An der Goethe-Universität Frankfurt geht es um einen tiefen Einschnitt. Das Präsidium plant eine grundlegende Neustrukturierung, um auf Sparvorgaben des Landes und weitere Veränderungen zu reagieren. Im Zentrum steht ein 59-seitiges internes Papier mit dem Titel „Zukunftsfähigkeit gestalten – Rahmenkonzept für die Goethe-Universität als Stiftungsuniversität 2031+“.

Hessens Hochschulen müssen 2026 rund 30 Millionen Euro einsparen. Bis 2031 droht ein Defizit im dreistelligen Millionenbereich. Hintergrund ist der Hochschulpakt der schwarz-roten Landesregierung, wegen dessen die Hochschulen Hunderte Stellen abbauen müssen. Das Präsidium verweist allerdings nicht nur auf die Haushaltslage: Auch gesellschaftliche Entwicklungen, zunehmende Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit, der demografische Wandel, Fachkräftemangel, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung erhöhten den Veränderungsdruck.

Sieben statt 16 Fachbereiche

Der Kern des Plans: Die derzeit 16, unterschiedlich großen Fachbereiche sollen auf sieben größere Einheiten schrumpfen. Medizin soll als einziger Fachbereich Namen und Zuschnitt behalten. Sie gilt wegen ihrer Größe, ihrer autonomen Budgetverantwortung und ihrer Leistungen als Vorbild für das angestrebte Organisationsmodell; konkrete Einsparziele werden für sie nicht genannt.

Institute sollen künftig möglichst acht bis 16 Professuren umfassen. Kleinere Institute, von denen manche derzeit nur zwei Professuren haben, sollen aufgelöst oder integriert werden. Die Dekanate der neuen Fachbereiche würden dem Präsidium angegliedert und mit ihm ein „erweitertes Präsidium“ bilden. Genau hier klingeln bei vielen Universitätsangehörigen die Alarmglocken: Sie befürchten eine Zentralisierung von Macht, weniger demokratische Kontrolle und eine Verringerung der Fächervielfalt.

Vorgesehen sind folgende sieben Fachbereiche:

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  1. Recht, Wirtschaft und Governance: Die bisherigen Fachbereiche Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sollen zusammengehen. Vier Jura- und sieben Ökonomieprofessuren sollen entfallen. Wirtschaftspädagogik soll nicht fortgeführt werden; Wirtschaftsinformatik könnte in einer gemeinsamen Einheit gebündelt werden.
  2. Verhaltens-, Erziehungs- und Sozialwissenschaften: Hier sollen Erziehungs- und Politikwissenschaften, Soziologie, Psychologie und Sport zusammenfinden. Geprüft wird zudem die Integration von Humangeographie, Ethnologie und Kulturanthropologie. Geplant sind Einsparungen von drei Professuren in der Erziehungswissenschaft, drei in der Psychologie, zwei in der Sportwissenschaft, jeweils einer in Ethnologie/Kulturanthropologie und Humangeographie sowie sechs in Sozial- und Politikwissenschaften.
  3. Geschichte, Kultur und Religion: Dieser Fachbereich wäre einer von künftig zwei statt bislang fünf geisteswissenschaftlichen Fachbereichen. Zusammengeführt werden sollen Geschichtswissenschaft, Philosophie, Religions- und Kulturwissenschaften einschließlich Islamischer Studien und Judaistik, Theologien sowie eine neu zu bildende Einheit Altertumswissenschaften. Diese soll Archäologie, Ethnologie, Klassische Philologie, Alte Geschichte und Antike Philosophie umfassen. Mindestens acht Professuren sollen entfallen. Eine Zusammenführung der katholischen und evangelischen Theologie gilt wegen des Staatskirchenrechts als kompliziert, aber möglich.
  4. Literatur, Sprache und Kunst: Im Gespräch ist eine Zusammenfassung von Neuerer und Ostasiatischer Philologie, Empirischer Sprachwissenschaft, Afrikanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik. Mindestens zehn Professuren sollen wegfallen.
  5. Informatik, Mathematik, Physik: Physik sowie Mathematik und Informatik sollen in einer Fakultät gebündelt werden. Die Physik soll sechs, die Informatik eine Professur verlieren. In der Mathematik seien Einsparungen wegen der Altersstruktur erst langfristig möglich. Natur- und Lebenswissenschaften beschreibt das Konzept insgesamt als forschungsstark und profilprägend, verweist aber zugleich auf Studiengänge mit niedrigen Studierenden- und Absolventenzahlen.
  6. Lebenswissenschaften: Biochemie, Chemie und Pharmazie sowie Biowissenschaften sollen zusammengehen. Das Institut für physische Geographie soll einbezogen werden. Vorgesehen sind Einsparungen von einer Professur in Pharmazie, fünf in Chemie und vier in Biologie. Offen ist noch, wo das Institut für Atmosphäre und Umwelt sowie das Institut für Geowissenschaften künftig zugeordnet werden.
  7. Medizin: Der Fachbereich soll unverändert bleiben.

