Fünf Briefe bringen Gräfin Cosels Stimme zurück auf Burg Stolpen
Heute, am 25.09.2026, gibt es auf Burg Stolpen einen kleinen historischen Rückkehrer: Fünf Briefe der Gräfin Cosel sind als Schenkung an den Ort gelangt, an dem sie einst geschrieben wurden. Zuletzt lagen die Originale in Privatbesitz. Im Oktober sollen sie auf Burg Stolpen ausgestellt werden.
Für das Museum ist das mehr als ein Neuzugang in der Vitrine. Mit den fünf Briefen besitzt es nun 13 originale Handschriften Anna Constantias. In den Schreiben erhebt Cosel finanzielle Ansprüche und lässt zugleich erkennen, wie es ihr während ihres Lebens auf der Burg erging. Papier, Tinte, Forderungen – und dazwischen eine Gefühlswelt, die über drei Jahrhunderte hinweg erstaunlich direkt wirkt.
Eine Frau, die sich nicht kleinmachen ließ
Anna Constantia wurde am 17. Oktober 1680 auf Gut Depenau in Holstein geboren. Sie stammte aus dem Adelsgeschlecht von Brockdorff und wuchs als Tochter des Ritters Joachim von Brockdorff und der bürgerlichen Kaufmannstochter Anna Margarethe auf. Für eine Frau der Barockzeit erhielt sie eine ungewöhnlich umfassende Ausbildung: mehrere Sprachen, Mathematik und klassische Bildung gehörten dazu. Sie ritt im Damen- und Herrensattel, ging auf die Jagd und soll Pfeife geraucht haben. Auch mit Gewehren konnte sie gut umgehen, wenn man den Berichten ihrer Zeitgenossen glaubt.
Diese beschrieben sie als ungestüm und eigensinnig. Mit 14 Jahren, 1694, wurde sie an den Hof Herzog Christian Albrechts auf Schloss Gottorf geschickt. Dort diente sie Sophie Amalie, der zehn Jahre älteren Tochter des Herzogs, als Hoffräulein. Als Sophie Amalie 1695 nach Wolfenbüttel zog, ging Anna Constantia mit. Nach acht Jahren am Hof endete ihr Aufenthalt wegen einer Schwangerschaft. Möglicherweise war Prinz Ludwig Rudolf, der jüngere Bruder des Erbprinzen, der Vater. Nach der Geburt eines Kindes im Jahr 1702 wurde sie vom Hof verbannt und zu ihren Eltern nach Depenau zurückgeschickt. Was aus dem Kind wurde, ist unbekannt.
Schon 1699 war ihre Verbindung mit dem zwölf Jahre älteren Adolph Magnus von Hoym arrangiert worden, dem Direktor des sächsischen Generalakzise-Kollegiums. Nach längerer Verlobungszeit heirateten beide am 2. Juni 1703 und lebten auf Schloss Burgscheidungen. Lange hielt das nicht. Bereits 1704 strebte Hoym die Trennung an und bezeichnete seine Frau als „herrschsüchtig und hinterhältig“. Als möglicher Grund gilt Hoyms Wunsch, seine Geliebte im selben Haus mit dem Ehepaar wohnen zu lassen. Anna Constantia soll sich geweigert haben. Die Ehe wurde 1706 auf Betreiben Augusts des Starken geschieden; nach anderer Darstellung ließ Hoym sich bereits im Januar 1705 scheiden.
Aufstieg am Dresdner Hof
Am 7. Dezember 1704 wurde August der Starke bei einem Brand in Dresden beziehungsweise im Haus Hoym auf Anna Constantia aufmerksam und begann, sich um sie zu bemühen. Zunächst lehnte sie eine Mätressenbeziehung ab – sie war bereits Mutter eines unehelichen Kindes und geschieden. Im Sommer 1705 bezog sie dennoch ein Haus am Taschenberg neben dem Dresdner Schloss. August holte sie an seinen Hof, obwohl er zu dieser Zeit noch eine Beziehung mit Fürstin Teschen unterhielt. Seine Ehefrau Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth lebte zurückgezogen auf Schloss Pretzsch.
Im Dezember 1705 übergab August Anna Constantia einen geheimen schriftlichen Vertrag. Für den Fall, dass die Kurfürstin sterben sollte, erklärte er sie zur künftigen Gemahlin, schwor ihr ewige Treue und stellte eine morganatische Ehe als „Frau zur Linken“ in Aussicht. Gemeinsame Kinder sollten legitimiert werden. Vorgesehen waren außerdem eine jährliche Pension von 100.000 Talern und das Rittergut Pillnitz.
