Johanna Breitenberger baut Brücken für Frauen im Baugewerbe
Am 3.10.2026 sitzt Johanna Breitenberger an der Uni Würzburg zwischen Vorlesungsplan, Baustoffkunde und dem ganz normalen Studentenwohnheim-Alltag. Die 21-Jährige aus Breitbrunn hat ihre Maurer-Ausbildung als Jahrgangsbeste abgeschlossen – mit der Note 2. Danach begann sie ein Bauingenieurwesen-Studium in Würzburg.
Direkt nach der Schule an die Universität? Das wollte Breitenberger nicht. Erst einmal praktische Erfahrungen sammeln, anpacken, sehen, ob Baupläne auf der Baustelle tatsächlich funktionieren. Denn dort, sagt sie, zeigt sich erst ihre Praxistauglichkeit. Erfahrene Handwerker erkennen Fehler oft sofort – manchmal offenbar schneller als jede Zeichnung.
Zwischen Einfamilienhaus und Industriehalle
Breitenberger wuchs in einer Baufamilie auf. Ihr Vater Markus ist Pflasterbauer, außerdem sind die Familien Greimel und Breitenberger über gemeinsame Vorfahren miteinander verbunden. Ursprünglich wollte Johanna im sozialen Bereich arbeiten und nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Dann entschied sie sich für eine praktische handwerkliche Ausbildung, bevor sie ein Studium begann.
Wegen ihres Schulabschlusses konnte sie die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen. Bei der Hans Greimel GmbH war sie die erste Frau in der Maurer-Ausbildung, bei der Verabschiedung der Maurer-Gesellen der Bau-Innung Garmisch-Weilheim-Starnberg sogar die einzige Frau. Gearbeitet hat sie an ganz unterschiedlichen Projekten: an Einfamilienhäusern ebenso wie an Industriehallen.
Körperlich anspruchsvoll war das natürlich auch. Wenn schwere Lasten bewegt werden mussten, halfen ihr Kollegen. Heute übernehmen Kräne vieles, was früher Muskelkraft verlangte – der Baustellenlärm bleibt trotzdem, und vermutlich auch der Staub in den Schuhen.
Obermeister Ulrich Greimel freute sich über ihren ersten Platz und unterstützt ausdrücklich mehr Frauen im Handwerk. In seinem Fensterbetrieb soll demnächst eine Schreinerin zur Probe beginnen. Breitenberger selbst empfiehlt Frauen eine handwerkliche Ausbildung: Es solle mehr Frauen im Handwerk geben.
Drei Wochen Dänemark, viele vertraute Wörter
Über das Erasmus-Austauschprogramm verbrachte Breitenberger drei Wochen in Dänemark. Dort stellte sie fest, dass Fachbegriffe wie „Mörtel“ und „Fuge“ in beiden Sprachen gleich verwendet werden. Praktisch, wenn der Wind pfeift und man nicht erst ein ganzes Wörterbuch durchblättern möchte.
Unterschiede gab es trotzdem: In Dänemark gehören auch Fliesenarbeiten und das Verputzen zum Aufgabenbereich von Maurern. In Deutschland übernehmen diese Arbeiten meist Fliesenleger und Maler.
Für ihr Studium rechnet Breitenberger mit sieben bis acht Semestern. Danach plant sie einen dreisemestrigen Masterabschluss. Möglicherweise möchte sie später in der Bauleitung arbeiten.
Frauen im Bau: mehr Studentinnen, wenige auf der Baustelle
Breitenbergers Weg fällt in eine Zeit, in der der Frauenanteil im Bauingenieurwesen deutlich gestiegen ist. Binnen 25 Jahren erhöhte er sich von 20 auf 30 Prozent. Im Studienjahr 1998/99 lag er bei 20 Prozent, im Wintersemester 2024/25 bei 30 Prozent. Zum Vergleich: Im Maschinenbau sind aktuell 14 Prozent der Studierenden weiblich.
Auch die Studierendenzahl legte zunächst kräftig zu: von 32.000 im Wintersemester 2007/08 auf 61.500 im Wintersemester 2021/22 – ein Plus von 92 Prozent. Die Zahl der männlichen Studierenden wuchs in diesem Zeitraum um 76 Prozent, die der weiblichen um 144 Prozent. Seit dem Wintersemester 2022/23 sinkt die Zahl wieder, unter anderem wegen des demografisch bedingten Rückgangs der Studienanfänger.
Die Zahl der weiblichen Studienanfänger im ersten Fachsemester hatte sich von 1998/99 bis 2015/16 auf 3.145 verdoppelt, sank bis 2024/25 aber wieder auf 2.720. Bei den bestandenen Prüfungen stieg die Zahl der Frauen von 1.240 im Jahr 1999 auf 3.350 im Jahr 2024. Ihr Anteil an allen bestandenen Prüfungen wuchs von 18 auf 32 Prozent, zuletzt allerdings leicht rückläufig.