Auch Kooperationen mit den Universitäten Frankfurt, Darmstadt und Mainz sollen ausgebaut werden. Die drei Hochschulen werden ab dem kommenden Jahr als Exzellenzuniversitäten geführt und über sieben Jahre mit bis zu 155 Millionen Euro gefördert.

„Desaster“ oder notwendiger Umbau?

Marcel Wolf, Vorsitzender der Fachschaftenkonferenz, nennt die Pläne ein „Desaster“. Nach seinen Angaben sollen die Fachbereiche 25 Prozent einsparen, was vielfach zu Personalabbau führe. Im Fachbereich Physik bestehe seit einem halben Jahr ein Einstellungsstopp. Mehr als 30 aus Landesmitteln finanzierte wissenschaftliche Beschäftigte seien gekündigt worden, acht weitere würden aus Rücklagen bezahlt.

Die geplanten Zusammenschlüsse könnten zudem Repräsentationsprobleme schaffen, sagt Wolf: Vertreter müssten künftig womöglich Studiengänge betreuen, mit denen sie nicht vertraut seien. Er fordert eine Neuverhandlung des Hochschulpakts und kündigt Widerstand an.

Nikolaus Müller-Schöll, Professor und Mitglied des Senats, kritisiert das Vorgehen als vom Präsidium vorgegebenen Top-down-Prozess. Eine Strukturreform müsse aus den betroffenen Fachbereichen heraus entwickelt werden. Ahmed Hussein, studentisches Senatsmitglied des SDS, spricht von einem Konzept für einen „autoritären Umbau“. Seine Forderung: gesellschaftliche Investitionen in Bildung und Soziales sowie eine Neuverhandlung des Hochschulpakts.

Der Allgemeine Studierendenausschuss erklärt, erst durch Medienberichte von den Plänen erfahren zu haben. Er verlangt die Beteiligung der Studierenden und die Offenlegung des Konzepts. Die Grünen im hessischen Landtag warnen vor Einschnitten im Studienangebot und einer höheren Arbeitsbelastung des wissenschaftlichen Personals. Die hessische Linkspartei kritisiert die Kürzungspolitik der Landesregierung und verweist auf deren Zusammenhang mit den Veränderungen an der Goethe-Universität. Die GEW Hessen erwartet zusätzliche Mehrarbeit für bereits stark belastete Beschäftigte und mögliche Nachteile für die Lehre; sie fordert Transparenz vom Präsidium.

Die Universität stellt die Lage anders dar. Steigende Kosten und erhebliche Kürzungen des Landesbudgets machten eine selbstbestimmte Gestaltung des Wandels erforderlich. Das Präsidium habe Vorschläge auf Basis von Fachbereichskonzepten und einer universitätsweiten Betrachtung erarbeitet. Das Papier sei lediglich ein erster Entwurf, betont die Hochschulleitung. In den kommenden Monaten solle es in einem partizipativen Prozess unter Beteiligung der zuständigen Universitätsgremien weiterentwickelt werden.

Senat, Zeitplan und ein langsamerer Gegenvorschlag

Der Senat soll sich am Mittwoch in einer Klausur mit dem 59-seitigen Zukunftskonzept befassen. Beschlüsse sind zunächst nicht vorgesehen. Bis Ende 2026 sollen drei „Fachbereich-Transformations-Teams“ und ein unterstützendes Kernteam gebildet werden. Diese Teams sollen bis zum vierten Quartal 2027 die Veränderungen vorbereiten; dann könnte das Entwicklungskonzept beschlossen werden.

Die neuen Fachbereiche und ihre Gremien sollen zum Wintersemester 2028/29 gegründet werden. Bis 2032 soll die neue Organisationsstruktur vollständig umgesetzt beziehungsweise operativ sein.

Die Kritiker lehnen Strukturveränderungen nicht grundsätzlich ab. Ihr Alternativkonzept setzt aber die Messlatte anders: Zuerst müsse der Nutzen organisatorischer Änderungen nachgewiesen werden, die Universitätsangehörigen dürften nicht übermäßig belastet werden. Ausgehend von den bestehenden Fachbereichen solle deren Leistungsfähigkeit geprüft und Kooperationen ausgebaut werden. Fusionen sollten freiwillig erfolgen, wenn konkrete Vorteile belegt seien.

Präsidiums- und Alternativkonzept sollen im ersten Halbjahr 2027 verglichen werden. Unabhängige Fachleute sollen die Vorschläge für neue Strukturen evaluieren. Erste Änderungen könnten anschließend erprobt und auf ihre Wirkung geprüft werden. Bei nachgewiesenem Nutzen wären Ausweitungen bis 2029 möglich. Bis Ende 2031 soll eine Fünfjahresbilanz entstehen; danach könnten gegebenenfalls einzelne Fachbereiche fusionieren.

Das größere Finanzierungsproblem

Der Streit an der Goethe-Universität ist Teil einer lange gewachsenen Finanzierungsfrage. Die Bundesländer sichern als Träger der Hochschulen