Klopp übernimmt den DFB: Gegenpressing als neue Führungs- und Spielidee
Am 24. Juli 2026 präsentierte der DFB Jürgen Klopp als Nachfolger von Julian Nagelsmann und neuen Bundestrainer. Der Vertrag läuft bis 2030. Damit wurde aus einem kurzen, nachdrücklich betonten „Noch“ innerhalb weniger Wochen eine neue deutsche Fußballrealität.
Kurz vor dem WM-Start gegen Curaçao Anfang Juli hatte Klopp als Experte bei Magenta TV über Nagelsmann gesagt: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch.“ Das Wort „Noch“ wiederholte er mit Nachdruck. Es folgte eine mehrtägige Debatte darüber, ob Klopp Nagelsmann öffentlich den Job streitig mache. Klopp entschuldigte sich anschließend öffentlich.
Mehr Druck, mehr Tempo
Einige Wochen später stand fest: Nagelsmann war nicht mehr Bundestrainer, Klopp übernahm seine Nachfolge. Der Auftrag ist gewaltig: Nach dem erneuten WM-Debakel soll er die deutsche Nationalmannschaft zurück an die Weltspitze führen. Bei der Weltmeisterschaft 2026 war Deutschland im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden. Klopp kritisierte vor allem die zu geringe Intensität.
Bei seiner Vorstellung kündigte er mehr Einsatz, Aufwand und Intensität an – dazu ein stärkeres Gegenpressing. Spieler mit großem Einsatz könnten neue Chancen bekommen. Sein Ansatz soll mutig sein. Und am Ende sollen Zuschauer wieder das Gefühl haben, kein Länderspiel verpassen zu wollen, weil die Partien unterhaltsam sind.
Für Roman Briker, Leadership-Experte von der WHU – Otto Beisheim School of Management, ist Klopps Führungsverhalten auch jenseits des Rasens interessant. Führungsverhalten aus dem Sport lasse sich auf die Wirtschaft übertragen; von Klopp könne man definitiv lernen. Das Handelsblatt hat sieben Führungslehren herausgearbeitet, die sich Manager von ihm abschauen können. Der Führungsstil gilt als ein wichtiger Erfolgsfaktor seiner Arbeit.
Das System beginnt nach dem Ballverlust
Klopp will, dass sich seine Mannschaft nach einem Ballverlust nicht zurückzieht. Sie soll den Ball unmittelbar und geschlossen zurückerobern. Der Gegner ist nach der Balleroberung oft noch ungeordnet – genau dann sollen gefährliche Situationen in der gegnerischen Hälfte entstehen.
Das Gegenpressing ist dabei nicht bloß ein zusätzliches Werkzeug, sondern das Zentrum des Systems. Schon im eigenen Ballbesitz werden mögliche Ballverluste und die anschließenden Pressingaktionen mitgedacht. Der gesamte ballnahe Verbund setzt nach; eine sehr hohe Abwehrkette kann diesen Zugriff unterstützen. Gelingt der Ballgewinn, soll es möglichst sofort nach vorne gehen. Quer- oder Rückpässe sind zunächst nicht die bevorzugte Lösung. Erst wenn der schnelle Angriff nicht möglich ist, wird der Ball gesichert und der Spielaufbau neu begonnen.
Eine Analyse des Global Soccer Network (GSN) untersuchte, wie gut Klopps Spielweise zum WM-Kader 2026 gepasst hätte. Bewertet wurden zwölf Spielphasen:
| Spielphase | Passung |
|---|---|
| Spielaufbau | 90,7 % |
| Passspiel allgemein | 89,5 % |
| Raumgewinn | 78,2 % |
| Chancenkreierung | 84,7 % |
| Penetration | 89,3 % |
| Hohes Verteidigen | 60,1 % |
| Mittleres Verteidigen | 78,8 % |
| Tiefes Verteidigen | 75,6 % |
| Umschalten von Angriff auf Abwehr | 33,2 % |
| Umschalten von Abwehr auf Angriff | 47,3 % |
| Offensive Standards | 70,6 % |
| Defensive Standards | 51,1 % |
| Gesamtpassung | 70,7 % |
Gerade im Ballbesitz hätte der Kader laut Analyse gut zu Klopp gepasst. Kontrollierter Ballbesitz und hohe technische Qualität im Passspiel waren vorhanden. Klopp müsste dieses Passspiel allerdings dynamischer verwenden: zur Vorbereitung von Tempoangriffen, Pressingfallen, Tiefenläufen und schnellen Richtungswechseln.
