MUL–CT und TU Dresden verbinden Forschung, Studium und digitale Gesundheitsversorgung in der Lausitz
Am heutigen 26.10.2026 geht es an der TU Berlin um eine Verbindung, die für die Lausitz und darüber hinaus einiges in Bewegung bringen könnte: Die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem in Cottbus, kurz MUL–CT, und die TU Dresden wollen künftig enger zusammenarbeiten. Ein Kooperationsvertrag soll am kommenden Mittwoch unterzeichnet werden, teilte das Brandenburger Wissenschaftsministerium mit.
Vorgesehen ist eine strukturierte Zusammenarbeit in Forschung, Studium und Lehre, Fakultätsentwicklung und Administration. Auch gemeinsame Forschungsprojekte im Rahmen der „Modellregion Gesundheit Lausitz“ sollen entstehen. Als mögliche weitere Kooperation steht ein Doppelstudium im Raum. Noch ist das Zukunftsmusik, aber die Richtung ist klar.
38 Studierende zum Auftakt
An der neuen Medizin-Universität in Cottbus haben die ersten 38 Studierenden ihr Medizinstudium begonnen. Im Vollausbau sind jährlich rund 200 Studienplätze für Erstsemester geplant. Dazu kommen 80 Professuren und 1.300 zusätzliche Stellen für Forschung und Lehre. Die MUL–CT ist die erste staatliche Universitätsmedizin Brandenburgs und Deutschlands jüngste Universitätsmedizin.
Ihre Modellregion soll nicht bloß ein Anhängsel des Universitätsklinikums werden. In der Lausitz ist ein digital unterstütztes Netzwerk der Gesundheitsdienstleister geplant, verbunden mit dem Universitätsklinikum als digitalem Leitkrankenhaus. Versorgung, Forschung und Lehre sollen darin enger zusammenspielen. Neue Versorgungsmodelle sollen datenbasiert erprobt werden; Telemedizin, virtuelle Sprechstunden und digitale Verwaltungsprozesse sollen medizinisches und pflegerisches Personal unterstützen.
Dafür sollen Versorgungsdaten aus der Region digital zugänglich und an der Universität ausgewertet werden. Die Forschungsschwerpunkte „Gesundheitssystemforschung“ und „Digitalisierung des Gesundheitswesens“ werden eng mit der Modellregion verknüpft. Die Idee dahinter ist ziemlich praktisch: ambulante und stationäre Leistungserbringer tauschen Daten leichter aus, Behandlungspfade lassen sich besser koordinieren, und neue Modelle können unter realen Bedingungen getestet werden.
Früh eingebunden werden sollen externe Lehrpraxen und Lehrkrankenhäuser – niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, ambulante Zentren, Ärztenetzwerke und Krankenhäuser. Das Netzwerk soll als regionale Infrastruktur und als Praxisfeld für Praktika sowie interprofessionelle, digitale und praxisnahe Lehrformate dienen. Studierende bekommen so früh Einblicke in den Berufsalltag, statt die Wirklichkeit erst nach vielen Semestern kennenzulernen.
Gesundheitsversorgung als gemeinsames Experimentierfeld
Nach der Gründung des Innovations- und Netzwerkrats fand ein Workshop zur Abstimmung und Weiterentwicklung des Zielbilds der Modellregion statt. Fünf Handlungsfelder wurden festgelegt: die Weiterentwicklung der Versorgung, die digitale Vernetzung der Modellregion, Forschung zu Gesundheitssystemen und zur Digitalisierung des Gesundheitswesens, die Stärkung von Prävention und Gesunderhaltung sowie interprofessionelle Ausbildung und Zusammenarbeit in der Region.
Der Rat will die Krankheitslast und Krankheitskosten der Bevölkerung stabilisieren und gegebenenfalls senken. Digitale Patientensteuerung soll ermöglichen, dass Patientenkontakte fallabschließend bearbeitet werden können. Außerdem sollen bundesweit führende Zufriedenheitswerte bei Mitarbeitenden in interprofessionellen Teams erreicht werden. Ob das gelingt, soll erstmals nach fünf Jahren evaluiert werden.
Die Lausitz bringt dafür allerdings keine Laborbedingungen mit, sondern demografischen Wandel, Fachkräftemangel, längere Wege zur Versorgung und einen wachsenden Bedarf an Pflege, Prävention und sektorenübergreifender Zusammenarbeit. Die Modellregion soll Forschung, Versorgung und Lehre in einer regional verteilten Versorgungsstruktur verbinden. Vorgesehen sind unter anderem Hospital@Home, Health-Tracker, Virtual Nursing und mobile Health-Trucks. Auch KI in Diagnostik und Therapie soll nutzbar werden.
Zu den priorisierten Versorgungsbedarfen zählen telemedizinische Behandlungspfade für chronische Erkrankungen, ein onkologischer Datenverbund mit digitalen Tumorboards, psychische Gesundheit und digitale Nachsorge, Pflegeüberleitung, bedarfsgerechte Steuerung und sektorenübergreifende Kommunikation. Ebenso geht es um die Vernetzung von Leitstelle, Rettungsdienst, Krankenhaus und Praxen sowie um Public Health, Pandemievorbereitung, Patientensteuerung und Ressourcennutzung.
