Angststörungen stellen in Deutschland ein weit verbreitetes Problem dar. Schätzungen zufolge sind etwa 15% der Bevölkerung betroffen und zeigen übermäßige Angst in ungefährlichen Situationen, wie zum Beispiel der Konfrontation mit Spinnen oder engen Räumen. Dieses Phänomen ist nicht nur ein individuelles Leiden, sondern betrifft auch das soziale Umfeld der Betroffenen.
Im Angesicht dieser Herausforderungen hat Dr. Belkis Ezgi Arikan an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen ein neues Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das Licht in die komplexen Mechanismen der Angstverarbeitung bringen soll. Unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 411.000 Euro über einen Zeitraum von 36 Monaten, zielt das Projekt darauf ab, innovative Ansätze zur Behandlung von Angststörungen und Phobien zu entwickeln.
Forschung zu Körperwahrnehmung und Bedrohungseinschätzung
Dr. Arikans Projekt trägt den Titel „Die Gefahr wahrnehmen: Die Rolle handlungsinduzierter taktiler Stimuli bei der Reaktion auf Bedrohungen“. Es soll im Januar 2027 starten. Ein entscheidender Aspekt dieser Forschung ist das Zusammenspiel von Tastsinn und Sehen. Dabei wird erforscht, wie der Körper selbst erzeugte Berührungen wahrnimmt und wie diese Wahrnehmungen die Einschätzung von Bedrohungen beeinflussen können.
Das Vorhaben schließt eine Lücke in der bisherigen Forschung, die entweder die Wahrnehmung von Bedrohungen oder die Reaktionen darauf betrachtet hat. Gemeinsam mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen, darunter Prof. Dr. Ulrike Bingel, Prof. Dr. Katja Fiehler und Prof. Rochelle Ackerley, arbeitet Dr. Arikan daran, die zugrunde liegenden Mechanismen aus mehreren Blickwinkeln zu entschlüsseln. Der Fokus liegt auf der Analyse der Entstehung von Berührungen in Reaktion auf Bedrohungen sowie auf den damit verbundenen subjektiven Erlebnissen und der Gehirnaktivität.
Wissenschaftliche Durchbrüche und Therapieansätze
Parallel zu Dr. Arikans Forschung haben andere Wissenschaftler bedeutende Fortschritte in der Verständnis von Angststörungen gemacht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Sainsbury Wellcome Centre (SWC) am University College London zeigt, dass Angstreaktionen erlernt werden können und dass es möglich ist, diese durch gezielte Interventionen zu unterdrücken. Diese Studie, veröffentlicht in der renommierten Zeitschrift Science, stellt die gängige Annahme in Frage, dass das Großhirn das Hauptareal für Lernen und Gedächtnis ist.
Unter der Leitung von Sonja Hofer hat das Forschungsteam entdeckt, dass eine tief im Gehirn gelegene Struktur, der ventrolaterale Nucleus geniculatus (vLGN), eine zentrale Rolle dabei spielt, Angstreaktionen zu unterdrücken und das Verlernen von Angst zu fördern. Dabei wurden Mäuse beobachtet, die in wiederholten Tests mit einem simulierten Greifvogel konfrontiert wurden. Anfangs suchten sie Schutz, aber nach mehrmaligem Ausbleiben der Bedrohung reduzierten sich ihre Angstreaktionen erheblich.
Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Mechanismen sowohl im Mäuse- als auch im menschlichen Gehirn vorhanden sind. Endocannabinoide, vom Körper selbst produzierte Botenstoffe, spielen eine entscheidende Rolle, indem sie die Stimmung fördern und Lernprozesse anstoßen. Die Ergebnisse eröffnen neue Therapieansätze, die gezielt vLGN-Schaltkreise oder Endocannabinoid-Systeme ansprechen könnten, um das Verständnis und die Behandlung von Angststörungen nochmals zu verbessern.
Dr. Arikan und das Forschungsteam setzen ihre Anstrengungen fort, um ein tieferes Verständnis für die Feinheiten der Angstwahrnehmung zu erlangen. In Anbetracht der weit verbreiteten Natur von Angststörungen könnte ihr Projekt, zusammen mit den parallel geführten Studien, einen bedeutenden Beitrag zur Behandlung und einen Lichtblick für viele Betroffene darstellen.
Für weitere Informationen zu Dr. Belkis Ezgi Arikans Projekt besuchen Sie bitte uni-due.de. Zusätzliche Perspektiven auf neue Forschungsergebnisse zu Angststörungen finden Sie in dem Artikel von nationalgeographic.de.