Gen Z protestiert: 21 Städte zwischen Sozialabbau, Klimaschutz und Gewaltdebatte
Am 31. Oktober 2026 sollen in Berlin und 20 weiteren deutschen Städten Demonstrationen junger Menschen stattfinden. Bundesweit haben sich nach Angaben der Initiativen bislang mehr als 10.000 Menschen in 21 Städten registriert – wie viele tatsächlich auf die Straße gehen, bleibt allerdings schwer einzuschätzen. Die Aufrufe richten sich gegen Sozialabbau, Kürzungen, rassistische Gewalt und Kriegsvorbereitung. Gefordert werden außerdem mehr Klimaschutz und Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten; zugleich wenden sich die Initiatoren gegen die Wehrpflicht.
In Berlin sind laut Polizei 10.000 Teilnehmer angemeldet. Der Zug soll am Nachmittag am Brandenburger Tor beginnen und durch die Innenstadt führen. Für die Sicherheitsbehörden ist der Termin längst mehr als eine gewöhnliche Kundgebung: Die Gewerkschaft der Polizei Berlin spricht von einer „Großdemolage“. Hessens Innenminister Roman Poseck sagte, die Behörden hätten den Termin „fest im Blick“, und kündigte wegen des erwarteten Gewaltpotenzials einen starken Polizeieinsatz sowie konsequentes Vorgehen an.
Zwischen Protest und Gewaltfantasien
Die Unruhe kommt nicht aus dem Nichts. In Frankreich, Belgien und Italien gab es gewaltsame Proteste, mit Plünderungen sowie brennenden Autos und Gebäuden. Bei Ausschreitungen am 18. Oktober 2026 wurden in Paris Geschäfte geplündert. In Frankreich hatten Schülerproteste ursprünglich mit Missständen im Bildungsbereich begonnen, sich dann aber auf weitere Themen ausgeweitet. Am vergangenen Wochenende demonstrierten dort landesweit Hunderttausende Menschen; zugleich kam es zu schweren Ausschreitungen.
In mehreren Telegram-Gruppen aus dem Umfeld der deutschen Proteste wurde über Steinwürfe und selbstgebaute Munition gesprochen. Einzelne Nutzer schrieben, Berlin solle zu einem „Schlachtfeld“ werden und brennen. Andere distanzierten sich von Gewalt, betonten den friedlichen Charakter der Aktionen oder spielten die Bedeutung der Mobilisierung herunter. Ein belegter Zusammenhang zwischen den radikalen Chatbeiträgen und den offiziellen Organisatoren existiert laut dem Bericht nicht.
Die Initiative „Gen Z regelt“, auch unter den Bezeichnungen „GenZ regelt“ beziehungsweise „GenZ steht auf“ bekannt, ruft bundesweit zur Teilnahme auf und verweist zur Vernetzung auf Telegram-Gruppen. Gewalt und Extremismus lehnen die Initiatoren ausdrücklich ab. Die Berliner Ortsgruppe, vertreten durch Gianni Matheja, kündigt einen friedlichen Protest an, will Gewalt verhindern und in angespannten Situationen deeskalieren.
Linken-Chefin Ines Schwerdtner hält die Debatte über mögliche Ausschreitungen für einen Versuch, die Protestbewegung zu diskreditieren. Bei einer Online-Konferenz von „Jacobin“ und „Die Linke.SDS“ warf sie der Presse „Angst- und Panikmache“ vor. Der Protest müsse sich gegen die Regierungspolitik richten und nicht gegen kleine Geschäfte, sagte Schwerdtner.
Unruhe auch an der FU Berlin
An der Freien Universität Berlin fand am Donnerstag eine Aktionsversammlung unter dem Motto „Unis gegen Krieg“ statt. Rund 50 Menschen kamen – nicht wie angekündigt vor der Mensa, sondern im Gebäude und anschließend in AStA-Räumen. Journalisten durften nicht hinein. Zur Begründung hieß es, teilnehmen dürften nur Studenten und Universitätsmitarbeiter.
Ob die Versammlung der Vorbereitung der Demonstrationen am 31. Oktober diente, blieb unbeantwortet. Ein Teilnehmer berichtete, in kleineren Gruppen sei über die bevorstehenden Proteste gesprochen worden. Andere äußerten sich zum Zweck der Zusammenkunft nur vage. Vor dem Gebäude warteten Polizeibeamte an mindestens drei Stellen. Die Polizei kündigte ein Einschreiten an, falls Transparente aufgehängt würden oder es zu gewaltsamen Ausschreitungen käme.
Die Freie Universität bestätigte, dass ursprünglich eine Veranstaltung vor dem Gebäude angekündigt worden war. Auf die Vorgänge in den AStA-Räumen habe die Hochschulleitung keinen Einfluss. Nach Beobachtung des Berichts verhielten sich die Teilnehmer friedlich, zugleich aber gegenüber Außenstehenden zurückhaltend und angespannt. So etwas merkt man schnell: kurze Blicke, wenig Worte, Türen, die nicht aufgehen.
Behörden verschärfen die Beobachtung
Das Bundesinnenministerium erklärte, die Sicherheitsbehörden beobachteten Aufrufe zu gewaltsamen Protesten. Bund und Länder stimmen sich dazu unter anderem im Gemeinsamen Extremismus- und Terrorabwehrzentrum ab. Gefährdungsbewertungen werden laufend und in Abstimmung mit Frankreich und Italien vorgenommen.
