Die versteckten Kosten der häuslichen Gewalt: Eine teure Realität für Deutschland
Die weltweiten Kosten der Gewalt rücken zunehmend in den Fokus öffentlicher Debatten, doch die mediale Berichterstattung konzentriert sich oft auf Kriege, Terrorismus und andere gewaltsame Konflikte. Laut einer aktuellen Studie von Anke Hoeffler und James D. Fearon, die in ihrem Buch „Worse than War: The Global Costs of Violence“ veröffentlicht wurde, entfallen rund 12 Prozent der globalen Kosten von Gewalt auf Krieg und Terrorismus. Der größte Anteil hingegen entsteht durch interpersonelle Gewalt, insbesondere häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die globalen Kosten von Gewalt werden auf 23 bis 34 Billionen US-Dollar jährlich geschätzt, während interpersonelle Gewalt Kosten in Höhe von 20,3 bis 30 Billionen US-Dollar verursacht. Diese Zahlen unterstreichen die Dringlichkeit, andere gewaltsame Handlungen als ebenso bedeutend wie bewaffnete Konflikte zu betrachten, da sie oft weniger sichtbar sind.
Die Studie nutzt umfassende globale Datensätze zu Konflikten sowie offizielle Statistiken und Befragungen von Opfern, um die finanziellen Auswirkungen der Gewalt zu erfassen. Dabei werden verschiedene Kostenarten berücksichtigt: Tangible Kosten, die direkte Ausgaben wie medizinische Behandlungen umfassen; indirekte Folgekosten, die durch Produktivitätsverluste und langfristige gesundheitliche Folgen entstehen; und intangible Kosten, die Schmerz und Leid beinhalten. Interessanterweise übersteigen die intangible Kosten zwischenmenschlicher Gewalt die Gesamtkosten kollektiver Gewalt. Dies verdeutlicht, dass gegen Gewaltformen mit erheblichen gesellschaftlichen Kosten oft zu wenig unternommen wird. Hoeffler empfiehlt, stärker in Maßnahmen gegen häusliche Gewalt zu investieren, um die ökonomischen und sozialen Folgen abzumildern.
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen
Die Folgen von Gewalt gegen Frauen sind nicht nur individuell, sondern auch gesamtgesellschaftlich gravierend. Opfer häuslicher Gewalt haben ein hohes Risiko, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten oder auf staatliche Transferleistungen angewiesen zu sein. In Deutschland haben Fachberatungsstellen und Frauenhäuser gefordert, fundierte Berechnungen zu den gesellschaftlichen Folgekosten von Gewalt gegen Frauen durchzuführen. Dabei werden unterschiedliche staatliche Kostenfaktoren betrachtet, einschließlich der Ausgaben für Polizei, Ermittlungsverfahren, Gerichtsverhandlungen und Opferhilfe.
Laut einer deutschlandweiten Erhebung der Kosten häuslicher Gewalt von Prof. Dr. Sylvia Sacco belaufen sich die Gesamtkosten auf mindestens 3,8 Milliarden Euro pro Jahr, was Kosten von 74 Euro pro erwerbsfähiger Person ausmacht. Eine Studie des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE) aus dem Jahr 2021 beziffert die jährlichen Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt in Deutschland auf etwa 68 Milliarden Euro, von denen 32,5 Milliarden Euro auf Partnerschaftsgewalt entfallen. Diese enormen Summen zeigen die weitreichenden wirtschaftlichen Konsequenzen auf.
Kosten in Europa
In der gesamten EU schätzt die Studie des EIGE die Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt auf etwa 366 Milliarden Euro pro Jahr. In Deutschland betragen die gesellschaftlichen Folgekosten von häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen etwa 54 Milliarden Euro jährlich, was im Schnitt ungefähr 148 Millionen Euro pro Tag entspricht. Ein signifikanter Teil dieser Kosten entfällt auf das Gesundheitssystem, die Polizei und die Justiz sowie auf Arbeitsausfall bei den betroffenen Frauen.
Trotz der hohen finanziellen Belastung werden nur geringe Mittel für die staatliche Finanzierung von Unterstützungsangeboten wie Fachberatungsstellen bereitgestellt. Dies illustriert nicht nur die Notwendigkeit, die Betroffenen besser zu unterstützen, sondern auch den gesamtgesellschaftlichen Ansatz zur Bekämpfung der Gewalt, dessen umfassenderes Verständnis und Einsicht in die wirtschaftlichen Tragweiten somit unumgänglich sind.