Im Berufsalltag ist das Bild ungleichmäßiger. In Bauunternehmen sind mittlerweile 29 Prozent der Bauingenieure weiblich, 2013 waren es 24 Prozent. Insgesamt stieg der Frauenanteil unter Bauingenieuren von 26 Prozent im Jahr 2013 auf 32 Prozent. Von 97.800 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Bauingenieuren waren 31.270 Frauen – 82 Prozent mehr als 2013.
Nach Tätigkeitsfeldern lag der Frauenanteil im Rohrleitungsbau bei 12 Prozent, im Straßen- und Asphaltbau bei 27 Prozent und im Hochbau ohne Schwerpunkt bei 32 Prozent. In der öffentlichen Verwaltung arbeiteten 7.115 Bauingenieurinnen, 145 Prozent mehr als 2013. Die Zahl der männlichen Bauingenieure dort stieg im selben Zeitraum um 88 Prozent. Der Frauenanteil in der öffentlichen Verwaltung lag bei 46 Prozent, gegenüber 40 Prozent im Jahr 2013.
Die Zahlen unterscheiden allerdings nicht, ob jemand in einem Bauunternehmen, einem Architektur- oder Ingenieurbüro oder der öffentlichen Verwaltung arbeitet. Selbstständige sind nicht erfasst. Frauen sind in der Bauwirtschaft besonders in Bauplanung, Architektur, Vermessung, Kalkulation und Abrechnung vertreten. Im Juni 2025 waren 53 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Architekturberufen weiblich, 2013 waren es 44 Prozent. Weitere Anteile: Bauplanung 28 Prozent, Vermessung und Kartografie 29 Prozent, Bauabrechnung und -kalkulation 31 Prozent, Stadt- und Raumplanung 55 Prozent, Bauaufsicht 8 Prozent.
Auf der Baustelle bleibt die Lücke groß
Im gesamten Bauhauptgewerbe liegt der Frauenanteil nahezu konstant bei 11 Prozent. Im gesamten Baugewerbe waren im Juni 2025 14 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Frauen. Der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt lag bei 47 Prozent. Die Beschäftigungsdaten stammen nach Geschlecht von der Bundesagentur für Arbeit und werden wegen saisonaler Schwankungen jeweils für Juni ausgewertet.
Der niedrige Anteil im Bauhauptgewerbe hängt mit dem hohen Anteil gewerblicher Beschäftigter zusammen: Einschließlich gewerblicher Auszubildender liegt er bei 70 Prozent. In den gewerblichen bauhauptgewerblichen Berufen betrug der Frauenanteil im Juni 2025 durchschnittlich 2,3 Prozent, 2013 waren es 1,3 Prozent.
Besonders niedrig waren die Anteile im Rohrleitungsbau mit 0,7 Prozent, im Kanal- und Tunnelbau mit 0,9 Prozent, im Beton- und Stahlbetonbau mit 1,0 Prozent, bei Dachdeckern mit 1,3 Prozent, im Gleisbau mit 1,8 Prozent sowie im Straßen- und Asphaltbau mit 2,0 Prozent. Über dem Durchschnitt lagen der Tiefbau ohne Schwerpunkt mit 2,9 Prozent, der Hochbau ohne Schwerpunkt mit 3,2 Prozent und der Kultur- und Wasserbau mit 10,5 Prozent.
In ausbaugewerblichen Berufen lag der Frauenanteil 2025 durchschnittlich bei 2,7 Prozent – 0,7 Prozentpunkte mehr als 2013. Unterdurchschnittliche Werte gab es bei der Bodenverlegung mit 1,1 Prozent, bei Klempnerei, Sanitär und Heizung mit 1,3 Prozent, bei Isolierung mit 1,3 Prozent, bei Ausbau und Trockenbau mit 1,9 Prozent sowie in der Bauelektrik mit 2,0 Prozent.
Höher lagen Bautischlerei mit 3,4 Prozent, Glaserei mit 3,8 Prozent, Maler- und Lackiererberufe mit 7,5 Prozent und Rollladen- und Jalousiebau mit 8,0 Prozent. Gerade dort, wo Gestaltung und Handarbeit zusammenkommen, verschiebt sich das Bild ein wenig.
Bei den gewerblichen Auszubildenden in bauhauptgewerblichen Berufen stieg der Frauenanteil von 1,8 Prozent im Jahr 2018 auf 4,8 Prozent im Juni 2025. In ausbaugewerblichen Ausbildungsberufen lag er 2025 bei 5,7 Prozent, gegenüber 4,4 Prozent im Jahr 2018. Der hohe Anteil im Ausbau hängt insbesondere mit Maler- und Lackiererberufen zusammen: Dort waren 21,3 Prozent der Auszubildenden Frauen; zugleich stellten Maler- und Lackiererauszubildende 53 Prozent aller