Im Februar 1706, einen Monat nach der Scheidung, wurde Anna Constantia auf Hoyms Bitte vom Kaiser zur Gräfin von Cosel erhoben. August ließ um 1706 durch Matthäus Daniel Pöppelmann das Türkische Haus zu ihrem Wohn- und Repräsentationssitz umgestalten. Cosel wurde zum Mittelpunkt des sächsischen Hofes. Sie galt als schön, ehrgeizig und intelligent, zugleich aber als aufbrausend, hochmütig und dünkelhaft. Sie deckte Intrigen und Verfehlungen von Ministern auf und machte sich damit Feinde. Nach Ansicht des Hofes griff sie zunehmend in die Politik ein.
Cosel versuchte, Augusts Politik gegenüber dem Kaiser und seine Ambitionen auf die polnische Krone zu beeinflussen. Besonders der dirigierende Minister Jacob Heinrich von Flemming widersetzte sich ihrem Einfluss. Sie ließ Abschriften von Dokumenten des Geheimen Kabinetts an den kaiserlichen Gesandten in Sachsen weitergeben. Angeblich war ihr dafür der Titel einer Reichsfürstin von Görlitz versprochen worden; ein entsprechender Wappenentwurf ist im sächsischen Staatsarchiv erhalten.
August hatte nach seiner Niederlage gegen die Schweden im Großen Nordischen Krieg die Wiedergewinnung der polnischen Königskrone im Blick. Aus politischen Gründen war er zum Katholizismus übergetreten, Cosel blieb Protestantin und missbilligte seine polnischen Ambitionen. Sie warnte ihn vor den Machtkämpfen polnischer Fürstenhäuser. Schließlich entschied sich August für die katholische Gräfin Maria Magdalena von Dönhoff. Cosels Eifersucht und ihre Versuche, gegen Dönhoff vorzugehen, führten zur endgültigen Abwendung Augusts.
Von Pillnitz nach Stolpen
1713 verbannte August sie vom Dresdner Hof nach Schloss Pillnitz. Eine Übersiedlung nach Zabeltitz lehnte sie ab. Am 12. Dezember 1715 reiste sie nach Berlin, um den von August zurückgeforderten Ehevertrag zu beschaffen. Weil sie Pillnitz nicht hätte verlassen dürfen, wurde die Reise als Flucht gewertet. Das Eheversprechen hätte, wäre es bekannt geworden – besonders in Preußen –, einen politischen Skandal und eine europaweite Blamage für August auslösen können.
August bot dem preußischen König im Austausch für ihre Auslieferung nach Sachsen preußische Deserteure an, die nach Sachsen geflohen waren. Der König versicherte, dass die Soldaten nicht hingerichtet würden. Danach stimmte August dem Handel zu. Die Gräfin von Cosel kehrte am 21. November 1716 über Halle und Nossen nach Dresden zurück, wurde zunächst unter Arrest gestellt und am 24. Dezember 1716 auf die Burg Stolpen gebracht – am Heiligabend.
In Stolpen verbrachte sie den Rest ihres Lebens. Die Angaben zur Dauer unterscheiden sich: In der Überlieferung ist von 48 Jahren die Rede, zugleich lebte sie dort bis zu ihrem Tod 49 Jahre lang. August ließ ihr ihren gesamten Besitz. Sie bezog weiterhin Einkünfte aus ihren Landgütern, darunter dem Spitzhaus in Radebeul mit seinen Weinbergen. Ihr Vermögen betrug laut damaligen Akten zunächst mehr als 500.000 Taler; 1718 wurden 828.582 Taler gezählt.
Im für sie ausgebauten Zeughaus hielt Cosel Hof und bewohnte es bis 1743. Dann zerstörte ein Blitzeinschlag das Gebäude, und sie zog in den Johannisturm. Im selben Jahr hob der Dresdner Hof die Kuratel über sie auf. Freiwillig blieb sie trotzdem auf Stolpen. Warum genau, ist nicht eindeutig geklärt. Ihre Kinder wurden am Dresdner Hof erzogen, versorgt und später standesgemäß verheiratet. Briefe ab 1728 an die Minister Wackerbarth, Löwendal und Watzdorf zeigen, dass ihr eine Rückkehr an den Dresdner Hof wichtig gewesen sein dürfte.
Briefe, Burg und Erinnerung
Die nun zurückgekehrten fünf Briefe passen in dieses Bild einer Frau, die auch in der Verbannung ihre Ansprüche nicht einfach beiseitelegte. Sie schrieb über Geld und über ihr Befinden, ausgerechnet dort, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbringen musste. In späteren Jahren beschäftigte sich Cosel mit Religionen und lebte zuletzt nach jüdischen Regeln. Einen Übertritt zum Judentum soll sie weder erwogen noch vollzogen haben.
Anna Constantia Gräfin von Cosel starb am 31. März 1765 im Alter von 84 Jahren auf Burg Stolpen, im Johannis- beziehungsweise Coselturm. Ihre Grabstätte befindet sich in der Burgkapelle. Die Burg verließ sie auch nach ihrem Tod nicht – zumindest nicht als historische Figur.</
