Am 12. Juni 2026 betont Jun.-Prof. Dr. Alice Toso vom Bonner Zentrum für Archäowissenschaften die Relevanz des Themas Identität in der archäologischen Forschung. Identität, so Toso, wird nicht nur von gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Entscheidungen geprägt, sondern auch von Zugehörigkeiten und Unterschieden. Ihr Interesse gilt der Frage, wie Menschen in der Vergangenheit sich selbst und ihre Mitmenschen wahrgenommen haben. Diese Forschungsrichtung stellt jedoch eine Herausforderung dar, da ein vollständiges Verständnis der Vergangenheit nicht möglich ist und Forscher dazu angehalten sind, eigene Kategorien zu vermeiden. Die Möglichkeit, Erfahrungen und Kämpfe vergangener Personen zu rekonstruieren, beschreibt Toso als äußerst faszinierend. uni-bonn.de berichtet darüber.

Im Rahmen dieser Forschung wurde das Buch „Human Identities in the Archaeological Record“ herausgegeben, das von Toso zusammen mit Annamaria Diana und Daniela Marcu-Istrate editiert wurde. Dieses Werk behandelt internationale Perspektiven zu Themen wie Zugehörigkeit, Vielfalt, Resilienz und Andersartigkeit, die von der Spätantike bis zur Moderne reichen. Innovative Analyseverfahren ermöglichen es, Ernährung, Herkunft sowie die Auswirkungen von Krankheiten und Ungleichheit zu untersuchen. Die Herausgeberinnen betonen in ihren Arbeiten die Notwendigkeit einer transdisziplinären Perspektive zur Interpretation großer Datensätze.

Die Komplexität von Identität

Ein zentrales Beispiel für die Komplexität der Forschung stellt die Ernährung dar. Diese hängt von Faktoren wie persönlichen Vorlieben, Landschaft, Ressourcen sowie religiösen und politischen Rahmenbedingungen ab. Auch Bestattungen sind komplexe Ausdrucksformen von Identität, die die Entscheidungen von Angehörigen und Gemeinschaften reflektieren. Das Buch untersucht, wie Identitäten über verschiedene Aspekte hinweg ausgedrückt, ausgehandelt, verändert oder unterdrückt wurden. Es thematisiert die Koexistenz von Individualität und kollektiven Zugehörigkeiten und hinterfragt die Zuverlässigkeit der Rekonstruktion von Identitäten aus materiellen Überresten.

Eine weitere bedeutende Erkenntnis von Toso ist die Möglichkeit, die Archäologie auch zur Aufarbeitung von Belegen marginalisierter Gruppen, wie versklavten Menschen und religiösen Minderheiten, zu nutzen. Diese Rekonstruktion wird als eine ethische Verantwortung betrachtet, da sie den Menschen der Vergangenheit eine Stimme verleiht. Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Fallstudien, die zeigen, wie Identitäten in unterschiedlichen historischen Kontexten zum Ausdruck kamen. Aspekte wie Migration, Vertreibung, religiöse Verfolgung, Kolonialismus und kulturelle Unterdrückung werden intensiv behandelt.

Fragen zur Identität in der Archäologie

Die Diskussion um Identität in der Archäologie wirft wichtige Fragen auf. So wird untersucht, wie Grabungsergebnisse Rückschlüsse auf vergangene Zugehörigkeiten erlauben und ob eine „Archäologie der Identität“ überhaupt möglich ist. Der Fokus liegt auf verschiedenen Identitäten, darunter ethnische, soziale, religiöse, kulturelle und Geschlechter-Identitäten. Die Auseinandersetzung zwischen historisch interpretierenden Archäologen und archäologisch interessierten Historikern zeigt, wie beide Disziplinen voneinander profitieren können.

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In diesem Zusammenhang ist auch die Diskussion über die Rolle schriftlicher und materieller Überreste von Bedeutung. Besonders frühmittelalterliche Texte können als Hinweise auf Selbstverortung und Gemeinschaftsbildung dienen und nicht nur als Spiegel vergangener Verhältnisse betrachtet werden. Archäologische Funde stellen oft die einzigen Quellen für vergangene Geschehnisse im frühen Mittelalter dar, wodurch ihre Bedeutung für die historische Forschung erheblich steigt. epub.oeaw.ac.at bietet dabei weitere Einsichten in die Thematik.