Gen Z regelt: Jugendproteste gegen Wehrpflicht, Kürzungen und eine unsichere Zukunft
Am Samstag, 31. Oktober 2026, wollen Jugendliche in rund 30 deutschen Städten auf die Straße gehen. Ihr Bündnis „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“ ruft zu Demonstrationen gegen steigende Lebenshaltungskosten, Einsparungen bei Bildung und sozialen Angeboten, die Wehrpflicht und unzureichenden Klimaschutz auf. Dazu kommen Gesundheit, Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit und die Frage, wer eigentlich für die Zukunft bezahlen soll.
Auch in Rheinland-Pfalz regt sich etwas. In Mainz protestierten bereits etwa 150 Schülerinnen und Schüler gegen das Gesetz zum neuen Wehrdienst. Sie befürchten eine Rückkehr der Wehrpflicht. In Trier war keine Demonstration angemeldet, Unterstützung für die landesweiten Proteste gab es aber. An der Universität Trier forscht Sabine Bollig, Professorin für Sozialpädagogik, unter anderem zu Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen.
„Keine Revolution, sondern Investitionen“
Junge Menschen seien gesellschaftlich eine Minderheit und von vielen politischen Entscheidungen und Wahlen ausgeschlossen, sagt Bollig. Darin liege ein Repräsentationsproblem. Die angekündigten Proteste seien deshalb eine legitime Möglichkeit, jugendliche Perspektiven in den politischen Diskurs einzubringen. Die Jugendlichen forderten keine Revolution, sondern gesellschaftliche Investitionen in ihre Gegenwart und Zukunft.
Die Liste der Unsicherheiten ist lang: Klimakrise, ein durch Künstliche Intelligenz veränderter Arbeitsmarkt, politische Instabilität in Europa, die Folgen der Corona-Pandemie und psychische Belastungen. Dazu kommen ein teilweise marodes Bildungssystem, Kürzungen bei Bildungs- und Unterstützungsangeboten und fehlende Therapieplätze. Bollig bezeichnet den daraus entstehenden Frust als real begründet – nicht bloß als subjektives Gefühl von Ungerechtigkeit.
Auch frühere Generationen hätten Zukunftsängste gehabt. Heute verstärkten wachsende soziale Ungleichheiten jedoch den Eindruck, dass das Wohlstandsversprechen der Gesellschaft für junge Menschen unsicher werde. Die heutige Gruppe der Schülerinnen und Schüler sei außerdem besonders vielfältig. Engagierte Jugendliche nähmen Deutschland stärker als ältere Generationen als postmigrantische und vielfältige Gesellschaft wahr. Gleichzeitig fehlten Anerkennung und teilweise reale Sicherheit für Diversität. Viele setzten sich deshalb für gleiche Chancen ein.
Für Konny Schmitz, 16, aus Wuppertal, ist das keine Theorie. Er gründete „Gen Z regelt Wuppertal“ und meldete die dortige Demonstration an. Er fühlt sich von der Regierung vergessen, fordert mehr Geld für Bildung statt steigender Ausgaben für Waffen und verweist auf marode Schulen, fehlende Jugend-Suchthilfe und schwer zugängliche Psychotherapie. Leistungsdruck, teure Schulsachen und die Wehrpflicht seien weitere Belastungen. Gleiche Bildungschancen und mehr politische Beachtung für junge Menschen – darum geht es ihm.
Emily-Melissa Schoon, 16, aus Münster, war zuvor Schülersprecherin und organisiert die dortigen Proteste mit. Sie nennt Klimaschutz, Bildung, den Rechtsruck, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit. Sicherheit bedeute für sie mehr als militärische Verteidigung: Dazu gehörten auch Gesundheitsversorgung sowie Bildungs- und soziale Gerechtigkeit. Als Generationenkonflikt will sie die Debatte nicht verstanden wissen. Junge Menschen müssten bei Entscheidungen über ihre Zukunft stärker gehört werden.
Von Fridays for Future bis „Gen Z regelt“
Bollig ordnet die Proteste in eine Reihe früherer Jugendbewegungen ein: Bildungsstreiks, Fridays for Future und Proteste gegen die Wehrpflicht. Auch die Protestbewegungen in Frankreich, Italien und Serbien könnten die Mobilisierung beeinflussen. Die aktuelle Reformpolitik bilde vermutlich den konkreten Anlass für die neue Welle, vermutet Bollig – vor allem der Sparkurs und die Wehrpflicht.
Zur Unzufriedenheit trügen außerdem eine brüske Reaktion auf Regierungskritik, die Bezeichnung der Post-Corona-Generation als „Snowflakes“ und strafrechtliche Ermittlungen gegen friedlich Protestierende bei. Die sechs zentralen Forderungen der Initiative lauten: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen; ein bezahlbares Leben und mehr Beachtung sozialer Sorgen; eine gerechte Verteilung der Lasten; die Ablehnung der Wehrpflicht und mehr Beteiligung junger Menschen; der Schutz der Grundrechte statt weiterer Überwachung; konsequenter Klimaschutz.
