Eine bis dato unbekannte Handschrift aus der bedeutsamen Sammlung der Bibliotheca Palatina wurde kürzlich wiederentdeckt. Die Handschrift stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert und wurde in Konstanz und Basel für Johannes Zeller verfasst. Zeller, eine einflussreiche Person seiner Zeit, hatte diverse Ämter in den Diözesen und Hochstiften von Konstanz und Basel inne. Dies zeigt sich auch in der Zusammenstellung der Texte, die im Codex enthalten sind. Dabei handelt es sich um bedeutende juristische Werke, unter anderem den „Tractatus de iuribus regni et imperii Romanorum“ von Lupold von Bebenburg, der zwischen 1338 und 1340 entstand. Dieser Traktat vertritt die Position, dass der gewählte römische König auch ohne päpstliche Bestätigung die volle Verfügungsgewalt über Reich und Imperium hat.
Der Codex beinhaltet darüber hinaus weitere Texte von verfassungsrechtlicher Relevanz, die in der damaligen Zeit zur Diskussion über Macht und Herrschaft beitrugen. Der Einband des Manuskripts stammt von Kurfürst Ottheinrich (1502 bis 1559) und belegt seine Zugehörigkeit zur Bibliotheca Palatina im Mittleren 16. Jahrhundert. Im Jahr 1623 wurde die gesamte Büchersammlung der Bibliotheca Palatina im Kontext des Dreißigjährigen Kriegs in den Vatikan überführt. Dabei ging der Codex in den Verluststatus über und wurde im Inventar von 1798 als vermisst aufgeführt.
Rätselhafte Wiederentdeckung der Handschrift
Die Handschrift tauchte später in der Bibliothek des britischen Aristokraten Frederick North (1766 bis 1827) auf, bevor sie von dem Maler Wilhelm Trübner (1851 bis 1917) aus dessen Nachlass erstanden wurde. Schließlich gelangte der Codex in ein Münchner Antiquariat und wurde 1937 an die Universitätsbibliothek Heidelberg verkauft, wo er die Bibliothekssignatur „Cod. Pal. lat. 778“ erhielt. Damit ist die Handschrift wieder Teil der wertvollen Bibliotheca Palatina und zeigt ihre lange und bewegte Geschichte.
In einem weiteren Kontext thematisiert der Codex auch den „Tractatus De Juribus Incorporalibus“, der in verschiedene Titel und Paragraphen unterteilt ist und spezifische rechtliche Regelungen behandelt. Die vorliegende Vorrede richtet sich an die Obrigkeiten und Untertanen im Herzogtum Österreich unter der Enns, wobei die Notwendigkeit von Regelungen zu Jurien incorporalium hervorgehoben wird, um Streitigkeiten zu vermeiden. Diese Aspekte unterstreichen die Bedeutung der Handschrift sowohl für das rechtliche als auch für das soziale Gefüge der damaligen Zeit.
Wissenschaftliche Relevanz und Digitale Erschließung
Die digitale Erfassung spielt eine zentrale Rolle für die wissenschaftliche Analyse und den Zugang zu historischen Handschriften. Der Handschriftencensus, eine umfassende Online-Datenbank für deutschsprachige Handschriften des Mittelalters (750-1520), bietet wertvolle Informationen zur Provenienz und inhaltlichen Ausrichtung dieser Schriftzeugnisse. Seit 2017 wird dieser Census von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz betrieben und erhält Unterstützung von Bund und Ländern im Rahmen des Akademienprogramms der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften. Die Datenbank ermöglicht den Zugriff auf Digitalisate und ist ein entscheidendes Werkzeug für Forscher, die sich mit den Manuskripten dieser ereignisreichen Epoche beschäftigen. uni-heidelberg.de, repertorium.at, handschriftencensus.de