Der Nürburgring ist längst mehr als eine Rennstrecke. Neben dem Motorsport dient er der Autoindustrie als wichtiges Testgelände. Seit Juni 2026 fährt dort erstmals eine Hochschule bei den exklusiven Test- und Entwicklungsfahrten mit: die Hochschule Mittweida (HSMW).

Am 24. September 2026 nimmt die HSMW auf der 20,832 Kilometer langen Nordschleife reale Fahrzeugdaten auf. Unter hoher Belastung untersuchen Forschende, wie sich unter anderem Bremsen, Batterien, Sensoren, Reifen, Aerodynamik, Antriebsstrang und Fahrwerk verhalten. Ziel ist, Fahrzeuge künftig am Computer realistischer zu simulieren und digitale Zwillinge zu entwickeln.

Messfahrten für den digitalen Zwilling

Dafür setzt das Team ein eigenes Forschungsfahrzeug ein: einen BMW M2 mit 530 PS, finanziert durch Industriemittel. Laborleiter Matthias Vodel, selbst Rennfahrer, absolvierte zunächst die erforderlichen Tests für die Datenerhebung. Vor der Teilnahme mussten die Forschenden Schulungen und Fahrprüfungen an der Nürburgring Driving Academy bestehen; erst danach erhielten sie die nötige Zertifizierung.

Auf der Strecke werden mit dem realen Fahrzeug Daten unter unterschiedlichen Belastungen erfasst. Einstellungen am Fahrzeug oder an einzelnen Komponenten lassen sich gezielt verändern. Die entstehenden strukturierten Datenreihen werden anschließend in Sachsen, an der Hochschule in Mittweida, ausgewertet. Mit Hilfe Künstlicher Intelligenz soll daraus ein möglichst realistischer digitaler Zwilling entstehen – ein virtuelles Fahrzeugmodell, das auch einzelne Bauteile abbilden kann.

Im Living Lab „Motion Simulation & Softwareentwicklung“, auch „Motion Simulation und Softwareentwicklung“ genannt, entwickeln Wissenschaftler und Studierende die Modelle weiter. Sie sollen das Verhalten realer Fahrzeuge möglichst genau wiedergeben. Die Projektpartner verwenden außerdem einen lasergescannten digitalen Zwilling der Nordschleife und vergleichen reale Testfahrten mit Computersimulationen.

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Hochschulprofessor Matthias Vodel nennt die Nordschleife wegen ihrer hohen Anforderungen eine besonders wertvolle Testumgebung. Die dort gewonnenen Daten seien ein „Goldstandard“ für automobile Forschungs- und Entwicklungsanwendungen. Die „Grüne Hölle“, wie die Strecke ebenfalls heißt, liefert also nicht bloß schnelle Runden, sondern Referenzdaten, die für Entwicklung und Validierung gebraucht werden.

Vom Nürburgring ins Studium

Die Testfahrten sind Teil des Forschungsprojekts SAB InnoTeam. Gemeinsam mit sechs sächsischen Unternehmen entwickelt die Hochschule darin eine lernfähige Simulationsplattform. Gefördert wird das Projekt von der EU und dem Freistaat Sachsen. Die Simulationen sollen bei neuen Antriebskonzepten, autonomen Fahrzeugen und kürzeren Entwicklungszeiten helfen. Auch Belastung und Haltbarkeit von Fahrzeugen und Komponenten lassen sich so vor dem Einsatz auf der realen Straße am Computer prüfen.

Im Masterstudiengang „Medieninformatik und Interaktives Entertainment“ analysieren Studierende Telemetriedaten. Sie vergleichen virtuelle Fahrten mit realen Messwerten vom Nürburgring, testen die Ergebnisse auf den Simulationsplattformen des Living Labs und nutzen sie für weitere Forschung. So entsteht ein Kreislauf: Erprobung auf der Nordschleife, wissenschaftliche Auswertung in Mittweida, anschließend Forschung und Lehre.

