Leipziger Forschung macht die demotische Sprache des Steins von Rosette digital lesbar
Leipzig. Ein Computerprogramm kann inzwischen sichtbar machen, wie Sätze im Demotischen gebaut sind – einer Sprachform des Altägyptischen, die ab etwa dem 7. Jahrhundert v. Chr. verwendet wurde. Forschende der Universität Leipzig haben die Grammatik und den Satzbau der Alltagssprache digital erfasst und als Baumdiagramme dargestellt.
Damit endet ein Vorhaben, das den Stein von Rosette seit fast zehn Jahren digital untersucht: das „Digital Rosetta Stone Project“. Die Veröffentlichung des sogenannten „Treebankings“ schließt das 2017 gestartete Projekt ab. Entstanden sind unter anderem ein 3D-Scan des Steins und eine moderne digitale Edition. Von 2017 bis 2019 wurde das Projekt vom Bundesforschungsministerium und vom Freistaat Sachsen gefördert.
Wörter werden zu Ästen und Zweigen
Für die Analyse nutzte das Team die Treebanking-Software „Arethusa“. Die Forschenden hinterlegten für jedes Wort der demotischen Inschrift Informationen zu Wortarten und Satzgliedern sowie grammatischen Funktionen. Daraus erzeugte das Programm mehrere Satzbäume: mit Wurzeln, Ästen, Zweigen und Blättern, die zeigen, welche Wörter zusammengehören und wie ein Satz aufgebaut ist.
Treebanking wird seit den 1980er-Jahren in der Sprachwissenschaft eingesetzt und eignet sich besonders für computergestützte Analysen. Inzwischen werden auch antike und bedrohte Sprachen in solche Datenbanken aufgenommen. Für das Demotische war die Übertragung allerdings alles andere als ein Spaziergang. Moderne Kategorien für Wortarten und Satzglieder passen nicht immer direkt zu einer antiken Sprache, wie die Ägyptologin Prof. Dr. Franziska Naether erklärt. Das entwickelte Modell ist deshalb ein Vorschlag, der durch weitere Texte ergänzt und erweitert werden soll.
Zum Forschungsteam gehören unter anderem die Historikerin PD Dr. Monica Berti, Prof. Dr. Franziska Naether und Josephine Hensel vom Ägyptischen Museum – Georg Steindorff – der Universität Leipzig. Ihre digitalen Satzbäume sind online verfügbar. Lernende können darin grammatische Zusammenhänge anschaulich nachvollziehen, Fachleute die Daten für sprachwissenschaftliche Untersuchungen verwenden und mit weiteren Texten ausbauen. Das Team veröffentlichte außerdem ein eigenes Tutorial für Forschende; zwei Aufsätze sollen das Modell in Kürze ausführlich in der Fachcommunity vorstellen. Auch nach dem Projektende sind Aktivitäten geplant, um die Ergebnisse zu vermitteln.
Der Nutzen reicht noch weiter. Antike Sprachen sind nur begrenzt überliefert; ihre Strukturen müssen aus den erhaltenen Texten rekonstruiert werden. Durch die digitale Aufbereitung wird Demotisch zudem für Maschinen lesbar. Künstliche Intelligenzen könnten künftig mit den Daten trainiert werden, um bislang unübersetzte Texte automatisch zu analysieren. Im Rahmen des Projekts entstand außerdem eine digitale Ausstellung über den Stein, seine Geschichte, seine Bedeutung und die digitale Forschung.
Ein Text für Priester, Beamte und Herrscher
Der Stein von Rosette ist eine beschriftete Granodiorit-Platte aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., genauer: ein Fragment einer Stele aus Memphis. Auf ihr steht ein Synodaldekret aus der ptolemäischen Zeit, datiert auf den 23. März 196 v. Chr., das neunte Regierungsjahr Ptolemaios’ V. Epiphanes, eines Nachfolgers Alexanders des Großen. Derselbe Erlass erscheint dreimal: oben in ägyptischen Hieroglyphen, in der Mitte in demotischer Schrift und unten in Altgriechisch.
Die drei Fassungen richteten sich an unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Priester lasen die Hieroglyphen, die als „Gottesworte“ galten. Beamte nutzten Demotisch als ägyptische Gebrauchsschrift. Für die griechischen Herrscher und die Verwaltung stand der Text in Altgriechisch und in Großbuchstaben bereit. Die parallelen Versionen lieferten später den entscheidenden Ansatz zur Entzifferung der Hieroglyphen.
Das Dekret nennt Priester und Amtsträger, die zu einem Fest nach Memphis gekommen waren, und erklärt den Erlass zur gemeinsamen Entscheidung der Priesterschaft. Ptolemaios V. wird als Wohltäter der Tempel und als göttlicher Herrscher dargestellt. Zugeschrieben werden ihm Spenden von Silber und Getreide, die Wiederherstellung der Ordnung, die Unterstützung und Ausstattung des Heeres sowie der Erlass oder die Verringerung von Steuern und Abgaben. Gefangene und Angeklagte sollten freigelassen werden.
