Human Dynamics Centre und Kobe Institute gründen Gesellschaft für Atmosphärenforschung
Atmosphären haben keinen Wetterbericht. Sie liegen in einem Klassenzimmer, bevor die erste Frage gestellt wird, hängen über einem Stadtplatz oder verändern sich, wenn bei einer Begegnung plötzlich jemand den Raum betritt. Wie solche Stimmungen wahrgenommen werden und was sie mit Menschen machen, erforschen künftig das Human Dynamics Centre (HDC) der Universität Würzburg und das Kobe Institute for Atmospheric Studies (KOIAS) gemeinsam.
Vom 23. bis 26. September 2026 kamen an der Kobe University internationale Forschende, Kunstschaffende und Praktiker zusammen. Dort gründeten sie die Society for Atmospheric Studies (SOFAS). Ihr Ziel: Atmospheric Studies als neues kultur- und fachübergreifendes Forschungsfeld zu etablieren und weiterzuentwickeln – jenseits traditioneller kultureller und intellektueller Grenzen. Meteorologie ist damit nicht gemeint. Stattdessen verbindet das Feld Philosophie, Kunst, Architektur sowie Sozial- und Naturwissenschaften.
Eine Plattform für ein schwer greifbares Forschungsfeld
KOIAS-Direktor Yuho Hisayama sagte, für die kulturübergreifende Atmosphärenforschung habe es bislang keine gemeinsame Plattform gegeben. Nun soll SOFAS Atmosphären als oft verborgene, zugleich wirkungsmächtige und vielschichtige Phänomene untersuchen. Im Mittelpunkt steht ihr Einfluss auf menschliche Erfahrungen – immer in deren körperlicher Verbindung mit der Lebenswelt.
Auch sprachlich ist das nicht ohne. KOIAS beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Konzepten rund um „Atmosphäre“, „Stimmung“, „ambiance“, „mood“, das chinesische „qìfēn“ und das japanische „fun’iki“. SOFAS nimmt außerdem „mood“ im Englischen, „ambiance“ im Französischen, „Stimmung“ im Deutschen, „氣氛“ (qìfēn) im Chinesischen und „雰囲気“ (fun’iki) im Japanischen in den Blick. Atmospheric Studies sollen in den Geisteswissenschaften verankert sein und zugleich Verbindungen zu Sozial- und Naturwissenschaften fördern. Gefragt wird, wie Atmosphären Emotionen, Umgebungen, soziale Interaktionen und weitere Lebensbereiche beeinflussen.
Als aktuelle Herausforderungen nannte Hisayama die gezielte Gestaltung immersiver Umgebungen durch künstliche Intelligenz, brüchiger werdende internationale Zusammenarbeit und die Veränderung der planetaren Atmosphäre. Drei ziemlich große Brocken für ein Forschungsfeld, das sich oft mit dem beschäftigt, was zunächst nur diffus spürbar scheint.
Andreas Rauh, Geschäftsführer des HDC, stellte in Kobe das Würzburger Zentrum vor und präsentierte eigene Forschung. Die bereits bestehende Verbindung zwischen Würzburg und Kobe bekam dadurch eine institutionelle Grundlage. Für Forschende der Würzburger Fakultät, die sich beteiligen möchten, ist das HDC die erste Anlaufstelle.
Von Human Dynamics zu Atmospheric Studies
Das HDC wurde 2014 gegründet und verbindet die Forschungstraditionen der acht Institute der Würzburger Fakultät für Humanwissenschaften. Beteiligt sind unter anderem Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Sonderpädagogik, Politik- und Sozialwissenschaft, Evangelische Theologie, Religionspädagogik, Sportwissenschaft sowie Mensch-Computer-Medien.
In den ersten zehn Jahren förderte das Zentrum mehr als 60 interdisziplinäre Tagungen, Workshops und Kolloquien. Daraus entstanden wissenschaftliche Netzwerke, Publikationen, internationale Seasonal Schools und Fördermöglichkeiten für Nachwuchsforschende. Wissenstransfer zählt beim HDC neben Forschung und Lehre zu den eigenen Aufgaben.
KOIAS wurde 2022 an der Kobe University gegründet. Das Institut bringt Forschende verschiedener Disziplinen und Kulturen zusammen, um Atmospheric Studies international zu etablieren. Mit der Zusammenarbeit wollen HDC und KOIAS gemeinsame Forschung ermöglichen und weiterentwickeln – nicht bloß Visitenkarten austauschen und es dabei belassen.
Ein „Agreement of Friendship and Cooperation“ verbindet beide Einrichtungen. Für die Universität Würzburg wird die Vereinbarung von Vizepräsidentin Doris Fischer mitgetragen. Geplant sind der Austausch wissenschaftlicher Materialien, der Aufbau weiterer Forschungsnetzwerke zu Human Dynamics und Atmospheric Studies, gemeinsame Workshops, Publikationen, Forschungsaufenthalte und Angebote für Nachwuchsforschende.
