Jüngere Kinder in der Klasse zeigen häufiger ungünstiges Essverhalten
Eine Studie der Universität Trier zeigt: Kinder, die innerhalb ihres Schuljahrgangs zu den Jüngsten gehören, zeigen häufiger Anzeichen eines ungünstigen Essverhaltens. Dazu zählen Übergewicht, ein geringerer Gemüseanteil bei verzehrten Speisen, mehr Softdrinks, unregelmäßige Mahlzeiten und häufigere Diäten. Die Ergebnisse liegen heute, am 2.11.2026, als Hinweis darauf vor, dass das relative Alter in einer Klasse über den Schulalltag hinaus eine Rolle spielen kann.
Beim anhand des Body-Mass-Index gemessenen Übergewicht liegt die Wahrscheinlichkeit für die Jüngsten eines Jahrgangs rund 2 Prozentpunkte über jener der Ältesten. Bei einem durchschnittlichen Übergewichtsrisiko von 13,9 Prozent gilt dieser Unterschied als statistisch relevant. Jungen zeigen ihn stärker als Mädchen. Das klingt zunächst nach einer kleinen Zahl – in einer großen Gruppe sind zwei Prozentpunkte aber durchaus kein Randthema.
Frühstück, Softdrinks und der Blick auf den BMI
Für die Untersuchung werteten die Forschenden Daten der internationalen Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“ aus. Berücksichtigt wurden fünf Befragungswellen zu Gesundheit und Lebensstil aus den Jahren 2001 bis 2018. Die Datengrundlage umfasst rund 600.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 17 Jahren aus 30 europäischen Staaten.
Die Forschenden bezogen unter anderem die familiäre Situation und den Wohlstand ein, um den Einfluss des relativen Alters möglichst isoliert zu untersuchen. Länder ohne festen Einschulungsstichtag, darunter Deutschland, wurden ausgeschlossen. Die Ursachen für das ungünstigere Essverhalten sind laut Studie trotzdem nicht eindeutig geklärt.
Als mögliche Faktoren nennen die Forschenden häufigere mentale Belastungen und sozialen Druck durch ältere Mitschüler. Jüngere Schülerinnen und Schüler lassen an Schultagen außerdem häufiger das Frühstück ausfallen. Vielleicht schlafen sie länger und haben dadurch weniger Zeit, etwas zu essen – morgens reicht es dann gerade noch für Zähneputzen, Rucksack und den Sprint zur Schule.
In Ländern mit flächendeckenden Schulmahlzeiten fallen die Unterschiede beim Essverhalten geringer aus. Frühere Studien brachten ein jüngeres relatives Alter innerhalb der Klasse zudem mit häufigeren mentalen Problemen, mehr ADHS-Diagnosen, schlechteren durchschnittlichen Noten und seltenerem Sporttreiben in Verbindung.
Was die Daten leisten – und was nicht
Die Daten werden vom wissenschaftlichen Team des HBSC-Studienverbunds Deutschland genutzt. Über eine gesicherte Informationsinfrastruktur stellt HBSC-Deutschland sie dem internationalen Datenmanagementzentrum an der Universität Bergen in Norwegen bereit. Daraus entsteht ein internationaler Datensatz mit Angaben von etwa 280.000 Kindern und Jugendlichen aus 51 Ländern.
Einzelne Kinder lassen sich daraus zu keinem Zeitpunkt erkennen. Schulen und andere Dritte erhalten keinen Zugang zu den Daten. Im Rahmen von Open Science können die Daten drei Jahre nach Abschluss einer Befragung für wissenschaftliche Zwecke als „Public Use File“ bei der internationalen HBSC-Leitung beantragt werden. Für die HBSC-Studie existiert außerdem ein Datenverarbeitungsverzeichnis, das auf Wunsch eingesehen werden kann.
Die Ergebnisse sollen Eltern und Lehrkräfte für mögliche Auswirkungen des relativen Alters sensibilisieren und bei Überlegungen zur Einschulung eine zusätzliche Entscheidungsgrundlage bieten. Eine Diagnose für einzelne Kinder ist daraus nicht abzuleiten. Eher geht es um den kleinen, leicht zu übersehenden Unterschied zwischen „fast ein Jahr älter“ und „fast ein Jahr jünger“ – derselbe Klassenraum, aber nicht unbedingt dieselben Voraussetzungen.
Ein weltweites Forschungsnetzwerk
HBSC ist eine länderübergreifende WHO-Kooperationsstudie zur Gesundheit und zum Wohlbefinden von Jugendlichen in ihrem sozialen Umfeld. Sie wird alle vier Jahre mit schulbasierten Befragungen von 11-, 13- und 15-Jährigen durchgeführt und liefert international vergleichbare Daten zu Gesundheitsverhalten, sozialen Einflussfaktoren und Entwicklungen im Jugendalter.
Das Netzwerk umfasst derzeit 51 Länder und Regionen in Europa, Zentralasien und Nordamerika. Mehr als 450 Forschende aus öffentlicher Gesundheit, Bildung, Psychologie und Sozialwissenschaften arbeiten daran mit. An der jüngsten Erhebungsrunde 2021–2022 beteiligten sich 47 Länder und Regionen. Die internationale Koordination und das Datenmanagement liegen bei der Universität Bergen in Norwegen; jedes teilnehmende Land ist selbst für Durchführung und Finanzierung verantwortlich.
Mit den HBSC-Daten lässt sich verfolgen, wie sich Gesundheit und Risikoverhalten Jugendlicher über die Zeit entwickeln. Untersucht wird auch, welchen Einfluss Schulen, Familien, Gleichaltrige und digitale Umgebungen auf Gesundheitsergebnisse haben. So sollen gesundheitliche Ungleichheiten sichtbar werden und nationale politische Maßnahmen sowie Programme zur Verbesserung der Lebensbedingungen junger Menschen unterstützt werden.
Neuere Erhebungsrunden greifen zusätzlich digitale Nutzung, die psychische Gesundheit junger Menschen und die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf. Die Ergebnisse erscheinen in regelmäßigen internationalen Berichten und thematischen Veröffentlichungen. Ein 2023 gestarteter interaktiver Datenbrowser erlaubt Auswertungen nach Land, Erhebungsjahr, Alter und Geschlecht. Öffentliche Mikrodaten-Dateien mit den verpflichtenden Fragen sind über das HBSC Data Management Centre verfügbar.
Die Resultate fließen außerdem in regionale und globale Gesundheitsstrategien ein: in das WHO-Europaprogramm für Kinder- und Jugendgesundheit 2025–2030, für das HBSC eine wichtige Datenquelle ist, ebenso in die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung und die globale WHO-Strategie für die Gesundheit von Frauen, Kindern und Jugendlichen 2016–2030. Die Studie der Universität Trier trägt dazu eine sehr konkrete Facette bei: den Frühstückstisch, die Flasche Softdrink im Rucksack und die Frage, wer in der Klasse eigentlich zu den Jüngsten gehört.
Quelle der Studie: DOI 10.1016/j.econedurev.2025.102756.
Aponet: Übergewicht und Ernährung – jüngere Kinder in der Klasse im Nachteil
HBSC-Deutschland: Studie und Daten
WHO Europa: Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)
