Elmar Nass kehrt als Sozialethiker an die RWTH Aachen zurück
Elmar Nass ist wieder im Bistum Aachen. Zum 1. Oktober 2026 kehrte der Priester dorthin zurück; seit Beginn des Wintersemesters lehrt der Sozialethiker an der RWTH Aachen. Im Vorlesungsverzeichnis des Instituts für Katholische Theologie ist ein Seminar von ihm aufgeführt. Zugeordnet ist Nass dem Lehr- und Forschungsbereich „Systematische Theologie und Religionswissenschaften“.
Der Wechsel war bereits im Frühjahr absehbar. Die KHKT-Stiftung teilte im April 2026 mit, dass Nass die Kölner Hochschule für Katholische Theologie zum Ende des Sommersemesters verlassen werde. Einen Grund nannte sie nicht. Nass selbst erklärte, er wolle sich nach reiflicher Überlegung und Gebet wieder stärker anderen priesterlichen Aufgaben widmen. Seit Januar 2021 hatte er an der KHKT den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaften und gesellschaftlichen Dialog inne, seit Juni 2021 war er außerdem Prorektor.
Neuer Lehrort, unruhige Hochschule
In Köln hat sich die Leitung der Hochschule im Sommer ebenfalls verändert. Im Juli 2026 wurde bekannt, dass Rektor Christoph Ohly, Übergangsgeschäftsführer Dominik Heringer und Kanzlerin Nina Jungblut zum Ende des Sommersemesters aus ihren Ämtern ausschieden. Ohly leitet die KHKT bis zur Bestätigung eines Nachfolgers weiter. Die Ämter des Kanzlers und des Prorektors sind bislang unbesetzt.
Die KHKT entstand aus der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Steyler Missionare in Sankt Augustin. Ihre Finanzierung, staatskirchenrechtliche Bedenken und die Konkurrenz zur Katholisch-Theologischen Fakultät Bonn sorgen wiederholt für Kritik. Nass’ Rückkehr führt ihn nun an einen Ort, zu dem er schon lange akademische Verbindungen hat: 2014 habilitierte er sich an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen in Christlicher Wirtschafts- und Sozialethik.
Auf der Institutsseite der RWTH ist sein Weg mit erstaunlicher Genauigkeit nachgezeichnet. Am 5. Juni 2014 erhielt er die Venia Legendi für Christliche Wirtschafts- und Sozialethik und wurde Privatdozent an der Hochschule. Vom 1. April 2013 bis zum 31. Dezember 2020 war er Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe Hochschule Fürth; vom 6. Februar 2015 bis zum 31. Dezember 2020 leitete er dort zusätzlich das Wilhelm-Löhe-Ethikinstitut.
Vom Bankkaufmann zum Sozialethiker
Geboren wurde Elmar Nass am 5. Juli 1966 in Kempen am Niederrhein. Nach dem Abitur in Krefeld absolvierte er von 1986 bis 1988 eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Stadtsparkasse Mönchengladbach. Danach folgte das Grundstudium der Philosophie und Theologie in Bonn. Von 1990 bis 1993 studierte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und schloss als Baccalaureus theologiae ab. Als Alumnus des Collegium Germanicum et Hungaricum verbrachte er die Jahre 1990 bis 1995 in Rom.
Am 24. April 1993 wurde Nass in Rom zum Diakon geweiht. Nach einem praktischen Diakonatsjahr in Mönchengladbach-Odenkirchen empfing er dort am 10. Oktober 1994 die Priesterweihe. 1995 schloss er in Rom ein sozialwissenschaftliches Lizenziat als Lic. soc. ab. Anschließend war er bis 1999 Kaplan in Viersen-Süchteln, wo er auch eine politisch-religiöse Jugendpastoral initiierte. Sein theologisches Diplom in Trier und das Pfarrerexamen in Aachen folgten 1998.
Die akademische Laufbahn blieb eng mit dem kirchlichen Dienst verflochten. Von 1999 bis 2002 promovierte Nass am Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät Trier und war Subsidiar in Kohlscheid im Kreis Aachen. Am 30. November 2002 wurde er zum Dr. theol. promoviert. Zwischen 2002 und 2006 arbeitete er am Lehrstuhl für Sozialpolitik und Sozialökonomik der Ruhr-Universität Bochum, promovierte dort weiter und war zugleich Subsidiar in Bochum-Linden. Am 8. Februar 2006 folgte die Promotion zum Dr. soc.
