Hemodynamix gewinnt Hessen Ideen mit Software für präzisere Herz-Kreislauf-Diagnostik
Im Kommunikationsmuseum Frankfurt ging es beim elften Wettbewerb „Hessen Ideen“ zügig zur Sache: Elf Teams von neun hessischen Hochschulen stellten ihre Gründungsideen vor, jeweils in 90 Sekunden. Danach war Schluss – ein DJ beendete die Beiträge pünktlich, was den Auftritten einen fast schon TikTokartigen Takt gab.
Auf der Bühne landeten sehr unterschiedliche Vorhaben: ADHS-Apps für Frauen, KI-gestützte Materialentwicklung für die Raumfahrt, ein Weidezaunroboter und Software für eine vereinfachte Herz-Kreislauf-Diagnostik. Hochschul- und Wirtschaftskulturen trafen aufeinander, manchmal vermutlich mit Reibung, aber jedenfalls mit Tempo.
Software für Druckkurven gewinnt
Den dritten Platz holte der „Weidezaun-Roboter“ aus Kassel. „Workcraft“ aus Darmstadt kam auf Rang zwei und erhielt zusätzlich den Publikumspreis. Der erste Platz ging an „Hemodynamix“ der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Preise waren mit 5.000 bis 10.000 Euro dotiert.
„Hemodynamix“ hat eine Software entwickelt, die kardiale Druckkurven besser analysieren soll. Dadurch könnten weitere Diagnoseschritte eingespart werden. Entstanden ist das Projekt aus Forschungsarbeiten in einem Sonderforschungsbereich und einem Exzellenzcluster der Justus-Liebig-Universität.
Das Gründungsteam um den Mediziner und Physiker Professor Khodr Tello arbeitet seit etwa einem Jahr an der Ausgründung und spricht bereits mit Investoren. Tello berichtete, zunächst habe ein externes Start-up auf den Forschungsbereich aufmerksam gemacht. Anschließend unterstützte die Klinik das Vorhaben.
Erstmals wurde außerdem ein KI-Sonderpreis vergeben. Er ging an „PRISM“ von der Universität Gießen. Der Vorjahrespreisträger Leon Grünewald gab den aktuellen Gründerinnen und Gründern einen schlichten Rat: Ausdauer. Für sein Team sei „Hessen Ideen“ nur der Anfang gewesen.
Mehr Transfer, früherer Kontakt
Wissenschaftsminister Timon Gremmels forderte, den Technologietransfer als dritte gleichberechtigte Säule neben Lehre und Forschung zu etablieren. Eine Novellierung des Hessischen Hochschulgesetzes soll dafür den Rahmen schaffen.
Rita Borromeo Ferri, Vizepräsidentin der Universität Kassel, sprach sich zudem dafür aus, dass Schulen frühzeitig Kontakte zu Unternehmen aufbauen. Der Weg von einer Idee aus dem Klassenzimmer oder Labor bis zum eigenen Unternehmen beginnt dann vielleicht nicht erst kurz vor dem Abschluss.
Für den Wettbewerb müssen Gründungsideen über eine hessische Hochschule nominiert werden. Wie die Auswahl läuft, legen die Hochschulen selbst fest. Wer teilnehmen möchte, soll sich an die Gründungsberatung der eigenen Hochschule wenden.
Teilnahmeberechtigt sind das accadis Institute of Entrepreneurship (Träger: accadis Hochschule Bad Homburg gGmbH), die EBS Universität für Wirtschaft und Recht, die Evangelische Hochschule Hessen, die Evangelische Hochschule Tabor, die Frankfurt School of Finance & Management, die Frankfurt University of Applied Sciences, die Freie Theologische Hochschule Gießen, die Goethe-Universität Frankfurt, die Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, die Hochschule Darmstadt, die Hochschule Fresenius, die Hochschule Fulda, die Hochschule für Gestaltung Offenbach, die Hochschule Geisenheim, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, die Hochschule RheinMain, die Justus-Liebig-Universität Gießen, die Philipps-Universität Marburg, die Technische Hochschule Mittelhessen, die Technische Universität Darmstadt, die Theologische Hochschule Ewersbach, die Tomorrow University of Applied Sciences, die Universität Kassel und die University of Labour.
Einen Sonderstatus nach § 97 HHG haben die Lutherisch-theologische Hochschule Oberursel, die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen und die Theologische Fakultät Fulda.
Bundesweit bleibt die Finanzierung ein Knackpunkt
Wie schwierig der Schritt aus der Forschung in den Markt sein kann, zeigt auch eine bundesweite Initiative vom 18.06.2026. Business Angels Deutschland (BAND) e.V., Dachverband und Thinktank des deutschen Business-Angel-Ökosystems, hat das German Spin-Off Frameworks (GSOF) mitgestaltet. Beteiligt ist unter anderem die RWTH Aachen University.
Deutschland verfügt über eine international leistungsfähige Forschungslandschaft, dennoch gibt es vergleichsweise wenige erfolgreiche Ausgründungen aus der Wissenschaft. Als Hindernisse gelten lange Verhandlungen zum Technologietransfer, komplexe Deal-Strukturen und Rahmenbedingungen, die sich nur schwer finanzieren lassen.
Mehr als 40 Organisationen aus Venture Capital, Forschung und Technologietransfer unterstützen das GSOF. Das Rahmenwerk soll wissenschaftliche Ausgründungen schneller, fairer und planbarer machen. Es versteht sich als praxisnaher Leitfaden und definiert transparente „Landezonen“ für die Lizenzierung oder Ausgründung geistigen Eigentums. Im Mittelpunkt stehen langfristige Wertschöpfung, Investierbarkeit und Anreize für Gründer.
In Kassel dürfte man diese Fragen heute, am 25.09.2026, ziemlich gut kennen: Zwischen Forschungsidee, Hochschulunterstützung und Investorengespräch liegen oft mehr als 90 Sekunden – und manchmal entscheidet genau dieser lange Teil darüber, ob aus einem Projekt ein Unternehmen wird.
