Die Bundesregierung plant eine Reform im Arbeitsrecht, die insbesondere die Regelungen für Krankmeldungen betreffen wird. Ab dem ersten Krankheitstag sollen Beschäftigte eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vorlegen, wodurch die bisherige Praxis, die eine ärztliche Bescheinigung erst ab dem vierten Krankheitstag erforderte, entfallen wird. Ziel dieser Maßnahmen ist es, den Krankenstand in Deutschland zu senken, jedoch stößt dies auf Kritik von Experten.

Prof. Dr. Marvin Reuter von der Universität Bamberg äußert Bedenken bezüglich der neuen Regelungen. Seine Forschung befasst sich mit prekären Beschäftigungsverhältnissen, Arbeitsbedingungen und Präsentismus, einem Phänomen, das beschreibt, wenn Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit erscheinen. Reuter befürchtet, dass die Reform zu einer Zunahme von Präsentismus führen könnte, was unter anderem durch das steigende Bedürfnis, dem Arbeitgeber oder Kollegen nicht zur Last zu fallen, begünstigt wird. Dabei zeigen Studien, dass viele Beschäftigte, insbesondere in der Pflegebranche, trotz gesundheitlicher Beschwerden arbeiten. Statistiken belegen, dass 36 % der Führungskräfte in der Pflege in einem Kalenderjahr krank zur Arbeit gehen. Laut dem Fehlzeiten-Report 2021 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) sind 13,2 % der AOK-Versicherten entgegen ärztlichen Rats krank zur Arbeit gegangen.

Präsentismus und seine Folgen

Präsentismus ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern hat auch weitreichende Konsequenzen für die Organisationen selbst. Die Abwesenheit von Mitarbeitern kann nicht isoliert betrachtet werden; krankheitsbedingte Abwesenheiten und Präsentismus müssen gleichermaßen in der Auswertung des Krankheitsgeschehens im Betrieb berücksichtigt werden. Ein niedrigerer Krankenstand kann fälschlicherweise als Indikator für gesündere Beschäftigte interpretiert werden, während er in Wirklichkeit häufig mit steigendem Leistungsdruck einhergeht.

Der Druck, trotz Krankheit zu arbeiten, wird durch verschiedene soziale und organisatorische Faktoren beeinflusst. Laut einer Umfrage der BAuA haben 54 % der Beschäftigten in den letzten 12 Monaten mindestens einmal krank gearbeitet. Fehlende Vertretungsregeln und enge Zeitpläne führen oft dazu, dass Krankheit als Schwäche gilt, und somit das Risiko steigt, dass Beschäftigte im Krankheitsfall zur Arbeit erscheinen. Dies kann die Produktivität sowie die Teamgesundheit negativ beeinflussen.

Die Notwendigkeit von strukturellen Veränderungen

Um Präsentismus zu reduzieren, sind strukturelle Veränderungen unumgänglich. Die WHO empfiehlt organisationale Interventionen, um psychosoziale Risiken, die den Druck auf Beschäftigte erhöhen, anzugehen. Dazu gehören belastbare Vertretungsregeln und eine Unternehmenskultur, die Krankheit nicht moralisch auflädt. Prof. Reuter fordert eine Fokussierung auf die Ursachen längerfristiger Fehlzeiten, wie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Prävention psychischer Belastungen.

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Die gegenwärtige Reform könnte die Belastungen für Hausarztpraxen erhöhen, da viele Beschäftigte den Gang zum Arzt scheuen könnten, insbesondere wenn sie mit dem Gefühl von Schuld und Verlässlichkeit konfrontiert sind. Um die Gesundheit der Beschäftigten zu fördern, sind Maßnahmen notwendig, die weit über rein administrative Veränderungen hinausgehen und die Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die geplante Reform im Arbeitsrecht komplexe Folgen für den Krankenstand und die Gesundheit der Beschäftigten mit sich bringen könnte. Es bedarf einer differenzierten Betrachtung und umfassender Maßnahmen, um nicht nur die Abwesenheiten, sondern auch die Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern. uni-bamberg.de berichtet von den Reformplänen und den Bedenken der Experten, während aok.de auf die praktischen Auswirkungen von Präsentismus hinweist. wissenschaftswelle.de fasst die sozialen und organisatorischen Einflüsse auf Präsentismus zusammen.