Am 10. November 2026 geht es an der Universität Bielefeld um eine Tugend, die selten laut auftritt: „Diskretion. Habitus, Konvention, Erzählstil“. Prof. em. Dr. Inka Mülder-Bach aus München spricht um 18:00 Uhr im Raum X-E0-001. Der Eintritt ist kostenlos.

Der Vortrag gehört zu den Norbert Elias-Lectures und nimmt einen Begriff unter die Lupe, der zugleich Urteilskraft und Zurückhaltung meint: Diskretion bezeichnet die Fähigkeit zu unterscheiden und zu urteilen – und ein auf dieser Fähigkeit beruhendes zurückhaltendes Verhalten. An ausgewählten Stationen der höfischen und bürgerlichen Diskursgeschichte untersucht Mülder-Bach, welche Bedeutung und Funktion dieser Begriff gewann.

Vom Hof in die Erzählung

Im Zusammenhang mit dem von Norbert Elias beschriebenen Zivilisierungsschub entwickelten sich mittelalterlich-feudale zu höfischen Verhaltensformen. Neue Begriffe für den stärker selbstkontrollierten Habitus der Oberschichten wurden in die europäischen Sprachen aufgenommen. Diskretion gehört in diese Geschichte hinein, aber sie bleibt nicht beim Benehmen stehen.

Am Beispiel Theodor Fontanes soll sie sowohl als Thema realistischen Erzählens als auch als Erzählstil sichtbar werden. Am 11. November 2026 schließt eine Master Class mit Inka Mülder-Bach zum Thema „Diskretes Erzählen“ an.

Mülder-Bach ist Professorin i. R. für Literaturwissenschaft. Sie lehrte an der FU Berlin, der LMU München und der Universität Düsseldorf. Von 2002 bis 2019 hatte sie den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der LMU München inne; von 2012 bis 2020 war sie Permanent Visiting Professor an der Princeton University.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Weitere Stationen: Sprecherin der Forschungsgruppe „Anfänge (in) der Moderne“ von 2006 bis 2013, Sprecherin des Schwerpunktprogramms „Prosa Schreiben“ von 2016 bis 2018 und Mitherausgeberin der Zeitschrift „POETICA“ von 2008 bis 2023. Ihre Forschung reicht von der deutschen Literatur des 18. bis 20. Jahrhunderts über Poetik, Ästhetik, Kulturtheorie der Moderne, Erzählforschung, Poetik des Romans und Formen der Prosa bis zu Robert Musil und Siegfried Kracauer. Gemeinsam mit Ingrid Belke gab sie Kracauers Werke in neun Bänden heraus (2004–2012).

Was Norbert Elias’ Zivilisierungsschub meint

Norbert Elias’ Über den Prozeß der Zivilisation erschien erstmals 1939 und begründete seine Zivilisationstheorie. Elias, der von 1897 bis 1990 lebte, untersuchte den langfristigen Wandel von Persönlichkeits- und Gesellschaftsstrukturen in Westeuropa, etwa vom 8. bis zum 20. Jahrhundert. „Zivilisation“ meint bei ihm keinen statischen Zustand, sondern einen fortlaufenden Prozess der Zivilisierung.

Das Werk entstand nach Elias’ Emigration zunächst in England, wurde 1939 in Basel mit Unterstützung eines Komitees für jüdische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland veröffentlicht und beruhte auf seiner Habilitationsschrift Die höfische Gesellschaft. Die Erstausgabe erschien in zwei Bänden. Die zweite, um eine Einleitung erweiterte Ausgabe kam 1969 in Bern/München heraus, die Taschenbuchausgabe 1976 in Frankfurt am Main. In den Gesammelten Schriften von 1997 finden sich die Bände 3.1 und 3.2.

Band 1 behandelt die Psychogenese der modernen Persönlichkeitsstruktur: mittelalterliche courtoisie, höfische civilité und neuzeitliche civilisation. Band 2 verfolgt parallel die Soziogenese – Feudalisierung, die Monopolisierung von Machtmitteln und die Vergesellschaftung dieser Monopole. Die Neuausgabe von 1969 enthielt zusätzlich eine ausführliche Einleitung und ein Schlusskapitel.

Die Grundidee ist klar, aber keineswegs simpel: Veränderungen der Persönlichkeitsstrukturen hängen mit Veränderungen der Sozialstrukturen zusammen. Technischer Fortschritt, gesellschaftliche Differenzierung, Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe zwischen Menschen und Gruppen, zunehmende Geldwirtschaft sowie die Zentralisierung staatlicher Gewalt- und Steuermonopole verändern das Zusammenleben. Die gegenseitigen Abhängigkeiten wachsen – Elias nennt sie Interdependenzketten.

