Heidenau stoppt neue Stolpersteine und entfacht Streit über die Zukunft des Gedenkens
Am 26.09.2026 hat der Stadtrat im sächsischen Heidenau beschlossen, künftig keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich zu verlegen. Der interfraktionelle Antrag von AfD, CDU und Bürgerinitiative Oberelbe erhielt in geheimer Abstimmung 13 Stimmen. Sechs Abgeordnete stimmten dagegen, eine Person enthielt sich.
Bereits verlegte Stolpersteine bleiben bestehen. In Heidenau erinnern sie bislang an zwei Standorten an den früheren Bürgermeister Paul Gröger sowie an die jüdische Kaufmannsfamilie Reiner. Die Messingplatten liegen vor den letzten frei gewählten Wohn- oder Wirkungsorten von Opfern des Nationalsozialismus. Eingraviert sind Namen und Informationen über Verfolgung, Ermordung und Vertreibung.
Gedenken auf dem Nordfriedhof?
Im Antrag heißt es, viele Bürger, Angehörige und Initiativen empfänden Stolpersteine im Gehweg als unangemessene Form der Erinnerung. Die Namen der Verfolgten würden in den Boden eingelassen, Menschen könnten auf die Steine treten. Das Gedenken solle deshalb vorzugsweise auf dem Nordfriedhof stattfinden; ein direktes Betreten der Gedenkelemente solle ausgeschlossen werden.
Als Alternative ist ein zentraler Gedenkort für Opfer von Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus im Gespräch. Ob der Nordfriedhof tatsächlich dafür genutzt wird, ist aber offen. Der Friedhof gehört nicht der Stadt, zunächst müsste die Kirche zustimmen.
Die Stadtverwaltung hatte empfohlen, den Antrag abzulehnen. Öffentlich sichtbare Gedenkorte ermöglichten eine breite Wahrnehmung und eine unmittelbare Auseinandersetzung mit der Geschichte, argumentierte sie. Bürgermeisterin Conny Oertel betonte, es gehe nicht darum, ob an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werde, sondern um die Form des Gedenkens. Einzelne Stadträte lehnten Stolpersteine nach ihrer Darstellung wegen des Darüberlaufens oder möglicher Beschädigungen ab.
Deutliche Kritik aus dem In- und Ausland
Die Entscheidung löste bundesweit Kritik und Diskussionen aus. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Holocaust-Überlebende, reagierte entsetzt. Den Ausschluss von Stolpersteinen bezeichnete sie als „völlig falschen Weg“. Es sei falsch, Erinnerungsorte aus dem Stadtbild zu entfernen, außerdem kritisierte sie, dass eine demokratische Partei den Antrag gemeinsam mit der AfD unterstützte.
Knobloch ist selbst keine Befürworterin des Stolperstein-Konzepts. Ein dezentrales Gedenken im öffentlichen Raum hält sie trotzdem für wichtig. Das Internationale Auschwitz Komitee sprach von einem Versuch, die Heidenauer NS-Opfer erneut aus dem Stadtbild zu entfernen. Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees, kritisierte besonders die Unterstützung durch CDU-Abgeordnete.
Auch die sächsische Linken-Abgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg nannte den Beschluss ein fatales Signal. Die Namen der NS-Opfer dürften nicht aus dem Alltag verdrängt werden. Der CDU-Landesverband Sachsen distanzierte sich unterdessen von einem generellen Verbot. Generalsekretär Tom Unger erklärte, die CDU unterstütze Stolpersteine als eine Form des Gedenkens an NS-Verbrechen. Die Steine machten sichtbar, dass die Verbrechen mitten in Städten und Gemeinden an Nachbarn verübt worden seien. Über die konkrete Gestaltung der Erinnerungskultur solle vor Ort und unter Einbeziehung jüdischer Gemeinden beraten werden.
Zwölf Steine beantragt
Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Sächsische Schweiz, kurz AKuBiZ, hatte zwölf Stolpersteine für sieben jüdische Familien und Einzelpersonen beantragt. Der Verein kritisierte die Entscheidung scharf. Werden die Lebensgeschichten der Verfolgten von ihren früheren Wohn- und Wirkungsorten an einen zentralen Platz verlagert, könnten sie künftig weniger sichtbar sein, befürchtet das AKuBiZ. Der Verein prüft alternative Formen des Erinnerns und mögliche rechtliche Schritte.
Die Stiftung des Stolperstein-Initiators Gunter Demnig reagierte ebenfalls empört. Nach eigenen Angaben arbeitet sie europaweit mit rund 3.200 Kommunen zusammen; nur fünf Kommunen hätten sich gegen Stolpersteine entschieden. Bislang wurden laut Stiftung mehr als 128.000 Stolpersteine in 31 europäischen Ländern verlegt. Sie bezeichnet das Projekt als weltweit größtes dezentrales Mahnmal.
Kritik an der Gedenkform gibt es allerdings seit Jahren, vor allem wegen der Lage im Gehweg. In München dürfen seit 2015 keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund verlegt werden; dort waren laut Stiftung auch Vertreter der jüdischen Gemeinde gegen diese Form. Stattdessen erinnern unter anderem Gedenktafeln und Stelen an Hauswänden an die Opfer. Auf städtischem Grund werden dort ebenfalls keine Stolpersteine verlegt.
Von der Universität Leipzig aus wirkt der Streit zunächst wie eine kommunale Entscheidung weit weg. Tatsächlich geht es um etwas, dem man in einer Stadt ständig begegnen kann: Namen im Pflaster, eine Messingplatte im Vorübergehen, vielleicht ein kurzer Blick zwischen Fahrradreifen und nassen Schuhen. In Heidenau soll es künftig bei den bereits verlegten Steinen bleiben; zwölf weitere werden dort vorerst nicht dazukommen.