Geplant ist zudem ein regulatorischer Experimentierraum. Dort könnten interoperable Datenflüsse, alternative Dokumentation sowie neue digitale Pflege- und Koordinationsrollen außerhalb des bisherigen Regelsystems erprobt werden. KI-Anwendungen sollen unter kontrollierten Bedingungen evaluiert werden. Anforderungen aus EHDS, DigiG und GDNG sollen in einer Pilotregion umgesetzt werden; angestrebt wird ein rechtlich abgesicherter Rahmen für Telemedizin, KI-Diagnostik und die Nutzung und Verknüpfung von Versorgungsdaten.
Eine digitale Universität mit langem Fahrplan
Digitalisierung ist an der MUL–CT als grundlegendes Entwicklungsprinzip und eigenes Vorstandsressort verankert. Die Strategie setzt Prioritäten, Ressourcen, messbare Meilensteine und eine Roadmap bis 2030. Sie soll Forschung, Lehre, Patientenversorgung und die Modellregion Gesundheit Lausitz miteinander verbinden. Im Zielbild geht es darum, digitale Technologien näher zu den Menschen zu bringen, Versorgungssektoren zu verbinden und sichere Plattformen für Daten und Versorgung aufzubauen.
Der digitale Leitkrankenhaus- und Plattformaufbau ist in zwei Phasen angelegt: Phase 1 reicht von 2021 bis 2026 und soll das technologische Fundament als digitalisierter Maximalversorger schaffen. In Phase 2 von 2027 bis 2030 soll die Weiterentwicklung zum regionalen Plattformanbieter folgen. Geplant ist ein föderierter, interoperabler Gesundheitsdatenraum Lausitz für Versorgungs-, Forschungs- und Public-Health-Daten.
Dafür sollen unter anderem FHIR, SNOMED CT, ICD, LOINC und OPS sowie offene APIs verwendet werden. Die elektronische Patientenakte soll als „ePA First“ Bestandteil der longitudinalen Datenbasis sein. Ein Gesundheitsportal soll als digitale Eingangstür der Modellregion dienen. Patientinnen und Patienten sollen die Kontrolle über ihre Daten behalten – mit Einwilligungen, Nutzungsprotokollen und Widerrufsmöglichkeiten.
Zu den konkreten Vorhaben gehören die regionale Interoperabilitätsschicht „Lausitz Spine“, ein Gesundheitsdatenraum mit klinischen, ambulanten, pflegerischen, Notfall- und ÖGD-Daten, eine Telemedizinplattform für regionale Leistungen sowie ein Gesundheitsportal mit ePA-Integration und EUDI-Wallet. Die MUL–CT soll als Infrastrukturdienstleister und Datentreuhänder auftreten. Vorgesehen sind außerdem eine digitale Leitstelle, ein interprofessionelles Standardisierungsboard und Data-Governance-Strukturen.
Der Klinikbetrieb liegt bei der Digitalisierung derzeit im Durchschnitt großer deutscher Maximalversorger, soll aber zu einer Vorreiterrolle weiterentwickelt werden. Dafür sollen Krankenhausinformationssysteme zu einer offenen, modularen Plattform werden, papierbasierte Abläufe etwa bei Medikation, Monitoring, Befunden und PDMS verschwinden und Bildgebung, Funktionsdiagnostik und Monitoring über eine IoT-Integrationsschicht verbunden werden. Standardisierte Schnittstellen wie HL7 FHIR und IHE gehören ebenfalls zum Plan.
Clinical-Decision-Support-Systeme und KI sollen eingeführt werden, die Entscheidung bleibt bei den behandelnden Fachpersonen. Hinzu kommen ein Clinical Data Repository, eine herstellerneutrale Robotikinfrastruktur für OP, Pflege, Logistik und Versorgung sowie ein digitales Klinikkoordinationszentrum für Patienten- und Ressourcensteuerung. Schulungs- und Qualifizierungsprogramme für Beschäftigte sind eingeplant. Gemessen werden soll unter anderem mit Digitalradar- und EMRAM-Werten, anhand der Nutzung von Gesundheitsportal und Telemedizinplattform, angeschlossener Geräte, CDSS-Nutzung, des Betriebs des Klinischen Koordinationszentrums und der Zahl robotischer Systeme.
Von „Bits to Bedside“ bis zum Digitalcampus
Die MUL–CT will digitale Innovationen unter realen Versorgungsbedingungen entwickeln, testen und skalieren. Die Translationskette „From Bits to Bedside“ reicht von Forschung und Prototyping über Proof-of-Concept und Real-Data-Feedback bis zur Routineversorgung, Ausgründung und Marktskalierung. Sie soll in beide Richtungen funktionieren: Forschungsergebnisse gelangen in die Versorgung, Versorgungsdaten und -bedarfe fließen zurück in die Forschung.
Dafür sind eine MUL Innovation Academy, der MUL Rapid Innovation Hub als Digital-Inkubator, die MUL Digital Innovation Infrastructure mit Datenplattformen, Testumgebungen, Virtual- und Simulationsräumen sowie MED-ACC, der Startup Lausitz Accelerator und MUL Innovation Services für Finanzierung, Regulatorik, geistiges Eigentum und Forschungsinfrastruktur vorgesehen. Zielgruppen sind regionale Innovierende, Start-ups und etablierte Gesundheitsunternehmen.
Kooperationen sind unter anderem mit der BTU Cott