Während seiner Gemeindearbeit in Bochum-Linden war Nass wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Lehrstuhl von Jörg Althammer sowie Dozent an der Universität Duisburg-Essen. 2006 hatte er außerdem einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln. Von 2007 bis 2012 hielt er Vorlesungen und nahm Prüfungen am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre und Pastoralsoziologie der Universität Bonn ab, ehe weitere Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen hinzukamen.
Kirchliche Aufgaben neben der Forschung
Im Bistum Aachen war Nass vom 1. November 2006 bis zum 31. März 2013 bischöflich Beauftragter für die Fortbildung des Pastoralpersonals. Am 1. Oktober 2007 wurde er zum Domvikar am Hohen Dom zu Aachen ernannt; seit 2007 ist er Domvikar am Aachener Dom. Von 2013 bis 2021 war er als Subsidiar im Pfarreiverbund Fürth-West tätig. Am 29. Juni 2021 übernahm er das Amt des Prorektors der KHKT, nachdem er dort zum 1. Januar desselben Jahres den Lehrstuhl übernommen hatte.
Nass ist wissenschaftlicher Berater der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands, seit 2011 Mitglied und Seelsorger der Studentenverbindung KDStV Marchia zu Aachen im Cartellverband. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft und Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Förderung von Wirtschaftswissenschaften und Ethik. 2014 ernannte ihn Kardinal-Großmeister Edwin Frederick Kardinal O’Brien zum Ritter des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem; am 10. Mai 2014 wurde Nass im Aachener Dom investiert. Seit 2022 ist er stellvertretender geistlicher Berater und kirchlicher Assistent für Rheinland und Westfalen der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus.
Inhaltlich kreist seine Arbeit um Sozialethik, vor allem Wirtschaftsethik, und um die gesellschaftliche Relevanz und Ausdrucksfähigkeit von Kirche und christlicher Sozialethik. In praktischen Schriften verbindet er liturgischen Vollzug, diakonisches Handeln und persönliches Glaubenszeugnis. Ihn beschäftigen die Plausibilität christlichen Glaubens und Handelns ebenso wie die Tugenden Mut und Hoffnung.
Menschenwürde, Markt und Subsidiarität
Nass steht in der Tradition von Joseph Höffner und Oswald von Nell-Breuning. Seine naturrechtliche Sozialethik profiliert er als normativen Humanismus auch ökumenisch. Ausgangspunkt ist eine objektiv begründbare Menschenwürde mit daraus ableitbaren Rechten und Pflichten. Dabei verbindet er thomasische Traditionen mit neoaristotelischen Gerechtigkeitsansätzen von Amartya Sen und Martha Nussbaum sowie mit kantischer Vernunftethik. Diese weltanschauungsübergreifende Verbindung soll einer Relativierung der Menschenwürde entgegentreten.
Auch die von Papst Benedikt XVI. vertretene stärkere Betonung der Tugendethik im Kontext der Sozialethik teilt Nass. Bekannt wurde er unter anderem durch ethische Positionen zur Währungskrise und durch die Betonung der Subsidiarität gegenüber der Solidarität. Das klingt trocken, bis man merkt, dass daran sehr konkrete Fragen hängen: Wer entscheidet? Wer trägt Verantwortung? Und wann hilft der Staat, wann nimmt er den Menschen etwas aus der Hand?
Zu seinen Veröffentlichungen gehören Der humangerechte Sozialstaat von 2006, Die Kirche und das Euro(pa)dilemma von 2012 sowie Wirtschaft, Währung, Werte. Die Euro(pa)krise im Lichte der Katholischen Soziallehre, das er 2014 mit Alfred Schüller und Joseph Kardinal Höffner veröffentlichte. Hinzu kommen die Zeitschrift für Marktwirtschaft und Ethik von 2016, das Handbuch Führungsethik, Teil I von 2017, Utopia Christiana – Vom Kirche- und Christsein heute von 2018 und Christliche Sozialethik: Orientierung, die Menschen (wieder) gewinnt von 2020.
Jüngere Arbeiten