Mit ihnen steigt der Druck zur Selbstkontrolle, Affektkontrolle und Selbstdisziplin. Zwischen spontanem Impuls und Handlung schiebt sich das Zurückhalten, das Überdenken möglicher Folgen. Gesellschaftliche Zentralisierung wird mit Verzögerung als „Zentralisierung“ innerhalb der Persönlichkeit verinnerlicht; Elias verbindet dies mit einer Verstärkung des Über-Ichs. Schamschwellen und Peinlichkeitsschwellen rücken vor, die Psychologisierung nimmt zu, ebenso die Fähigkeit, langfristige Folgen des eigenen Handelns vorauszuberechnen.

Besteck, Scham und staatliche Gewalt

Elias stützte sich auf Geschichtswerke, historische Biographien und zahlreiche Manierenbücher aus verschiedenen Regionen Westeuropas, vor allem aus der Zeit vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Darin standen zeitgenössische Anforderungen – etwa zum Essen oder Schnäuzen. Im Laufe der Zeit wurden diese Anforderungen umfangreicher. Ältere Regeln verschwanden später aus den Büchern, weil sie verinnerlicht und selbstverständlich geworden waren. Ihre bloße Erwähnung konnte in späteren Jahrhunderten bereits peinlich wirken.

Das lässt sich am Tisch beobachten: Differenziertere Esswerkzeuge, zunächst am Adelshof verbreitet, wurden später von bürgerlichen Schichten übernommen und schließlich zum gesellschaftlichen Standard. Schmatzen und Rülpsen gerieten durch höfische und bürgerliche Etikette ins Abseits. Körperpflege und Ausscheidungen wanderten aus dem öffentlichen in den privaten Bereich, Hygiene erhielt normativen Charakter.

Auch Sexualität wurde stärker kontrolliert, unterdrückt und tabuisiert. Gewaltbereitschaft gegenüber Mitgliedern der eigenen Gesellschaft nahm allmählich ab. Das Duell wurde durch das staatliche Gewaltmonopol verboten, Konflikte sollten institutionell geregelt werden. Selbst die rote Fußgängerampel taugt als kleines Alltagsbeispiel: Menschen warten, obwohl gerade niemand kontrolliert. Leises Telefonieren in öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert ähnlich – soziale Rücksichtnahme als eingeübte Selbstdisziplin.

Hinter diesen Verhaltensänderungen steht die Umwandlung von Fremdkontrolle in Selbstkontrolle. Gesellschaftliche Anforderungen wirken zunehmend als innere Selbstzwänge; Individuen kontrollieren Emotionen und Triebe, um ihr öffentliches Ansehen zu bewahren. Der Zivilisierungsprozess ist bei Elias zwar gerichtet, aber weder geplant noch unumkehrbar. Entzivilisierungsschübe sind möglich, etwa der deutsche Nationalsozialismus, den Elias später in Studien über die Deutschen analysierte.

Die Soziogenese umfasst demographische, politische, soziale und ökonomische Integrations- und Differenzierungsprozesse. Im mittelalterlichen Adel erzeugten Landknappheit und Konkurrenz starken Wettbewerbsdruck. Naturalwirtschaft überwog, Geld wurde wenig genutzt, Handelsbeziehungen und Arbeitsteilung waren schwach ausgeprägt, Staatsbildung und Befriedung gering; ein Gewaltmonopol fehlte. Einzelne lebten deshalb in ständiger Angst vor körperlicher Gewalt, langfristige Lebensplanung wurde schwierig.

Staatsbildung verringerte zunächst die Zahl der Konkurrenten, danach entstand die Monopolstellung einzelner Fürsten und schließlich der absolutistische Staat. Physische Gewalt wurde durch Institutionen, zunächst insbesondere durch das Königtum, monopolisiert. Parallel nahm die sozioökonomische Arbeitsteilung zu. Das Gewaltmonopol ermöglichte längerfristige Planung, schränkte private Gewalt ein und sanktionierte Gewalt außerhalb staatlicher Befugnisse. Im Verlauf dieser Soziogenese kam es zu einer „Macht-Enteignung“ der Einzelnen.

Figurationen statt einsamer Individuen

Elias erklärt historischen Wandel mit einer dynamischen Verflechtungsordnung, der Figuration. Pläne, Handlungen sowie emotionale und rationale Regungen greifen ineinander; daraus entstehen häufig Folgen, die niemand beabsichtigt hat. Der Prozess besitzt dadurch eine Eigendynamik, ist aber weder rational geplant noch völlig strukturlos. Eingriffe bleiben möglich, wenn seine ungeplanten Gesetzmäßigkeiten erkannt werden.

Unter starkem Konkurrenzdruck differenzieren sich gesellschaftliche Funktionen aus. Das verändert Verhalten und führt zu einer stärker geregelten psychischen Organisation. Schon von Kindheit an werden Regelungen als Selbstzwänge verinnerlicht. Monopolisierung und Stabilisierung staatlicher Gewalt schaffen „befriedete Räume“, in denen