Jüdische Studierende unter Druck: Wie Antisemitismus die Hochschulen verändert
An der Universität Regensburg ist die Frage längst nicht mehr abstrakt: Viele jüdische Studierende in Deutschland fühlen sich seit dem 7. Oktober 2023 in ihrem Umfeld unsicher. Sie berichten von Angstzuständen und Depressionen – nicht nur auf dem Campus, sondern auch auf der Straße, in Bars oder öffentlichen Verkehrsmitteln.
Eine Studie von Irina Jarvers und Tal Josef Tamir hat zwei Jahre lang 320 Studierende untersucht, darunter 151 jüdische Teilnehmende. Rund 60 Prozent der Befragten hatten eine Migrationsgeschichte. Die Forschenden wollten psychische Belastungen jüdischer Studierender erfassen und Unterschiede zu nichtjüdischen Studierenden sichtbar machen.
Angst, Schlaflosigkeit und der Druck des Alltags
Erhoben wurden unter anderem Depressionen, Angst, Stress, jüdische Identität und die Beziehungen zu Israel. Etwa 80 Prozent der jüdischen Befragten gaben an, dass Israels Existenzrecht für sie sehr wichtig sei. Rund 66 Prozent hatten Familie in Israel. Knapp 87 Prozent führten den Anstieg des Antisemitismus auf den 7. Oktober zurück.
Das Stressniveau war bei jüdischen wie nichtjüdischen Studierenden insgesamt hoch. Jüdische Studierende litten jedoch signifikant häufiger unter schweren Angstzuständen und Depressionen. Gemessen wurden klinische Merkmale wie Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Schlaflosigkeit und Suizidgedanken – mithilfe validierter Fragebögen, also nicht bloß nach einem flüchtigen Eindruck im Gespräch.
In der Gesamtstichprobe hatte die Zugehörigkeit zum Judentum unabhängig von weiteren Faktoren einen messbaren Einfluss auf die psychische Belastung. Diese Belastung habe sich insbesondere seit dem 7. Oktober verstärkt. Die Forschenden leiten daraus ab, dass Antisemitismus nicht nur ein gesellschaftliches Problem ist, sondern auch Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat.
Die Studie untersuchte dabei nicht, wie Antisemitismus definiert werden sollte, sondern die Wahrnehmung und die Erfahrungen der Betroffenen. Als theoretischer Rahmen diente das Minderheitenstressmodell: Dauerhafte Ausgrenzung, Vorurteile, Beleidigungen, Gewalt und die Angst vor Ablehnung können zusätzlichen Stress verursachen. Jüdische Studierende schätzten, dass 46,5 Prozent der Deutschen eine antisemitische Einstellung hätten.
Gleichzeitig kann die jüdische Zugehörigkeit identitätsstiftend wirken und ein Schutzfaktor sein. Als mögliche Unterstützung nennen die Forschenden Rückhalt durch Universitäten und staatliche Stellen, eine stärkere gesellschaftliche Sensibilisierung sowie Maßnahmen zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Auch direkte Begegnungen könnten hilfreich sein. Kein großer Festakt, eher ein echtes Gespräch, bei dem niemand schon nach dem ersten Satz innerlich die Tür zuschlägt.
Feindselige Atmosphäre auf dem Campus
Wie angespannt die Lage an deutschen Hochschulen sein kann, zeigen laut ELNET auch Vorfälle an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Genannt werden besetzte Hörsäle, offene Anfeindungen und eine zunehmend feindselige Atmosphäre gegenüber jüdischen Studierenden, einschließlich physischer Gewalt.
Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich ihre Situation an deutschen Hochschulen erheblich verschärft. Jüdische Studierende berichten, von Kommilitonen für das Verhalten Israels verantwortlich gemacht worden zu sein. Manche ziehen sich aus Angst aus dem Campusleben zurück – und verpassen damit genau jene Begegnungen, die ein Studium eigentlich ausmachen: Diskussionen auf dem Gang, Kaffee nach dem Seminar, ein zufälliges Gespräch vor der Bibliothek.
An Protesten und Besetzungen beteiligten sich laut dem Artikel auch zahlreiche Personen, die nicht an den jeweiligen Hochschulen eingeschrieben waren. Deshalb steht eine systematische Einflussnahme externer Vereinigungen im Raum. Gleichzeitig seien viele Hochschulen nicht ausreichend darauf vorbereitet, ein sicheres und inklusives Umfeld für alle zu gewährleisten; vielfach fehlten klare Strukturen, um Antisemitismus konsequent zu begegnen.
Die Verantwortung liegt demnach bei der Politik, den Hochschulleitungen und den Studierenden. Klare Leitlinien, eine entschlossene Haltung und eine offene Dialogkultur sollen die Urteilsfähigkeit stärken und Hochschulen als Orte der Vielfalt und des Respekts erhalten. Als Orte des intellektuellen Austauschs tragen sie außerdem eine besondere Verantwortung für die gesellschaftliche Wertebildung.
Was sich an Hochschulen ändern soll
ELNET begrüßt den angekündigten gemeinsamen Antrag von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Er soll sich gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen richten und einen freien Diskursraum sichern. ELNET unterstützt die Initiative als gemeinsamen Ansatz zur Bewältigung dieser Herausforderungen und zur Wahrung eines respektvollen, offenen Austauschs.
Im Rahmen der Konferenz „Actions Matter – THE SUMMIT“ entwickelte ELNET einen „Action Plan“ gegen Antisemitismus an Hochschulen. Vorgesehen sind unter anderem Antisemitismus-Beauftragte, die Übernahme der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus, Bildungsangebote zur Sensibilisierung von Hochschulpersonal und Studierenden sowie die systematische Erfassung und Dokumentation antisemitischer Vorfälle.
Die gesammelten Daten sollen als Grundlage für gezielte Maßnahmen dienen. Für den Alltag an Orten wie der Universität Regensburg bedeutet das: Zuständigkeiten müssten erkennbar sein, Betroffene Unterstützung finden, und Vorfälle dürften nicht im Rauschen des Hochschulbetriebs verschwinden. Heute ist der 1.11.2026 – und für viele jüdische Studierende ist der Weg über den Campus weiterhin keine Nebensache.
