Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) hat sich dem Phänomen der „Guilty Pleasures“ gewidmet. Mit einer Förderung von rund 440.000 Euro durch die VolkswagenStiftung wird der Zusammenhang zwischen Konsumentscheidungen, Vorlieben und ihren gesellschaftlichen Implikationen näher beleuchtet. Das Projekt zielt darauf ab, die Diskurse über „Guilty Pleasures“ zu untersuchen: Wann und warum werden diese oft als gesellschaftlich inakzeptabel geltenden Vorlieben thematisiert? uni-due.de berichtet, dass die Forschung die Themen Kunst, Unterhaltung, Reisen, Essen, Sexualität und Politik umfasst.
Historisch betrachtet reicht die Diskussion über „sündhafte Lust“ bis ins 18. Jahrhundert zurück, als religiöse Texte bereits eine Auseinandersetzung mit dem Begriff anreizten. Bereits damals wurden Konsum, Luxus und gesellschaftlicher Wandel miteinander verknüpft. Diese Diskurse erfahren in Zeiten sozialer Veränderungen, etwa bei Fragen der Klassen- und Geschlechterrollen, eine besondere Relevanz. „Guilty Pleasures“ reflektieren demnach nicht nur persönliche Vorlieben, sondern auch Machtverhältnisse und Status in der Gesellschaft.
Aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen
Ein zentraler Aspekt der Forschung ist der Widerspruch im Begriff selbst. Während die Abwertung bestimmter Vorlieben in der Öffentlichkeit immer wieder stattfand, werden diese in privaten Räumen oft dennoch genossen. Dieses Spannungsfeld wird durch aktuelle gesellschaftliche Probleme verstärkt – insbesondere in Hinblick auf Themen wie die Klimakrise und steigende soziale Spannungen. So wird beispielsweise das schlechte Gewissen, das mit Flugreisen und der Nutzung von Fast Fashion verbunden ist, sowohl in individuellen als auch öffentlichen Diskursen thematisiert. kulturwissenschaften.de stellt fest, dass das Projekt auch die gesellschaftlichen Konflikte in den Fokus nimmt, die hinter den „Guilty Pleasure“-Diskursen stehen.
Das KWI plant im Rahmen des Jahresthemas 2024/25, die Wirkungsweisen von Lust, Scham und Reue innerhalb der Gesellschaft zu analysieren. Eine zentrale Frage lautet: Wie entsteht aus individueller Lust öffentliche Scham? Zudem wird untersucht, inwiefern die Moralisierung von Vergnügen zu Distinktionsgesten und Klassenkonflikten führt. Der Begriff „Guilty Pleasure“ fand seinen Ursprung 1978 in einer Kolumne der Zeitschrift „Film Comment“, als prominente Persönlichkeiten wie Martin Scorsese und Joan Rivers Filme vorstellten, die als geschmacklos galten.
Die Verbindung von Lust und Scham
Die Forschung am KWI zeigt, dass „Guilty Pleasures“ nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen haben. Stilbrüche in der Kultur, die zuvor möglicherweise als negativ betrachtet wurden, können mittlerweile als kulturelles Kapital wahrgenommen werden. Vorlieben für populäre Genres gelten oft als subversiv und spiegeln komplexe historische und kulturelle Entwicklungen wider. Es wird deutlich, dass der Begriff „Guilty Pleasure“ auch politische Aspekte umfasst und das Streben nach „freiwilliger Knechtschaft“ thematisiert.
Das KWI, Teil der Universitätsallianz Ruhr, fördert durch dieses Projekt den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, um ein besseres Verständnis für die Verbindungen von Lust- und Schamvorstellungen zu schaffen und deren Bedeutung in der heutigen Gesellschaft zu erfassen.