Der November trägt wieder Schnurrbart – zumindest symbolisch. „Movember“, zusammengesetzt aus „Moustache“ und „November“, macht auf Männergesundheit aufmerksam: auf körperliche Risiken, aber auch auf Tabuthemen wie psychische Belastungen. An der Uni Tübingen passt das Thema zum Ort, denn die Universität wird im Zusammenhang mit der durchschnittlichen Lebenserwartung von Männern genannt.

Schauspieler Martin Luding, 55, hat erlebt, wie lange man funktionieren kann, obwohl längst etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Nach einer Trennung und Scheidung, beruflichen Belastungen durch die Corona-Lockdowns und Problemen in einer neuen Beziehung suchte er professionelle Hilfe. Zuvor hatte er sich stark auf seine Kinder konzentriert und trotz Warnungen von Freunden weitergemacht. Irgendwann erkannte Luding, dass er allein nicht weiterkam – und seine neue Partnerschaft nicht gefährden wollte.

Wenn „schlimm genug“ zur falschen Frage wird

Rund eineinhalb Jahre dauerte seine Therapie. Sie habe ihm geholfen, den Einfluss eigener Prägungen und Erfahrungen zu verstehen, sagt Luding. Bei neuen Belastungen wolle er künftig wieder Gespräche suchen. Kein großer Auftritt, kein dramatischer Wendepunkt – eher die nüchterne Einsicht: So geht es nicht weiter.

Psychologin Katharina Piekorz berichtet, dass Männer häufig erst spät Hilfe suchen. Selbst im Erstgespräch fragten sie trotz hoher Belastung, ob ihre Situation „schlimm genug“ sei. Frauen sprächen nach ihrer Erfahrung eher über Probleme und kämen schneller zu dem Schluss, Unterstützung zu benötigen. Piekorz führt das unter anderem auf männliche Rollenbilder zurück. Ein Vorbild im Umgang mit Sorgen, Ängsten, Stress und Überforderung kann demnach bereits im familiären Umfeld entstehen.

Die Zahlen der Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse passen dazu: 57 Prozent der Männer mit Partnerin oder Familie sprechen über Sorgen, 45 Prozent tun das im Freundeskreis. Mehr als jeder Dritte versucht, Probleme allein zu bewältigen. Das klingt nach Zähne zusammenbeißen – und ist auf Dauer manchmal eine ziemlich schlechte Strategie.

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Gesundheit zeigt sich nicht bei allen gleich

Männer und Frauen unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Gesundheit und Krankheit. Das betrifft die Häufigkeit verschiedener Erkrankungen ebenso wie die Wahrnehmung und Kommunikation von Symptomen, das gesundheitsbezogene Verhalten und die Nutzung medizinischer sowie anderer Versorgungsangebote. Als mögliche Ursachen nennt das Robert Koch-Institut biologische Unterschiede, unterschiedliches Gesundheitsverhalten sowie verschiedene Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die Daten des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts bilden die Grundlage dafür, geschlechterbezogene Aspekte von Gesundheit und Krankheit darzustellen. Auch psychische Belastungen werden unterschiedlich sichtbar. Laut DAK-Psychreport 2025 entfielen je 100 Versicherte auf Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, auf Männer 266. Piekorz sieht darin auch einen Hinweis darauf, dass Männer sich seltener wegen psychischer Belastungen krankschreiben lassen.

Nach Angaben der Universität Tübingen sterben Männer im Durchschnitt fünf Jahre früher als Frauen. Als weitgehend vermeidbare Ursachen gelten unter anderem gesundheitliche und gesellschaftliche Faktoren. Männer stellen außerdem fast 70 Prozent der Suizide. Länger anhaltende psychische Belastungen ohne Hilfe können das Suizidrisiko erhöhen.

Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt ein verbreitetes Bild vom Mann als „starkem Geschlecht“, grundsätzlich leistungsfähig und gesund. Gleichzeitig nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu. Gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Anforderungen der Arbeitswelt können zusätzliche Belastungen erzeugen. Finanz- und Wirtschaftskrisen können bei Männern insbesondere zu seelischen Belastungen, Burn-out oder Depressionen führen.

Die Warnzeichen liegen oft offen herum

Anhaltend schlechter Schlaf kann ein Signal sein. Ebenso exzessiver Sport, hoher Alkoholkonsum, übermäßiges Arbeiten, Rückzug und Schweigen. Viele Männer ignorieren solche Anzeichen laut Piekorz lange und funktionieren weiter. Noch eine Mail. Noch eine Schicht. Noch ein Wochenende, an dem man angeblich nur müde ist.