Priestern wurden bestehende Einkünfte garantiert, bestimmte Abgaben begrenzt. Angehörige der Tempelämter mussten nicht mehr jedes Jahr zum Haus Alexanders reisen, die Aushebung von Schiffern wurde untersagt und zwei Drittel der Lieferung von Königsleinen erlassen. Krieger, die in ihre Heimat zurückkehren wollten, durften das tun; ihr Besitz sollte ihnen erhalten bleiben. Den Tempeln wurden bis zum neunten Regierungsjahr bestehende Schulden in Silber und Getreide erlassen. Auch bestimmte Differenzbeträge, Lieferleistungen sowie Abgaben auf Weizen und Wein entfielen.
Der König ließ militärisch gegen Aufständische und äußere Feinde vorgehen. Besonders erwähnt wird die Einnahme der befestigten Stadt Schekan, des antiken Lykopolis. Sie wurde im achten Regierungsjahr nach einer Belagerung und der Umleitung von Flüssen erobert; die Aufständischen wurden besiegt und hingerichtet.
Auch religiöse Fürsorge gehört zur königlichen Selbstdarstellung: Ptolemaios V. soll sich stärker als seine Vorgänger um den Apis- und Mnevis-Stier sowie um andere heilige Tiere gekümmert haben. Er unterstützte Feste, Brandopfer und Tempelriten, ließ Tempel, Schreine und Altäre wiederherstellen. Als Gegenleistung versprachen die Götter dem König Sieg, Kraft, Gesundheit und eine dauerhafte Herrschaft für ihn und seine Nachkommen.
Die Priester beschlossen, Ptolemaios V. gemeinsam mit seinen göttlichen Vorfahren zu verehren. In jedem Tempel sollte ein tragbares Abbild mit dem Namen „Ptolemaios, Retter Ägyptens“ stehen, gemeinsam mit dem jeweiligen Ortsgott. Priester sollten dreimal täglich an den Bildnissen Dienst leisten; bei Festen und Prozessionen sollten sie wie andere Götter behandelt werden.
Zusätzlich war ein heiliges Gottesauge des Königs mit goldenem Schrein vorgesehen. Zehn goldene Kronen und Uräusschlangen sollten den Schrein schmücken, in der Mitte eine Doppelkrone für den König von Ober- und Unterägypten. Papyrus und Binse standen für beide Landesteile. Geburtstag und Amtseinsetzung des Königs wurden regelmäßige Festtage, ebenso der 17. und 30. Tag jedes Monats. Im ersten Monat der Überschwemmungszeit sollte ein fünftägiges Fest mit Prozessionen, Kränzen sowie Brand- und Trankopfern stattfinden.
Die Priester aller Tempel sollten fortan den Titel „Priester des glänzenden gütigen Gottes“ tragen. Das Dekret war auf Stelen aus hartem Stein in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch anzubringen, in den ersten, zweiten und dritten Tempeln neben dem Bild Ptolemaios’ V.
Vom Fund bei Rosette zur Entzifferung
Vermutlich stand die Stele ursprünglich in einem Tempel, möglicherweise in Sais. Später wurde sie verlegt und beim Bau von Fort Jullien, dem heutigen Fort Rashid, nahe Rosette im Nildelta verwendet. Am 15. Juli 1799 wurde sie während Napoleons Ägyptenfeldzug entdeckt. Als Entdecker gilt der französische Genieleutnant Pierre François Xavier Bouchard.
Wie genau der Fund ablief, ist unklar. Einer Version zufolge ragte der Stein aus dem Boden und ein Pferd stolperte darüber. Nach einer anderen wurde er beim Abriss einer Festungsmauer gefunden. General Jacques-François Menou brachte ihn zunächst nach Alexandria. Französische Wissenschaftler untersuchten die Platte und fertigten zahlreiche Kopien und Gipsabgüsse an, die bald in Europa kursierten.
Nach der Kapitulation Alexandrias am 30. August 1801 beschlagnahmten britische Truppen den Stein. 1802 wurde er erstmals im British Museum in London ausgestellt; dort befindet er sich bis heute. Auf den Schmalseiten erinnern verblasste Inschriften an die britische Eroberung und die Schenkung durch König Georg III.
Das Stück ist 112,3 Zentimeter hoch, 75,7 Zentimeter breit, 28,4 Zentimeter tief und wiegt 762 Kilogramm. Sein ursprünglicher Aufstellungsort ist unbekannt, Nachforschungen am Fundort blieben erfolglos. Erhalten sind im
