Mensa unter Kostendruck: Warum Studierende in Bielefeld bis zu 40 Prozent mehr zahlen
Wer dieser Tage an der Uni Bielefeld oder an der Hochschule Bielefeld in der Schlange steht, zahlt für viele Gerichte mehr als noch im vergangenen Semester. Das Studierendenwerk Bielefeld hat die Essenspreise zum Wintersemester angehoben. Einzelne Preise stiegen um bis zu 40 Prozent, im Durchschnitt zahlen Studierende seit dem 1. September rund 7 Prozent mehr.
Seit 2024 waren die Preise für Studierende konstant geblieben. Nach Angaben von Studierendenwerk-Leiter Achim Landgraf deckt die jetzige Erhöhung die inflationsbedingten Kostensteigerungen allerdings noch nicht vollständig ab. Lebensmittel, Energie und Personal seien deutlich teurer geworden. In den Stoßzeiten gehen in etwa drei Stunden rund 5.000 Essen über die Ausgaben – da zählt jeder Handgriff.
Neue Preise, neue Abläufe
Nicht nur an den Preisschildern wurde gedreht. Das Studierendenwerk überprüfte Gerichte, Rezepte, Lebensmittelkosten und den Produktionsaufwand. Aufwendige Herstellungsprozesse wurden vereinfacht oder gestrichen. Die Preise sollen stärker widerspiegeln, wie viel Arbeit und Geld tatsächlich in einem Gericht stecken.
Das trifft etwa die handgewickelten Antipasti-Wraps, die deutlich teurer wurden. Kaffeespezialitäten aus Automaten sind dagegen günstiger. Eintopfgerichte bleiben für rund zwei Euro erhältlich und gehören weiterhin täglich zum veganen Angebot. Die Gänsekeule mit Klößen verschwand wegen zu hoher Kosten ganz aus dem Sortiment.
Ein konkretes Beispiel: Hähnchengeschnetzeltes mit Champignonrahmsoße kostet Studierende nun 2,20 Euro statt zuvor 1,60 Euro. Das sind 60 Cent mehr – beim schnellen Blick auf den Kassenbon fällt das sofort auf.
Seit Anfang 2025 wurde außerdem das Gastronomiepersonal um rund 18 Prozent reduziert, sowohl bei der Zahl der Beschäftigten als auch bei den Arbeitsstunden. Nachbesetzungen und Vertragsverlängerungen wurden ausgesetzt.
Weniger Essen auf dem Campus
Obwohl die Studierendenzahlen und die Preise zunächst stabil waren, gingen die studentischen Umsätze von Januar bis Juni 2026 im Vergleich zum Zeitraum Januar bis Juni 2025 zurück. Landgraf nennt dafür mehrere Gründe: Selbstgekochtes Essen sei günstiger, und wegen der Möglichkeiten zur Online-Lehre seien Studierende seltener auf dem Campus. Ähnliche Entwicklungen beobachteten auch andere Studierendenwerke.
Eine Ausnahme bildet das frühere „Westend“, das nach der Neugestaltung als „Sowls“ wieder deutlich mehr Umsatz erzielt. Helle Holzoptik und Plüsch-Sitzecken machen den Raum gemütlicher. Landgraf führt den Anstieg auf die bessere Aufenthaltsqualität und die höhere Beliebtheit bei Studierenden zurück. Man bleibt dort offenbar eher noch sitzen – vielleicht auch mit einem Kaffee, der nun weniger kostet.
Seit 2025 zahlen Universitätsbeschäftigte für Mensaessen deutlich mehr. Landgraf nennt das eine „Korrektur“ der früheren Preisstruktur. Finanzierungsmöglichkeiten für das Essen von Universitätsbediensteten habe es früher gegeben; diese bestünden seit langer Zeit nicht mehr.
Für Studierende erhält das Studierendenwerk Einnahmen an den Kassen sowie einen allgemeinen Landeszuschuss. Die studentischen Einnahmen seien die wichtigste Finanzierungsquelle der Gastronomie. Für Beschäftigte stehen dem Studierendenwerk laut Landgraf dagegen nur die Verkaufserlöse zur Verfügung. Studierende hätten dadurch über Jahre indirekt das günstigere Essen für Beschäftigte subventioniert.
Seit den Preiserhöhungen 2025 ist die Zahl der an Beschäftigte ausgegebenen Essen deutlich zurückgegangen. Das dreistufige Preismodell gilt seit 2025 auch in den Cafeterien. Für Hähnchenbrust in Knusperpanade mit BBQ-Dip, Bulgur und Schokopudding zahlen Mitarbeitende 7,75 Euro, Gäste 5 Prozent mehr und Studierende 3,50 Euro.
Weniger Zuschuss, mehr Druck
Seit Anfang 2026 wird der Landeszuschuss nur noch anhand der Studierendenzahl und des studentischen gastronomischen Umsatzes berechnet. Dadurch bekommt das Studierendenwerk weniger Geld. Für Essen im Schulcatering und für Nicht-Studierende gibt es keine Landeszuschüsse mehr, während zugleich die Studierendenzahlen sinken.
Das gemeinnützige Studierendenwerk erzielt nach Landgrafs Angaben keine Gewinne. Dauerhafte Verluste würden seine Zukunft jedoch gefährden. Die Rechnung ist also ziemlich nüchtern: Steigen die Kosten, aber bleiben Gäste aus und Zuschüsse weg, muss an anderer Stelle gegengesteuert werden.
Der Blick über Bielefeld hinaus zeigt, dass dieser Druck kein Einzelfall ist. Das Deutsche Studierendenwerk (DSW) erklärte am 1. Dezember 2025 in Berlin, 78 Prozent der Einnahmen gemeinnütziger Studierendenwerke stammten von Studierenden. Die Zuschüsse der Bundesländer machten inzwischen weniger als 10 Prozent der Einnahmen aus.
Das DSW fordert deshalb mehr staatliche Unterstützung für den laufenden Betrieb und für Investitionen. DSW-Vorstandsvorsitzender Matthias Anbuhl bezeichnete die Studierendenwerke als Grundlage für Bildung, Teilhabe und Chancengleichheit sowie als soziales Fundament des Hochschulsystems. Dieses Fundament sei gefährdet, wenn die Länder ihre finanzielle Unterstützung nicht erhöhten.
Finanziert werden die sozialen Angebote im Wesentlichen durch Umsatzerlöse aus Mensen und Cafeterien, Mieteinnahmen aus Studierendenwohnheimen sowie Sozial- oder Studierendenwerksbeiträge. Trotz steigender Kosten seien die staatlichen Zuwendungen in den vergangenen Jahren nominal kaum gestiegen. Bei geringer staatlicher Unterstützung müssten Studierendenwerke ihre Einnahmen daher verstärkt über höhere Mensapreise, Wohnheimmieten und Beiträge sichern.
Für viele Studierende ist dabei wenig Luft im Portemonnaie. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts haben 50 Prozent monatlich weniger als 930 Euro zur Verfügung. Das DSW will zusätzliche finanzielle Belastungen vermeiden und den Zugang zur Hochschulbildung unabhängig von der finanziellen Situation der Eltern halten. An der Bielefelder Mensakasse entscheidet sich diese große Frage manchmal an einem kleinen Unterschied: 60 Cent für ein Hähnchengeschnetzeltes.