Das Abkommen gilt zunächst ein Jahr und verlängert sich automatisch jeweils um ein weiteres Jahr. Konkrete Projekte sollen beide Seiten gemeinsam vereinbaren. Außerdem soll alle zwei Jahre ein internationales Tagungsformat an wechselnden Orten stattfinden. Forschungsergebnisse des SOFAS-Netzwerks sollen in einer eigenen Buchreihe veröffentlicht werden.
Was ein Klassenzimmer mit Materialität zu tun hat
Andreas Rauh forscht und lehrt seit längerer Zeit zu Atmosphären. Seine Arbeit verbindet ästhetische, phänomenologische und bildungswissenschaftliche Perspektiven. Er untersucht materielle Bedingungen, die bestimmte Atmosphären hervorbringen, ebenso wie den Einfluss der Atmosphäre eines Klassenzimmers auf das Lernen.
Dazu kommen qualitative und empirische Methoden zur Erforschung atmosphärischer Wahrnehmungen, Lernatmosphären, urbane Erfahrungen sowie Materialität und die Wirkung von Dingen. In Kobe sprach Rauh über „Co-presence and actuality“. Es ging um die Verbindung von Atmosphärentheorie und Neuem Materialismus – und um die Frage, ob Atmosphären eigenständige wirksame Phänomene sind.
Zur sprachlichen Erfassung und Erforschung solcher Phänomene werden qualitative Methoden der Feldforschung eingesetzt. Denn Atmosphäre lässt sich nicht einfach auf einen Fragebogenwert herunterbrechen. Manchmal ist es die Akustik eines Raums, manchmal die Architektur, die Vegetation, ein bestimmtes Licht oder die soziale Konstellation. Im Kunstdiskurs und in jüngeren ästhetischen Theorien, besonders in der ökologischen Naturästhetik, bezeichnet der Begriff Stimmungen, die durch Zeit, Wetter, Architektur, Vegetation, soziale Konstellationen oder die Gestaltung eines Kunstwerks entstehen können.
In der Kunst umfasst „Atmosphäre“ Aspekte der Produktions-, Werk- und Rezeptionsästhetik. Neben den Bedeutungsbestandteilen eines Kunstwerks werden vor allem die Stimmungswerte des Ausstellungs- oder Galerieraums betrachtet, die durch das Kunstwerk mitgeprägt werden. Ein Bild hängt also nicht einfach nur an der Wand; der Raum wirkt mit – und wirkt zurück.
Phänomenologie, Raum und leibliches Spüren
Der Kieler Philosoph Hermann Schmitz etablierte „Atmosphäre“ als phänomenologischen Begriff. In seiner Neuen Phänomenologie beschreibt Schmitz Gefühle kontrovers als „räumlich ergossene Atmosphären“. In seiner Theorie ist die Atmosphäre ein Schlüsselkonzept. Gernot Böhme knüpft an Schmitz’ phänomenologische Beobachtungen an, entwickelt daraus jedoch eine eigenständige Ästhetik der Atmosphären.
Böhmes Ansatz beruht auf einer phänomenologischen Anthropologie, die den Menschen als leibliches Sinnenwesen und als besonders stark in ökologische Zusammenhänge eingebunden versteht. Im Zentrum seiner Theorie sinnlicher Wahrnehmung stehen die Beziehungen zwischen Umgebungsqualitäten und menschlichen Befindlichkeiten. Böhme bezieht sich außerdem auf Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty, stellt jedoch vor allem Schmitz’ Theorie der Leiblichkeit und des „eigenleiblichen Spürens“ heraus.
Schmitz’ Atmosphärenbegriff wurde auch in Medizin, Architektur, Wirtschaftswissenschaft und Soziologie aufgenommen. Walter Benjamins Begriff der „Aura“ gilt als möglicher Vorläufer. Benjamin unterscheidet darin zwei Wahrnehmungsweisen: „Auraatmen“ und „Blickbelehnung“.
Martina Löw entwickelt aus Böhmes Verständnis von Atmosphäre als leiblichem Spüren von Bewegungsräumen einen raumsoziologischen Atmosphärenbegriff. Für sie sind Atmosphären die unsichtbare Seite sozial konstituierter Räume. Unter Bezug auf Pierre Bourdieus Feldtheorie beschreibt Löw das Spüren von Atmosphären als Ausdruck habitueller Handlungsgebote und -verbote. So strukturiert die Wahrnehmung von Atmosphären klassenspezifisches Verhalten in sozialen Räumen. Der soziale und kulturelle Einfluss auf den jeweiligen Gehalt des Atmosphärenerlebens bleibt dabei entscheidend.
Niklas Luhmann erklärt die Entstehung von Atmosphären in seinen kunstsoziologischen Arbeiten systemtheoretisch. Ein Kunstwerk besetzt demnach eine Raumstelle, stellt das Objekt in einen kommunikativen Zusammenhang und macht zugleich den Raum als Medium möglicher Formbildungen und kommunikativer Besetzungen sichtbar. Atmosphären entstehen nach Luhmann als „Überschuss der Stellendifferenz“ bei der Auswahl einer Raumstelle. Dieser Überschuss verweist auf die Kontingenz des Raumes als andere Seite seiner konkreten Form.
Atmosphäre als Vorahnung
Davor Löffler entwickelt den Begriff über die phänomenologische Beschreibung