Professionelle Unterstützung ist sinnvoll, wenn Belastungssymptome nicht verschwinden, andere Personen darauf aufmerksam machen oder Erholungszeiten am Wochenende beziehungsweise im Urlaub nicht mehr erholsam sind. Psychologische Hilfe, sagt Piekorz, sei kein Zeichen von Schwäche oder Niederlage. Sie könne auch als Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Gesundheit verstanden werden.

Wie groß die Lücke bei der Lebenserwartung ist, zeigen DESTATIS-Daten für 2024: Männer erreichen in Deutschland 78,9 Jahre, Frauen 83,5 Jahre. Der Unterschied beträgt etwa fünf Jahre. Das Bundesgesundheitsministerium betont deshalb, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in Gesundheit und Gesundheitsverhalten in Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung berücksichtigt werden sollen. Diese Fragen gelten als gesundheitspolitische Querschnittsaufgabe.

Von der Forschung bis zum Männergesundheitsportal

Mit dem Präventionsgesetz vom 17. Juli 2015 wurde durch § 2b SGB V die verbindliche Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Besonderheiten bei allen Leistungen der Krankenkassen verankert. Nach § 20 SGB V sollen Krankenkassenleistungen insbesondere in Prävention und Gesundheitsförderung geschlechtsbezogene und sozial bedingte Ungleichheiten verringern.

Auch die Gesundheitsberichterstattung berücksichtigt gesundheitliche Besonderheiten nach Geschlecht verbindlich in regelmäßigen Berichten und Sonderberichten des Bundes. Das Robert Koch-Institut veröffentlichte im Dezember 2014 den Themenband „Gesundheitliche Lage der Männer in Deutschland“. Darin geht es um das Gesundheitsverhalten von Männern, besondere Krankheitsrisiken im Lebensverlauf sowie spezifische Prävention und Gesundheitsförderung.

Am 21. Januar 2020 fand in Berlin die 5. Männergesundheitskonferenz statt. Ihr Thema lautete „Ist die Zukunft männersensibler Prävention digital?“. Diskutiert wurden Chancen und Risiken von Gesundheitsinformationen im Internet am Beispiel der Männergesundheit, nationale und internationale gesundheitspolitische Strategien, die Chancen und Perspektiven der WHO-Strategie zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern in der Europäischen Region sowie die Herausforderungen dieser Strategie für Deutschland.

Geschlechtsspezifische gesundheitliche Besonderheiten sind Teil der Ressortforschung des Bundes und Gegenstand gezielter Forschungsvorhaben. Im Förderschwerpunkt „Berücksichtigung spezifischer Besonderheiten in der Gesundheitsversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung“ werden von 2020 bis 2025 Projekte gefördert, die geschlechtsbedingte gesundheitliche Ungleichheiten untersuchen und die Qualität von Versorgungsangeboten verbessern sollen.

Auch die WHO-Regionalorganisation für Europa, WHO EURO, befasst sich mit Männergesundheit. Am 19. September 2018 verabschiedete das WHO-Regionalkomitee ergänzend zur internationalen Frauengesundheitsstrategie eine internationale Männergesundheitsstrategie mit fünf Handlungsschwerpunkten.

Praktische Informationen bietet das Männergesundheitsportal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, BIÖG, ehemals BZgA. Dort finden sich Hinweise zu Männergesundheit und gesundheitlichen Risiken, Anregungen zur Gesundheitsförderung und Veranstaltungen. Gemeinsam mit der Stiftung Männergesundheit entwickelte Broschüren der „Wissensreihe Männergesundheit“ informieren geschlechtersensibel über männerspezifische Gesundheitsthemen. Ein beratender Arbeitskreis unterstützt das BIÖG bei der Ausrichtung seiner Angebote.

Genannt werden außerdem „10 Empfehlungen zur Prävention und Gesundheitsförderung von Männern“, „Männer in Bewegung! Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit bei Männern“ und die WHO-Männergesundheitsstrategie für die Europäische Region. Zusätzlich verweist das Bundesgesundheitsministerium auf das Männergesundheitsportal sowie auf „IN FORM“, Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung.

Heute, am 30.10.2026, ist der November noch nicht ganz da. Der Anlass zum Hinschauen allerdings schon. Manchmal beginnt das Gespräch nicht mit einer fertigen Diagnose, sondern mit einem Satz, der im Hals stecken bleibt: Ist das schlimm genug?