Am 26. Oktober 2026 spricht Maya Roisman im WuF-Zentrum in Würzburg über jüdische und queere Sichtbarkeit. Der Vortrag „Jüdisch. Queer. (Un)Sichtbar?“ beginnt um 17:30 Uhr, Einlass ist bereits ab 16:30 Uhr. Veranstaltungsort ist das WuF-Zentrum, Nigglweg 2, 97082 Würzburg. Organisiert wird der Abend vom WuF-Zentrum im Rahmen der Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus.

Roisman geht von persönlichen Erfahrungen aus. Es geht um intersektionale Diskriminierung – und um die ganz praktische Frage, wann sich Menschen in unterschiedlichen Räumen sicher und sichtbar fühlen können. Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich in jüdischen und queeren Communities, im öffentlichen Raum und im persönlichen Erleben vieles verschoben. Welche Räume schaffen Schutz, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit? Wo stoßen sogenannte sichere Räume an ihre Grenzen? Und wie müssen Räume aussehen, damit jüdische und queere Menschen nicht zwischen verschiedenen Zugehörigkeiten wählen müssen?

Zwischen Sichtbarkeit und Rückzug

Eine 2026 veröffentlichte Studie des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und des Arbeitsbereichs Antisemitismusforschung des IRex der Universität Tübingen beschreibt, wie jüdische und israelische Communities in Deutschland den Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023, die anschließende antisemitische Radikalisierung und gesellschaftliche Reaktionen erleben. Studienleiterinnen sind Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai; wissenschaftlich mitgearbeitet haben Hanne Balzer und Sophia Hoppe.

Laut Studie wurden beim Angriff mehr als 1.200 Menschen getötet und misshandelt, 251 Menschen als Geiseln verschleppt. Die Forschenden bezeichnen ihn als größtes und tödlichstes Massaker an Jüdinnen seit der Shoah. Die Untersuchung ist nach ihren Angaben die erste mehrsprachige, bundesweite qualitative Studie zu den Auswirkungen des Terrors und des Antisemitismus auf jüdische und israelische Communities in Deutschland.

Konzipiert wurde sie im November 2023 durch KOAS, zunächst in Kooperation mit der FH Potsdam, ab 2026 mit dem IRex der Universität Tübingen. Die Erhebung begann im Februar 2024 und dauerte 20 Monate. Grundlage waren 83 narrative Einzelinterviews, vier Gruppendiskussionen mit insgesamt 35 Teilnehmenden und vier wöchentliche Selbstbeobachtungsdokumentationen. Nach der Freilassung der noch lebenden Geiseln und dem Abkommen zwischen Hamas und Israel im Oktober 2025 kamen von Dezember 2025 bis Januar 2026 vier Follow-up-Interviews hinzu. Insgesamt nahmen 118 Personen im Alter von sieben bis 80 Jahren teil. Die Gespräche und Diskussionen wurden auf Deutsch, Englisch, Hebräisch und Russisch angeboten.

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Im Bus, in der Bahn, auf dem Bahnsteig: Mehrere Befragte zeigen hebräische Bücher, Chats oder Nachrichten nicht mehr offen. Einzelne meiden öffentliche Verkehrsmittel seit dem 7. Oktober komplett. Die Studie berichtet von einer Person, die öffentlich Hebräisch telefonierte und dafür als „mutig“ bezeichnet wurde, von der wiederholten Verweigerung eines Sitzplatzes und Beschimpfungen gegenüber einer hebräisch telefonierenden Frau sowie von aggressiven Reaktionen auf eine sichtbar getragene Davidstern-Kette.

Eine Mutter wurde mit ihrem Sohn zweimal am Bahnsteig angefeindet, unter anderem mit den Worten „Free Palestine“. Seit dem 7. Oktober trägt sie Pfefferspray. Andere Eltern berichten von Selbstverteidigungskursen und davon, ihre Alltagswege zu verändern, um ihre Kinder zu schützen. Das sind keine großen politischen Begriffe, sondern kleine Entscheidungen vor der Haustür: Welcher Weg ist heute klüger? Was bleibt besser in der Tasche?

Wenn selbst Hilfe zum Konfrontationsort wird

Auch Gesundheitseinrichtungen tauchen in der Studie als Orte auf, an denen sich Betroffene nicht sicher fühlen. Eine Patientin wurde von einem Arzt in Ausbildung mehrfach auf ihre israelische Herkunft angesprochen und nach der Behandlung zum Krieg befragt. Er sagte ihr, es habe „nicht wirklich geholfen“, dass Israel so zurückgeschlagen habe. Die Patientin verließ daraufhin das Behandlungszimmer. Vergleichbare Erfahrungen werden aus Therapie-, Zahn- und Frauenarztpraxen berichtet.

