Leipzig, 6.11.2026 – In mehreren Supermärkten in Westdeutschland sind in dieser Woche Kühlanlagen manipuliert worden. Große Mengen an Lebensmitteln konnten deshalb nicht mehr verkauft werden und landeten im Müll. Für Kundinnen und Kunden in Mitteldeutschland gibt es bislang keinen Grund zur Panik: Märkte in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt waren laut René Glaser vom Handelsverband Mitteldeutschland bisher nicht betroffen. Größere Schäden seien dort nicht bekannt, die Versorgung der Bevölkerung sei uneingeschränkt.

Auslöser für die aktuelle Überprüfung war ein groß angelegter Angriff auf Kühlanlagen französischer Supermarktketten vor drei Wochen beziehungsweise im Oktober. Danach wurde die Technik vieler deutscher Märkte kontrolliert. Große Ketten äußerten sich zu ihren konkreten Schutzmaßnahmen nicht. Die REWE-Zentrale teilte mit, sie mache aus Sicherheitsgründen keine Angaben zu technischen Schutzmaßnahmen, Systemen oder sicherheitsrelevanten Abläufen.

Wenn die Kühlung plötzlich heizt

Viele Supermärkte lassen ihre Kühl- und Gefrieranlagen von spezialisierten Dienstleistern für Kälte- und Klimatechnik betreiben. Auch diese Unternehmen erklärten nicht, wie die Anlagen manipuliert werden konnten. Laut IT-Experte Christopher Kunz waren die betroffenen Systeme allerdings über das Internet erreichbar.

Die Steuerungen solcher Kühlgeräte können in einem oder mehreren Märkten zentral per Software eingestellt werden. Sie enthalten Webserver und waren offenbar direkt, ohne ausreichenden Firewall-Schutz, mit dem Internet verbunden. Internetnutzer konnten dadurch potenziell auf die Systeme zugreifen und Einstellungen verändern. Die Angreifer nutzten laut Kunz ein eingebautes „Vektorpasswort“, also eine Hintertür. Anschließend stellten sie die Anlagen vom Kühl- oder Abtaubetrieb auf eine sehr hohe Temperatur oder sogar auf Heizbetrieb. Für die Ware ist das ungefähr so hilfreich wie ein Heizlüfter im Tiefkühlregal.

Die Internetverbindung ist eigentlich für die Fernsteuerung gedacht. Betreiber sollen bei Fehlern benachrichtigt werden, damit möglicherweise noch Ware gerettet werden kann. Kunz zufolge sollten solche Anlagen aber nicht direkt mit dem Internet verbunden sein. Für den Fernzugriff empfiehlt er ein VPN, eine Firewall oder einen vergleichbaren Sicherheitsmechanismus. Handelsketten sollten die Steuerungen ihrer Kühltruhen zumindest durch Firewalls absichern.

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Ein Problem mit vielen offenen Türen

Manuel Atug von der Arbeitsgruppe Kritische Infrastrukturen spricht davon, dass unsichere Systeme von Supermärkten unkontrolliert ins Internet gestellt worden seien. Bei der Einrichtung seien teilweise Fachkräfte aus der Kälte- und Klimatechnik beteiligt, deren Schwerpunkt auf sicherer Verkabelung und Kühlleistung liege – nicht auf IT-Sicherheit.

Handelsketten gelten gesetzlich als Kritische Infrastruktur, wenn sie mindestens 500.000 Menschen versorgen. Auch kleinere Handelsunternehmen können als wichtige oder besonders wichtige Einrichtungen eingestuft werden und dann Cybersicherheitsvorgaben erfüllen müssen. Cybersicherheitsexpertin Haya Schulmann weist zugleich darauf hin, dass viele abhängige Lieferketten, Dienstleister und Organisationen bislang nicht ausreichend erfasst sind. Dazu zählen etwa Baufirmen und andere Zulieferer Kritischer Infrastrukturen. Werden diese Unternehmen angegriffen, können Bau oder Reparatur wichtiger Verkehrs- und Versorgungsanlagen ins Stocken geraten.

Eine Studie des Nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit fand Sicherheitsmängel auch bei Bundesministerien: veraltete netzwerkfähige Geräte, bekannte, nicht geschlossene Sicherheitslücken und fehlende Vorgaben für Dienstleister. Nach Schulmann erfassen selbst Lageberichte des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik einen großen Teil der IT im Bund und in Deutschland nicht. Sicherheitsorganisationen müssten zunächst einen vollständigen Überblick über die vorhandenen Systeme gewinnen. Ohne Inventar bleibt im digitalen Keller schnell eine Tür offen, die niemand mehr auf dem Schirm hat.

KI hilft – und macht es nicht automatisch sicher

Mit den wachsenden Fähigkeiten künstlicher Intelligenz können Hacker Sicherheitslücken schneller und mit weniger IT-Kenntnissen finden. Zugleich kann KI dabei helfen, Lücken schneller zu schließen. Eine hundertprozentige Sicherheit werde aber auch damit nicht erreichbar sein, betont Cybersicherheitsexperte Loui Al Sardy.

Die Forschung zielt deshalb darauf, Computersysteme widerstandsfähiger zu machen, damit sie nach einem Angriff weiter funktionieren. Dafür müssen Systeme auch bei unbekannten oder manipulierten Daten zuverlässig arbeiten. Ihre Entscheidungen sollten nachvollziehbar sein, ihre Grenzen bekannt: KI kann Fehlalarme erzeugen oder Angriffe übersehen. Außerdem müssen Sicherheit, Datenschutz und menschliche Kontrolle gewährleistet bleiben.

Wer für die Angriffe auf die Supermärkte verantwortlich ist, ist bislang unbekannt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik verfügt laut Kunz noch über keine belastbaren Informationen. Strafrechtlich verfolgt werden die Attacken trotzdem. In den betroffenen Märkten bleibt derweil vor allem die unangenehme Rechnung: Lebensmittel weg, Kühlanlagen prüfen, Systeme absichern – und hoffentlich beim nächsten Alarm schneller reagieren.