FAIR in Darmstadt: Wie Architektur den Bau eines Teilchenbeschleunigers sichtbar macht
Wer heute an der TU Berlin über die Zukunft großer Forschungsanlagen spricht, landet schnell in Darmstadt. Dort wächst mit FAIR, der „Facility for Antiproton and Ion Research“, eines der weltweit größten Forschungsprojekte dieser Art. Die Ausstellung „Form Follows Beam. Architektur für einen Teilchenbeschleuniger“ macht sichtbar, was sonst meist hinter Bauzäunen, Beton und komplizierten Plänen verschwindet.
Zu sehen ist die Ausstellung vom 2. September bis 9. Oktober 2026 in der Architektur Galerie Berlin, Karl-Marx-Allee 96, 10243 Berlin. Im Mittelpunkt stehen Planung und Bau des Beschleunigerzentrums am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt. FAIR soll Deutschlands Bedeutung als Wissenschaftsstandort stärken – ein ziemlich großer Anspruch, der sich auch in den Dimensionen der Anlage zeigt.
Ein Ring unter der Erde
Die unterirdische Doppelringanlage hat einen Umfang von 1,1 Kilometern. Angeschlossen sind 14 Forschungsgebäude. Für die Planung schlossen sich DGI Bauwerk und schneider+schumacher zur Arbeitsgemeinschaft ion42 zusammen. Der Name spielt auf geladene Teilchen, also Ionen, an – und auf die Zahl 42 aus Douglas Adams’ Roman Per Anhalter durch die Galaxis.
Mehr als 18 Jahre Planungs- und Bauzeit dokumentiert die Schau mit Plänen, Texten und Modellen. Fotografien von Kirsten Bucher und Norbert Miguletz zeigen monatlich abwechselnd die Dimension und den Fortschritt der Baustelle. Mal geht es um die schiere Größe, mal um den langsamen Wandel eines Ortes, an dem sich über Jahre scheinbar kaum etwas bewegt – und dann plötzlich doch.
Geöffnet ist Dienstag bis Freitag von 14–19 Uhr sowie Samstag von 12–18 Uhr. Ein Begleitgespräch findet am Donnerstag, 8. Oktober 2026, um 19 Uhr statt.
Von der Idee zum internationalen Projekt
Die wissenschaftlichen Nutzer der GSI entwickelten das Konzept für ein internationales Beschleunigerzentrum für Ionen- und Antiprotonenstrahlen, weil die bestehende Anlage absehbar an ihre Forschungsgrenzen stoßen würde. Im Frühjahr 2003 beschloss das Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Empfehlung des Wissenschaftsrats zu folgen und das neue Zentrum gemeinsam mit internationalen Partnern zu bauen. 2006 wurden die technischen Planungen veröffentlicht.
Bis Februar 2007 unterzeichneten China, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Indien, Italien, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, Spanien und Großbritannien ein Memorandum of Understanding für die internationale Zusammenarbeit in der Vorbereitungsphase. Am 7. November 2007 folgte das FAIR-Kommuniqué zum offiziellen Projektstart, unterzeichnet von Deutschland, Hessen, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweden und Spanien.
Die erste Bauphase sollte mit einem zwischen den Partnerländern abgestimmten Budget beginnen; auch die Finanzierung des Betriebs wollten die Partner gemeinsam sicherstellen. Damals war die Fertigstellung für 2015/2016 vorgesehen, erste Experimente sollten bereits ab 2012 stattfinden. Die Zeitpläne hielten dem Projektalltag allerdings nicht stand.
Am 4. Oktober 2010 unterzeichneten Deutschland, Finnland, Frankreich, Indien, Polen, Rumänien, Russland, Slowenien und Schweden in Wiesbaden ein völkerrechtliches Übereinkommen zur Gründung von FAIR als eigenständigem Forschungszentrum. Gleichzeitig wurde die internationale FAIR GmbH gegründet, die für Bau und Betrieb der Anlage zuständig ist.
Beton, Boden und lange Verzögerungen
Im Dezember 2011 begannen die Vorbereitungen des Baufelds. Östlich der GSI wurden 2011/2012 und im darauffolgenden Winter 20 Hektar Wald gerodet. Der Oberboden kam in nahe gelegene Bodenlager und sollte später zur Begrünung verwendet werden. Forstwirtschaftliche und ökologische Ausgleichsmaßnahmen wurden eingeleitet und fortgeführt.
Im März 2013 wurde der erste von insgesamt 1.350 Bohrpfählen gesetzt. Sie stabilisieren den überwiegend aus Sand, Schluff und Ton bestehenden Baugrund. Gemeinsam mit den Bodenplatten bilden sie eine kombinierte Pfahl-Plattengründung, damit sich die schweren Gebäude möglichst wenig und gleichmäßig setzen. Im Juni 2014 waren die Bohrpfahlarbeiten abgeschlossen.
Schon 2014 wurden bauliche Verzögerungen und steigende Baukosten absehbar. Mehrere unabhängige Expertengruppen bestätigten zwar die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit von FAIR, darunter eine von CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer geleitete Gruppe. Die Heuer-Kommission bewertete die Leistungsfähigkeit der vier Kollaborationen angesichts der Verzögerungen jedoch unterschiedlich. Das führte zu Diskussionen über eine mögliche Verkleinerung des wissenschaftlichen Programms.
Im September 2015 bestätigte der FAIR Council schließlich das Ziel, das Projekt im Umfang des völkerrechtlichen Vertrags zu errichten und die Mehrkosten zu übernehmen. Als Kostenobergrenze wurden 1,262 Milliarden Euro auf Preisniveau 2005 für das Projekt festgelegt. Hinzu kamen 95 Millionen Euro auf Preisniveau 2005 für standortbedingte Kosten, die Deutschland übernimmt. 2010 waren noch 1,022 Milliarden Euro zuzüglich 95 Millionen Euro für den Strahlbetrieb ab 2018 vereinbart worden; 2005 hatte die ursprüngliche Veranschlagung bei 700 Millionen Euro gelegen.
Ein Zeitplan, der weiterwandert
Nach dem Planungsstand von 2018 sollten 2023 rund 80 Prozent der Experimente laufen und FAIR bis 2025 den Vollbetrieb erreichen. Wegen des Kriegs in der Ukraine wurde 2022 ein Betriebsbeginn für 2027 genannt. Ein Großbrand am 5. Februar 2026 beschädigte Technik in der Umgebung des für FAIR erforderlichen Linearbeschleunigers UNILAC. Die FAIR-Baustelle selbst war von dem Brand nicht betroffen.
Weitere Bauabschnitte umfassen das Gebäude zur Protonenerzeugung, den Transferbereich von GSI-SIS18 zu FAIR-SIS100, das SIS100 sowie ein großes Kreuzungsgebäude für mehrere Strahlstrecken. Auf den Modellen in Berlin wirkt das fast handlich. Man kann die Wege mit den Augen abfahren, von Gebäude zu Gebäude, über Ring und Transferstrecken hinweg. Vor Ort aber steckt dahinter eine Baustelle, die seit Jahren an Zeit, Geld und Geduld arbeitet.
Die Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin zeigt genau diese Spannung: Teilchenphysik erscheint nicht nur als abstrakte Forschung, sondern als Architekturaufgabe mit Erdbewegungen, Pfählen, Kostenplänen, internationalen Vereinbarungen und immer neuen Terminen. Wer am 8. Oktober zum Begleitgespräch geht, sollte allerdings die Uhr im Blick behalten: Beginn ist um 19 Uhr.