Die Forschenden betonen die besondere Belastung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Patientinnen und medizinischem Personal. Wer auf Behandlung angewiesen ist, kann einer solchen Situation nicht einfach ausweichen. Ähnlich widersprüchlich klingt es am Arbeitsplatz: Die Betroffenheit jüdischer Kolleginnen werde häufig nicht thematisiert oder ausgeblendet.

Im akademischen und künstlerischen Bereich berichten Teilnehmende von stillem und offenem Boykott. Abgesagt wurden künstlerische Kooperationen und Konferenzbeiträge; Artikel und Bewerbungen wurden nicht veröffentlicht, Aufträge blieben aus. Für Künstlerinnen hatte das teilweise existenzbedrohende wirtschaftliche Folgen. Eine Rettungssanitäterin, die nach einem antisemitischen Vorfall Unterstützung suchte, wurde von der betrieblichen Antidiskriminierungsbeauftragten an „ihre jüdische Community“ verwiesen.

Schulen und Hochschulen bilden dabei keine heile Insel. Eine 16-Jährige meldete ein Hakenkreuz auf einem Zettel, der in ihr Kunstprojekt gelegt worden war. Nach ihrer Schilderung reagierte die Schulleitung nicht weiter. Eltern jüdischer Kitas und Schulen nehmen Polizeipräsenz und Sicherheitsschleusen seit dem 7. Oktober als verstärkt wahr – und gerade darin zugleich den Hinweis auf eine fortbestehende Gefährdung.

Studierende berichten von Unsichtbarkeit, antisemitischer Bild- und Sprache, lange nicht entfernten Schmierereien, abgerissenen Geiselplakaten, Boykottforderungen gegen israelische Hochschulpartner und fehlenden unterstützenden Strukturen. Für einen Universitätsalltag, der eigentlich von Neugier, Diskussion und offenen Türen leben soll, ist das eine ziemlich enge Atmosphäre.

Ein Bruch, der nicht einfach vorbei ist

Teilnehmende beschreiben den 7. Oktober als potenziell traumatisches Ereignis. Genannt werden Dissoziation, Intrusionen, Panik, Angstzustände sowie der Verlust von Sicherheits- und Kontrollgefühl. Auch Menschen, die nicht unmittelbar betroffen waren, zeigen Anzeichen sekundärer Traumatisierung. Teilweise stehen diese Erfahrungen mit der Reaktivierung transgenerational überlieferter Verfolgungs- und Fluchterfahrungen in Verbindung.

Die Studie beschreibt die Belastungen als kumulativ. Von „traumatischer Invalidation“ spricht sie, wenn das Umfeld nicht mit Anerkennung, sondern mit Übergriffen oder Passivität reagiert. Gleichzeitig wurde die Übergabe der Geiseln durch das Rote Kreuz, ihre Ausreise aus Gaza und die Wiedervereinigung mit Angehörigen über israelisches Fernsehen verfolgt und bei Mahnwachen gefeiert. Mehrere Befragte beschrieben eine „wahnsinnige Erleichterung“.

Der 7. Oktober wird auch zwei Jahre später als fortdauernder Bruch und nicht als abgeschlossenes Ereignis beschrieben. Das Sicherheits- und Vertrauensgefühl gegenüber dem nicht-jüdischen Umfeld hat sich langfristig verändert. Kinder und Jugendliche schildern ihre eigene Wahrnehmung von Antisemitismus, etwa die Erfahrung, negativ bewertet zu werden, „just because I’m Jewish or just because I’m from Israel“.

Gleichzeitig dokumentiert die Studie einen stärkeren innerjüdischen Zusammenhalt. Wichtiger werden communitybasierte psychosoziale und diskriminierungsbezogene Beratung, Empowerment-Angebote, selbstorganisierte innerjüdische Aktivitäten und kontextsensible therapeutische Angebote.

Was sich ändern müsste

Die Handlungsempfehlungen der Studie reichen von der betroffenenorientierten Erfassung antisemitischer Vorfälle bis zum dauerhaften Ausbau spezialisierter psychosozialer, psychologischer und rechtlicher Beratungs- und Interventionsstellen. Auch communityorientierte Programme, Krisenangebote und Beschwerdewege sollen ausgebaut werden.

Für Kitas, Schulen, Hochschulen, Behörden und Unternehmen empfehlen die Forschenden weiterentwickelte und verstetigte Bildungs- und Qualifizierungsangebote. Strukturelle Diskriminierung von Jüd*innen, insbesondere bei der Bildungsteilhabe, soll durch Beschwerdestrukturen, Beratungsangebote und Unterstützungsnetzwerke abgebaut werden. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus müsse stärker in politische und pädagogische Programme von Bund und Ländern einfließen.

Genannt werden außerdem die Novellierung von Demokratiefördergesetzen sowie Reformen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), der Landesantidiskriminierungsgesetze (LADG) und des Strafrechts. Diskriminierung aufgrund von Staatsangehörigkeit und Muttersprache,