Integratives Zirkus-Jugendcamp bringt Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam in die Manege
In der Manege wird es still, dann geht plötzlich alles los: Jugendliche jonglieren, balancieren und zeigen Kunststücke am Trapez. Beim sechsten Integrativen Zirkus-Jugendcamp an der Sekundarschule in Simmerath probierten sich 80 Jugendliche ab 14 Jahren fünf Tage lang als Zirkusartisten aus – mit und ohne Behinderung und mit unterschiedlicher Herkunft.
Der Höhepunkt war eine Talente-Show im Zirkuszelt des Circus Amany. Die Jugendlichen hatten ihre Nummern gemeinsam erarbeitet und unterstützten sich dabei gegenseitig. Bei der Abschlussvorstellung gab es großen Applaus. Vertreter aus Politik und Verwaltung verfolgten die Veranstaltung ebenfalls, darunter Simmeraths Bürgermeister Bernd Goffart.
Trapez, Jonglage und Feuerartistik
Auf dem Programm standen Trapezkunst, Jonglage, Feuerartistik und Clownerie. Neu war die Zusammenarbeit mit der Orientalischen Tanzsportgruppe der RWTH Aachen. In der Manege mischten sich dadurch Zirkusnummern mit Bewegung und Tanz – und vermutlich auch ein wenig Lampenfieber.
Organisiert wurde die kostenlose Ferienfreizeit vom Verein zur Förderung von Integrativen Jugendcamps in Kooperation mit dem Circus Amany der Familie Ludwig Neigert. Goffart betonte, wie wichtig Angebote seien, bei denen Jugendliche einander kennenlernen und besondere Talente entdecken können.
Eine weitere Vorstellung fand am 11. Oktober 2023 statt. Rund 70 Jugendliche ab 14 Jahren traten damals vor Publikum auf; etwa die Hälfte von ihnen hatte eine Behinderung. Zwölf Betreuer kümmerten sich rund um die Uhr um die Teilnehmer. Für Geschäftsführerin Uschi Brammertz ist das Camp das einzige ihr bekannte vollständig inklusive Format.
Applaus für Scherben, Fackeln und Leitern
Die fast zweistündige Zirkusvorstellung verlangte den jungen Artisten einiges ab: Zu sehen waren Kunststücke am Trapez, das Gehen über Scherben, Jonglieren mit Fackeln sowie das Balancieren auf Brettern und Leitern. Das Publikum applaudierte fast jedem einzelnen Auftritt. Nach der Vorstellung lobte Michael Ziemons, Dezernent für Soziales und Gesundheit der Städteregion Aachen, die Jugendlichen für ihre Leistungen und Erfolgserlebnisse. Diesmal applaudierten sie selbst mit.
Zwischen all dem Trubel gab es auch einen leisen Moment. Ein Mädchen, das sich wegen seiner Behinderung nicht verbal mitteilen kann, malte den Betreuern ein Dankesbild. Darauf sind mehrere benannte Personen, eine Wiese und eine große Sonne zu sehen. Das Bild wurde in der Mensa aufgehängt.
Freizeit ohne Hindernisse
Am Standort RWTH Aachen passt das Camp zu einer größeren Debatte über inklusive Freizeit. Das Projekt „Freizeit für ALLE“ des Landesverbandes setzt sich in Hessen für barrierefreie und inklusive Angebote ein. Hintergrund ist, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung bestehende Freizeitmöglichkeiten wegen Barrieren oft nur eingeschränkt nutzen können.
Das auf fünf Jahre angelegte Projekt wird von der Aktion Mensch gefördert. Es soll Barrieren abbauen, Inklusion gewährleisten und selbstbestimmte Teilhabe ermöglichen. Dafür entstehen Kooperationen mit Vereinen, Verbänden und Jugendorganisationen, die ein Netzwerk für inklusive Freizeitgestaltung bilden sollen.
Haupt- und ehrenamtlich Engagierte erhalten regelmäßige Schulungen zum Thema „inklusive Freizeitgestaltung“. Die Schulungen können zur Verlängerung der Juleica angerechnet werden. Eine Online-Übersicht erleichtert außerdem die Suche nach inklusiven Aktivitäten in Hessen – von Sport und Kultur über Natur bis Musik. Eltern und Jugendliche finden dort Informationen zu den Angeboten und zur Barrierefreiheit vor Ort.
Im Projektverlauf sind in Hessen mehrere Tage der Freizeitmöglichkeiten geplant. Vereine und Organisationen können ihre inklusiven Angebote vorstellen; Kinder, Jugendliche und Familien dürfen sie ausprobieren, Feedback geben und weitere Ideen einbringen. Informationen gibt es auch in Leichter Sprache und in Gebärdensprache. Das Ziel bleibt dabei angenehm konkret: Jedes Kind soll ein passendes Hobby ohne Hindernisse finden können.