Vodels Forschungsaktivitäten an der Nordschleife begannen mit seinem Amtsantritt an der Hochschule Mittweida im Jahr 2018. Das daraus entwickelte Living Lab wurde 2019 eröffnet; der Nürburgring gehört seitdem zu den Simulationsszenarien. Perspektivisch sollen die Modelle auch Simulatoren für eine bessere praktische Fahrschulausbildung ermöglichen. Abgebildet werden sollen außerdem unterschiedliche Antriebskonzepte, generationsübergreifende Mobilitätsanforderungen und autonomes Fahren.

Ganz ohne echte Strecke geht es trotzdem nicht. Nach Einschätzung der Forschenden können Simulationen Testfahrten ergänzen, aber nicht vollständig ersetzen. Reale Tests unter extremen Bedingungen bleiben unverzichtbar; Nürburgring und Nordschleife seien in der Realität wie auch in Simulationen langfristig nicht ersetzbar.

Ein Netzwerk rund um die Rennstrecke

Die Hochschule Mittweida ist seit mehreren Jahren Mitglied der 2018 gegründeten Nürburgring Akademie. Sie vernetzt Hochschulen, den Nürburgring und Unternehmen aus technischen, sportwissenschaftlichen, managementbezogenen und medizinischen Fachbereichen. Auf der Themenliste stehen unter anderem Motorsport-Engineering, Maschinenbau, Fahrzeugbau, Motorentechnik, Motorsport- und Sportmanagement sowie Medizin.

Die Akademie organisiert Unterrichts- und Ausbildungsblockwochen am Nürburgring, Unternehmensbesuche und Gastvorträge. Dazu kommen wissenschaftliche Arbeiten zu Motorsport, Fahrzeugentwicklung sowie Motorsport- und Eventmanagement. Bei einer gemeinsamen Ausbildungsblockwoche arbeiten Studierende der Hochschulen Stralsund, Trier und Mittweida sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes am Nürburgring zusammen. Theorie trifft dort auf Firmenbesuche und praktische Einblicke – nicht ganz Klassenzimmer, nicht ganz Boxengasse.

Unternehmen können wissenschaftliche Fragestellungen für Semester-, Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten einbringen. Studierende lernen potenzielle Arbeitgeber kennen, während Unternehmen frühzeitig Kontakt zu akademischem Nachwuchs bekommen. Nach Angaben Vodels arbeitet die Hochschule Mittweida nach rund fünf Jahren Zusammenarbeit an vier laufenden Forschungsprojekten auf Bundes- und EU-Ebene. Darin geht es unter anderem um Reifensimulationen, Sensoriksysteme und Fahrzeugkomponenten. Vodel führt diese Aktivitäten auf das Netzwerk der Nürburgring Akademie zurück.

Mitglieder sind unter anderem die Hochschule Kaiserslautern/Zweibrücken, die Hochschule Stralsund, die Hochschule Trier, die RWTH Aachen, die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden, die Hochschule Koblenz mit dem RheinAhrCampus Remagen, die IST-Hochschule für Management Düsseldorf, die SRH Hochschule Heidelberg, die Hochschule Mittweida, die Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft Bremen, die Marienhaus Kliniken, das Universitätsklinikum Aachen, die Europäische Fachhochschule Rhein/Erft sowie die Nürburgring 1927 GmbH & Co. KG.

Das Netzwerk verbindet Kompetenzen aus Technik, Digitalisierung, Sport, Management und Gesundheit mit praktischen Anwendungsfeldern am Nürburgring. Während draußen ein Testfahrzeug über den Asphalt arbeitet, landen drinnen Messwerte auf Bildschirmen, in Forschungsprojekten und irgendwann auch in der nächsten Generation von Simulationen. Der Treffpunkt dieser Zusammenarbeit liegt dabei nicht nur in der Eifel, sondern auch an der RWTH Aachen.