das Poster- und Videomaterial auch an anderen öffentlichen Orten in Chemnitz zu zeigen. Diese Form der Erinnerungskultur soll dazu beitragen, die Erlebnisse und Lebensbedingungen vietnamesischer Vertragsarbeiter in der DDR aufzuarbeiten.

Lebensbedingungen und Herausforderungen

Die überwiegende Mehrheit der vietnamesischen Vertragsarbeiter kam in den Jahren 1987/88 in die DDR, insgesamt etwa 60.000 Personen. Während sie offiziell Arbeitsrechte auf dem gleichen Niveau wie DDR-Bürger hatten, blieb der Aufenthalt auf die Dauer ihrer Vertragslaufzeit von maximal fünf Jahren beschränkt. Der Arbeitskräfte-Kooperationsvertrag, der in den 1970er Jahren mit Vietnam geschlossen wurde, umfasste vor allem politisch zuverlässige Vietnamesen, darunter viele ehemalige Soldaten und Widerstandskämpfer.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, in Branchen wie der Textil- und Lebensmittelindustrie, waren oftmals schlecht. Viele Vertragsarbeiter verrichteten gesundheitsschädliche Arbeiten und lebten in beengten Wohnverhältnissen, die oft isoliert von der DDR-Bevölkerung waren. Eine Form der wirtschaftlichen Strategie zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen war die Herstellung von Kleidung in den Wohnheimen. Zudem waren Schwangerschaften bis 1987 untersagt, was zu vielen Abtreibungen führte.

Nach der Wende 1990 sahen sich die Vietnamesen mit Existenzangst und Diskriminierung konfrontiert. Die Möglichkeit, entweder freiwillig in ihr Heimatland zurückzukehren oder in einem vereinigten Deutschland neu zu orientieren, stellte viele vor große Herausforderungen. Arrangierte Scheinvaterschaften wurden von einigen als Migrationsstrategie genutzt, um unbefristete Aufenthaltsrechte zu erlangen. Vietnamesische Frauen erlebten dabei häufig Rassismus und Diskriminierung, die es notwendig machen, sich mit der Geschichte und den strukturellen Ungleichheiten der Vertragsarbeiter auseinanderzusetzen.