Hochschulpakt 2026–2031: Hessens Universitäten planen den Schrumpfkurs
Am 20. Oktober 2026 ist an der TU Berlin von Aufbruch wenig zu spüren. Das Hauptgebäude bleibt wegen Brandschutzproblemen geschlossen, der Sanierungsstau wird auf rund 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Gleichzeitig muss die Universität sparen: 2026 rund 49,5 Millionen Euro, bis 2028 jährlich 65 Millionen Euro. Die im April angetretene TU-Präsidentin Fatma Deniz steht damit vor einer unangenehmen Wahl – weitere Gebäudesanierungen verschieben oder an anderer Stelle kürzen.
Berlin ist kein Sonderfall. Hochschulen in Deutschland stemmen zusätzliche Aufgaben, steigende Personal- und Betriebskosten und aufgeschobene Bau- und Sanierungsmaßnahmen. Der bundesweite Sanierungsstau wird auf 60 bis 140 Milliarden Euro geschätzt. Bund und Länder stellten im Februar für drei Jahre insgesamt eine Milliarde Euro für die Sanierung von Hochschulen und Kitas bereit. Gemessen am geschätzten Bedarf ist das, vorsichtig gesagt, ein ziemlich kleiner Eimer für ein sehr großes Leck.
Frankfurt plant den großen Umbau
Die Goethe-Universität Frankfurt muss nach dem 2025 beschlossenen Hochschulpakt 2025 einen Konsolidierungsbeitrag von 30 Prozent leisten. Danach soll das Budget wieder steigen. Trotzdem wird bis 2031 eine Finanzierungslücke von rund einer Milliarde Euro erwartet. Das Land übernimmt steigende Personal- und Betriebskosten nicht vollständig; hinzu kommen eine schwache Konjunktur, hohe öffentliche Schulden und weltpolitische Unsicherheiten.
Das Universitätspräsidium bereitet deshalb noch im laufenden Semester eine umfassende Strukturreform vor. Sie soll bis 2032 abgeschlossen sein und Synergien nutzen, Doppelstrukturen abbauen. Aus bisher 16 Fachbereichen sollen sieben werden. Wirtschaft und Recht sollen künftig einen gemeinsamen Fachbereich bilden, fünf geisteswissenschaftliche Fachbereiche auf zwei schrumpfen. Die Medizin bleibt eigenständig.
Der Umbau hat einen klaren personellen Preis: In den Fachbereichen sollen 15 Prozent der Stellen entfallen, in der Verwaltung 20 Prozent. Insgesamt ist die Streichung von 60 Professuren vorgesehen. Die Geisteswissenschaften sollen stärker betroffen sein als Natur- und Lebenswissenschaften; für die Medizin gibt es keine Sparvorgaben.
Geplant ist zunächst eine Bestandsaufnahme, die Drittmittel und Forschungsstärke berücksichtigt. Darauf soll ein indikatorengestütztes Budgetierungsmodell folgen. Ein Alternativkonzept, das ebenfalls im Senat beraten wird, verlangt vor Strukturveränderungen erst einmal einen Nachweis ihres Nutzens. Ob die Zusammenlegungen tatsächlich Einsparungen bringen, ist offen.
Frankfurts Ansatz fällt im Vergleich zu anderen hessischen Hochschulen umfassender aus. Die Universität Gießen gibt keine Fachbereiche auf. Die TU Darmstadt schloss ihr Sportinstitut und setzt auf schrittweise Einsparungen. Zusätzlich hat das hessische Wissenschaftsministerium die Baumittel für die kommenden Jahre faktisch um jährlich 15 Millionen Euro gekürzt. Nach Angaben des Frankfurter Kanzlers belastet das die Universität mindestens ebenso stark wie der Hochschulpakt.
Ein Pakt mit wenig Luft zum Atmen
Unterzeichnet wurde der Hochschulpakt 2026–2031 am 17. Juli 2025 von den Leitungen der hessischen Hochschulen und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur. Er regelt die Landesfinanzierung für diesen Zeitraum. In Hessen wird die Hochschulfinanzierung seit 2002 über Hochschulpakte zwischen Land und Hochschulen organisiert.
Der neue Pakt entstand vor dem Hintergrund niedrigerer Steuereinnahmen als prognostiziert und sieht erhebliche strukturelle Kürzungen vor. Die Budgets sinken 2026 um 30 Millionen Euro. Die Erfolgsparameter werden neu geregelt. Tarifsteigerungen von 2025 werden nicht vollständig finanziert, jene von 2026 nur begrenzt kompensiert. Künftige Personalkostensteigerungen übernimmt das Land bis zu 2,5 Prozent sowie oberhalb von vier Prozent im jeweiligen Folgejahr. Zwischen diesen Grenzen können Eigenanteile der Hochschulen entstehen. Inflationsbedingte Sachkostensteigerungen werden nicht ausgeglichen.
Das Geld besteht vor allem aus einem Sockelbudget, das sich an den Studierendenzahlen des Jahres 2020 orientiert, und einem Erfolgsbudget. Dessen Höhe hängt von Zielerreichungen in Forschung, Lehre, Gleichstellung und Internationalisierung ab. Die Hochschulen starten nach eigenen Angaben bereits mit Defiziten in die Laufzeit. Frühere Budgetsteigerungen seien durch höhere Bau- und Energiekosten sowie zusätzliche Aufgaben vollständig aufgezehrt worden. Weitere Tarif- und Inflationssteigerungen dürften die Defizite in den kommenden sechs Jahren vergrößern.