Der Verfassungsschutz verstärkt die Beobachtung einschlägiger Websites und Social-Media-Kanäle, besonders mit Blick auf mögliche Gewaltaufrufe. Die Bundespolizei kann die Landespolizeien unterstützen. Personen, die zur Teilnahme an gewaltsamen Ausschreitungen einreisen wollen, sollen an der Grenze zurückgewiesen werden. Das niedersächsische Innenministerium teilte mit, die Polizei sei sensibilisiert und beobachte die Entwicklung kritisch.
Das Bundesinnenministerium unterscheidet dabei zwischen friedlichen Schülerprotesten und einer gewaltbereiten extremistischen Szene, die solche Proteste für eigene Zwecke nutzen könnte. Der Berliner GdP-Landesvorsitzende Stephan Weh warnte, radikale Kräfte könnten demokratische Proteste wie in Frankreich vereinnahmen, Gewalt ausüben und die Versammlungsfreiheit missbrauchen. Andreas Roßkopf, GdP-Vorsitzender für die Bundespolizei, kündigte bei Krawallen ein konsequentes Vorgehen von Landes- und Bundespolizei an. Radikale und Extremisten könnten sich unter die Demonstrierenden mischen, Polizisten angreifen oder Zerstörungen verursachen, warnte er.
Der Einsatz fällt ausgerechnet in die Halloweennacht. In den vergangenen Jahren wurden Gruppen beobachtet, die Böller zündeten und Polizisten mit Feuerwerk beschossen. Dazu kommen weitere Versammlungen: Ein Palästinenser-Protest soll vom Kleistpark zum Potsdamer Platz ziehen. Die Hells Angels haben eine Motorraddemonstration von Bernau nach Berlin-Mitte angemeldet. Das Motto lautet „Freedom is our Religion“; die Kundgebung richtet sich gegen das Verbot, die Hells-Angels-Kutte zu tragen. Pyrotechnik, Motorräder, mehrere Protestzüge – für die Polizei wird das ein langer Abend.
Bereits am vergangenen Wochenende hatte ein Solidaritätsprotest mit den französischen Schülerprotesten in Berlin-Schöneberg etwa 250 Teilnehmer. Am Freitag zuvor versuchten Linksradikale laut dem Bericht, eine Schülerdemonstration in Friedrichshain zu übernehmen.
Protest als politischer Bildungsraum
Wie junge Menschen protestieren, wo sie sich vernetzen und was dabei gelernt wird, ist auch ein Thema des 16. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung, der 2020 veröffentlicht wurde. Der Bericht untersucht Räume politischer Selbstbildung: Schule, Hochschule, Jugendarbeit und Freiwilligendienste ebenso wie Jugendkulturen und soziale Protestbewegungen.
Politische Bildung versteht der Bericht als selbstbestimmten Prozess. Jugendliche und junge Erwachsene entwickeln darin Mündigkeit und orientieren sich an demokratischen Grundwerten. Politik meint dabei nicht nur Parlamente, sondern alle Aktivitäten und Strukturen, die auf allgemein verbindliche und öffentlich relevante Regelungen zielen. Demokratie wiederum gilt als historisch gewachsene Praxis, die fortlaufend ausgehandelt wird – nicht als fertiges Möbelstück, das einmal hingestellt und dann nur noch abgestaubt wird.
Der Ansatz grenzt sich von einer Demokratieerziehung ab, die ausschließlich von oben vermittelt wird. Politische Bildung kann je nach sozialem Kontext gefördert, ermöglicht oder verhindert werden. Familien, digitale Räume, Jugendkulturen und soziale Bewegungen sind dabei weniger von professionellen Fachkräften geprägt als viele andere Bildungsorte. Sie gehören überwiegend zu den informellen Bildungskontexten. Mit einem eigenen Kapitel macht der Bericht deutlich, dass politische Bildung auch in selbstorganisierten Zusammenhängen stattfindet.
Durch gemeinsames öffentliches Handeln schaffen junge Menschen eigene Räume, in denen sie sich artikulieren und politische Bildungsprozesse entwickeln können. Als Akteure sozialer Bewegungen treten sie selbst als legitime Sprecherinnen und Sprecher politischer Inhalte auf. Diese Räume beruhen auf Offenheit und Freiwilligkeit und verändern sich ständig. Die permanente Aktivität kann allerdings auch Distanzierung, Reflexion und Kontemplation erschweren.
Jugendkulturen und soziale Bewegungen unterscheiden sich stark in Struktur, Aktionsform und Reichweite. Nicht alle entsprechen einem demokratischen und menschenrechtlichen Verständnis politischer Bildung. Der Bericht nennt etwa bestimmte nationalistische und rechtsextreme Gruppen. Politisches Engagement führt nicht automatisch dazu, das eigene Handeln zu reflektieren, die eigene Position kritisch zu prüfen oder sich konstruktiv mit politischen Gegnern auseinanderzusetzen.
Untersucht werden unter anderem die Hip-Hop-Szene, die LSBTTIQ*-Bewegung, Fridays for Future, jugendpolitische Aktivitäten im Internet als Zwischenform und die Identitäre Bewegung Deutschlands