Deutlich größer waren die Lücken im Spiel gegen den Ball und im Umschalten. Nach Ballverlusten müsste das Team schneller, enger und aggressiver reagieren. Restverteidigung, Zugriffsdichte und gemeinsames Nachsetzen entsprachen nicht Klopps Anforderungen. Im Ballbesitz wurden Angriffe zudem häufig durch Querpässe verlangsamt, statt nach einem Ballgewinn sofort vertikal zu spielen.
Vom 4-3-3 bis zum neuen Kader
Klopp setzt grundsätzlich auf ein 4-3-3, das er in Mainz, Dortmund und Liverpool weitgehend beibehielt. Mit Ball stehen die Außenverteidiger hoch und breit. Sie sind im letzten Drittel wichtige Anspielstationen, ziehen die gegnerische Formation auseinander und öffnen Räume im Zentrum. Außerdem liefern sie einen großen Teil der Torvorlagen – eine Rolle, die viel Ausdauer sowie defensive und offensive Fähigkeiten verlangt.
Im Pressing schiebt ein Außenverteidiger nach vorne. Dahinter bilden zwei Innenverteidiger und der andere Außenverteidiger eine Dreierkette. Sind beide Außenverteidiger weit vorne, fällt der Sechser zurück und stellt die Absicherung her. Bei tieferer Verteidigung wird aus dem 4-3-3 ein 4-1-4-1: Der Sechser bleibt vor der Abwehr, die Achter rücken auf eine Linie mit den Flügelstürmern, der Neuner bleibt vorne.
Der Mittelstürmer wird in diesem Modell nicht ausschließlich an Toren gemessen. Er lässt sich fallen, zieht Innenverteidiger aus ihrer Position und öffnet Räume für Flügelstürmer und nachstoßende Achter. Gleichzeitig ist er der erste Verteidiger. Seine Laufwege bestimmen, in welche Richtung der Gegner aufbauen kann und wo das Pressing ansetzt. Spielverständnis und Raumöffnung zählen also mindestens so sehr wie der Torabschluss.
Vor Klopp liegt damit ein Umbau der Mannschaft. Aus einem Team, das Spiele über Ballbesitz und Struktur kontrolliert, soll idealerweise eine Mannschaft werden, die über Druck, Tempo und kollektive Aggressivität dominiert. Dafür braucht es eine veränderte Mentalität und Identität des DFB-Teams. Klopp will diese Spielweise auch in den U-Mannschaften verankern und dürfte andere Spieler für den A-Kader berufen.
Neven Subotic, Kevin Großkreutz und James Milner nennt der Artikel als Beispiele für Spieler, die unter Klopp besonders von ihrer Leidenschaft und Einsatzbereitschaft profitierten. Ob sich dieses Muster auf die Nationalmannschaft übertragen lässt, ist eine andere Sache – im Vereinsfußball gibt es schließlich täglich Training, bei der Auswahlmannschaft deutlich weniger.
Wenige Prinzipien, wenig Zeit
Zum Trainerteam gehören Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender. Der erste Kader soll am 17. September 2026 nominiert werden, der erste Lehrgang beginnt am 21. September 2026. Bei der Nationalmannschaft stehen weniger Trainingszeit und weniger tägliche Wiederholungen zur Verfügung als im Vereinsfußball. Deshalb müssen wenige, schnell umsetzbare Prinzipien im Vordergrund stehen.
Klopp investiert Zeit in einzelne Spieler und legt Wert auf Beziehungen. Seine Emotionen an der Seitenlinie sind Teil der Kommunikation. Er arbeitet mit wenigen, wiederholten Grundprinzipien; Niederlagen werden eingeordnet, ohne sie ausführlich zu zerreden. Gegenpressing funktioniert ohnehin nur, wenn die Mannschaft geschlossen und gleichzeitig reagiert – das ist Taktik, aber eben auch Führungsarbeit.
Für Amateur- und Jugendtrainer steckt darin einiges zum Mitnehmen: Nicht nur das Umschalten nach Ballgewinn trainieren, sondern auch das Verhalten direkt nach Ballverlust. Wenige Grundprinzipien sollten konsequent und über längere Zeit vermittelt werden. Außenverteidiger dürfen offensive Aufgaben übernehmen, ein Neuner sollte nach Spielverständnis und Raumöffnung ausgewählt werden, nicht nur nach Toren.
Im Amateurfußball bietet es sich an, zunächst mit klaren Pressingauslösern in bestimmten Zonen zu beginnen. Im Kinderbereich kann das sofortige Nachsetzen vermittelt werden. Eine abgestimmte Mannschaftsbewegung ist eher ab der C-Jugend sinnvoll. Alle müssen mitmachen