Erwartet wird ein Gesamtdefizit von rund einer Milliarde Euro – etwa zehn Prozent des Personalbudgets. Die Hochschulen rechnen deshalb damit, über die Laufzeit des Pakts schrumpfen zu müssen. Anpassungen und strukturelle Veränderungen sollen im Austausch mit Fachbereichen und Hochschulgremien erfolgen. Praktisch geht es in den kommenden Jahren vor allem darum, Leistungseinschränkungen zu begrenzen.
Die Präsidentinnen und Präsidenten der TU Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt, der Frankfurt University of Applied Sciences und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt erklärten, qualifizierte Fachkräfte und Innovationen seien nötig, um globale Veränderungen zu bewältigen und Hessen zu modernisieren. Einsparungen von mehr als zehn Prozent stießen angesichts der Bedeutung von Forschung, Lehre und Kunst auf Unverständnis. Der angekündigte Schrumpfungsprozess werde alle Fachbereiche betreffen – von Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften über Natur- und Ingenieurwissenschaften bis zu Lebenswissenschaften und Medizin.
Auch die Verteilung sorgt für Ärger. Das Sockelbudget berücksichtige die Entwicklung der Studierendenzahlen nicht angemessen. Hochschulen, die ihre Studierendenzahlen in den vergangenen fünf Jahren weitgehend gehalten hätten, würden gegenüber Hochschulen benachteiligt, die weniger Studierende aufgenommen hätten.
Goethe-Universitätspräsident Enrico Schleiff sagte, Hochschulen müssten zur Haushaltskonsolidierung beitragen. Der Pakt führe jedoch ohne Übergangsphase und ohne Berücksichtigung der Leistungen im vorherigen Pakt neue Bedingungen ein. Dadurch seien kurzfristig starke Einschnitte nötig, noch bevor Veränderungen auf Grundlage von Hochschulentwicklungsplänen geplant werden könnten. Eine Verringerung der Studierendenzahl würde wegen ihrer Bedeutung für die Finanzierung weitere Mittelverluste auslösen.
Frankfurt-UAS-Präsident Kai-Oliver Schocke verwies auf die weiterhin hohe Nachfrage nach den Studiengängen. Seine Hochschule habe ihre Studierendenzahl entgegen dem hessischen Trend gehalten, müsse das Studienplatzangebot nun aber deutlich reduzieren. Sie wolle den Transformationsprozess gestalten und ihre Attraktivität erhalten.
Für HfMDK-Präsident Elmar Fulda fiel die Zustimmung zum Hochschulpakt dem Präsidium schwer. Ab 2026 müssten Personal- und Sachkosten reduziert, Stellen verzögert oder nicht nachbesetzt werden. Leistungen in Kunst, Forschung, Lehre und Verwaltung würden eingeschränkt. Fulda bewertet den Pakt als langfristige Veränderung und dauerhaften Wettbewerbsnachteil. Die Hochschule müsse ihre künftige Positionierung, ihr Kerngeschäft und mögliche wegfallende Angebote bestimmen.
TU-Darmstadt-Präsidentin Tanja Brühl hätte sich in den Verhandlungen mehr Zeit für Austausch und Abwägung gewünscht. Die Entwicklungen der TU Darmstadt in Forschung, Lehre, Ausgründungen und Wissenschaftskommunikation seien durch die Kürzungen gefährdet. Der weitere Prozess solle im Dialog mit den Mitgliedern und Einrichtungen der Universität gestaltet werden.
Die Präsidentinnen und Präsidenten der 14 hessischen Hochschulen unterzeichneten den Pakt mit einer gemeinsamen Erklärung zu Protokoll. Darin bekräftigten sie ihre grundsätzliche Kritik an den bereits in den Verhandlungen beanstandeten Regelungen. Sie gehen davon aus, dass der Pakt die finanzielle Grundsicherung und Entwicklungsfähigkeit der Hochschulen gefährdet, und lehnen die vorgesehenen finanziellen Kürzungen sowie den strukturellen Abbau des hessischen Hochschulsektors ab.
Positiv bewerten sie, dass Einzelprogramme des Ministeriums in ein neues Sockelbudget überführt wurden. Das soll Bürokratie abbauen und Flexibilität erhöhen. Unterzeichnet wurde nach Angaben der Hochschulen, um planbare Mindestressourcen zu sichern und Aufgaben in Forschung, Lehre, Kunst und Transfer trotz der Einschnitte möglichst weiter erfüllen zu können. Außerdem geschah dies im Vertrauen auf die Zusage, bei einem wirtschaftlichen Aufschwung erneut zu verhandeln. Sollten dem Ministerium zusätzliche Mittel zur Verfügung stehen, erwarten die Hochschulen eine zeitnahe und angemessene Beteiligung.
Berlin spart, obwohl die Gebäude längst warten
Auch Berliner Universitäten müssen wegen eines revidierten Hochschulvertrags sparen. 2025 erhielten sie nach eigenen Angaben 142 Millionen Euro weniger. Seit 2026 steigen die Zuweisungen wieder, bleiben aber unter dem Niveau des früheren Vertrags. Die drei großen