„Ohne uns läuft die Zukunft nicht“, erklärt das Bündnis auf seiner Website. David, 22, aus Wuppertal, kritisiert Einsparungen bei Bildung, Gesundheit und Rente, während zugleich hohe Ausgaben für Militarisierung vorgesehen seien. Er will den Protest gegen gesellschaftliche Krisen stärken und setzt auf gemeinsame statt gegeneinander gerichtete Lösungen.
Marie Hacker, 17, aus Köln, berichtet von großem Interesse, auch bei Jugendlichen, die bisher politisch weniger aktiv waren. Ihr Schwerpunkt ist Bildung: Lehrermangel, Leistungsdruck und unsanierte Schulgebäude. Sie will friedlich demonstrieren und hofft, dass der gemeinsame Protest politischen Druck erzeugen kann. Lea, 18, aus Wuppertal, will gegen „strukturelle Gewalt“ auf die Straße gehen. Sie nennt Gewalt durch Polizei, Männer im eigenen Umfeld, Rassismus sowie Krieg und Besatzung – und betont, nicht für Gewalt, sondern gegen Gewalt zu demonstrieren. Tobias, 21, aus Wuppertal, kritisiert, dass junge Menschen für einen Staat sterben sollen, der aus seiner Sicht zugleich Zukunftsinvestitionen kürzt.
Fridays for Future ist dabei nicht vollständig verschwunden. Große Schulstreiks bleiben derzeit aus, auf lokaler Ebene engagieren sich junge Gruppen aber weiterhin für Nachhaltigkeit. Bollig sieht gerade darin eine gewisse Nachhaltigkeit: Schülerinnen und Schüler protestieren seit Jahren wiederholt.
Lose Netzwerke, unklare Zuständigkeiten
Aufgerufen wird über TikTok, Instagram und Telegram – bundesweit und lokal. Wer genau hinter den Gruppierungen steckt, ist laut den vorliegenden Informationen nicht eindeutig erkennbar. Das Impressum der Website wurde innerhalb einer Woche zweimal geändert; zuletzt war dort eine Schweizer Adresse angegeben. Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich wegen der unklaren Organisationsstruktur. Sie plant für den 20. November in Berlin einen eigenen Protest mit Lehrkräften und anderen Jugendbewegungen.
Protestforscher Jannis Julien Grimm hält lose Strukturen in frühen Phasen einer Bewegung für üblich. Mobilisierung entstehe häufig über informelle Netzwerke, persönliche Kontakte und digitale Kommunikation. Festgelegte Zuständigkeiten, Sprecherrollen und politische Programme entwickelten sich oft erst später – als Beispiel nennt er Fridays for Future.
Dauerhaft aufrechtzuerhalten seien Protestbewegungen trotzdem schwer, erklärt Bollig. Jugendlichen fehlten oft Zeit und Mittel, außerdem veränderten sich ihre Lebensbedingungen schneller als die von Erwachsenen. „Gen Z regelt“ versucht, die Proteste besser und nachhaltiger zu organisieren. Interne Verwerfungen zeigen zugleich, wie mühsam und langwierig das ist. Laut „Süddeutscher Zeitung“ trat der Bundessprecher der Initiative zurück, weil wegen der vielen beteiligten Akteure ein gemeinsamer friedlicher Rahmen nicht mehr ausreichend abgesichert gewesen sei.
Die Initiative erklärt sich solidarisch mit den Schülerprotesten in Frankreich. Dort demonstrierten Zehntausende in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Albanien unter anderem für niedrigere Lebenshaltungskosten, bessere Bildung und gegen Korruption. Einige dieser Proteste führten zu Plünderungen, brennenden Barrikaden und Angriffen auf Sicherheitskräfte. In Deutschland bereiten sich die Sicherheitsbehörden deshalb auf mögliche Ausschreitungen vor.
Friedlich angekündigt, kritisch beäugt
„Gen Z regelt“ erklärt auf der Website, der Protest sei ausnahmslos friedlich. Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Grundsätzen der Bewegung. Auf einem Instagram-Konto mit dem Namen „genzregelt“ und mehr als 9.000 Followern erschien zugleich ein Beitrag, der Enteignungen von Geschäften wie Gucci weniger kritisch darstellt und vor einer Trennung in friedliche und gewaltbereite Demonstrierende warnt.
Das Bundesinnenministerium sieht keine konkreten Gewaltaufrufe. Nach Angaben des Ministeriums greifen jedoch Teile der linksextremistischen Szene und einzelne ausländische Gruppierungen die Aufrufe auf und beteiligen sich an der Mobilisierung. Marc Henrichmann (CDU), Vorsitzender des Geheimdienst-Kontrollgremiums des Bundestags, warnt vor einer möglichen Unterwanderung durch international vernetzte und koordinierte linksextreme Gruppen. CDU-Innenexperte Alexander Throm befürchtet, die Proteste könnten von Linksextremisten und kriminellen Personen mit Migrationshintergrund „gekapert“ werden.
Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel berichtet von Aufrufen, an die Proteste in Frankreich anzuknüpfen. Diese fänden derzeit jedoch wenig Resonanz; konkrete Hinweise auf Plünderungsplanungen gebe es bislang nicht. Brandenburgs
