In Nordrhein-Westfalen richten sich neun junge Kandidierende verschiedener Parteien auf die Landtagswahl am 25. April 2027 ein. Ihre Gründe sind unterschiedlich, der gemeinsame Ausgangspunkt aber klar: Sie wollen politische Verantwortung übernehmen und nicht bloß vom Rand aus kommentieren. Für dieses Porträt wurden sie nach ihren Motiven und politischen Schwerpunkten gefragt.

Heute, am 10.10.2026, fällt dabei auch der Blick auf eine wichtige Neuerung: Bei der kommenden Landtagswahl dürfen erstmals 16- und 17-Jährige abstimmen. Die Kandidierenden selbst sind allerdings alle volljährig – das bleibt Voraussetzung für eine Kandidatur zum Landtag.

Neun Wege in die Politik

Simon Meiranke ist 29 Jahre alt, kommt aus Vettweiß und tritt für die WerteUnion an. Nach eigenen Angaben schloss er sich der Partei 2025 nach der Bundestagswahl an. Ausschlaggebend seien die politische Entwicklung und die Entscheidung für neue Schulden gewesen. Zuvor habe er sich aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung politisch zurückgehalten.

Meiranke fordert weniger staatliche Eingriffe, mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Der Staat solle sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Wirtschaftlicher Wohlstand entstehe seiner Ansicht nach durch Arbeit, Unternehmensgründungen und Investitionen – nicht durch immer mehr Umverteilung. Für NRW wünscht er sich mehr wirtschaftliche Vernunft, weniger Bevormundung und bessere Möglichkeiten, politische Vorstellungen bei Wahlen auszudrücken.

Ebenfalls für die WerteUnion kandidiert Julian Grienberger. Der 30-Jährige aus Bielefeld interessiert sich seit seiner Jugend für Politik. Wegen seiner Unzufriedenheit mit der Euro-Rettungs- und Migrationspolitik engagierte er sich zunächst bei der AfD, wechselte später zur CDU und sah dort nur geringe eigene Einflussmöglichkeiten sowie eine zunehmende Entfernung von konservativen Positionen. Nach eigenen Angaben stellte er in der AfD außerdem fest, dass dort neben Konservativen auch Rechtsextremisten vertreten seien.

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Die WerteUnion versteht Grienberger als Alternative zwischen einer aus seiner Sicht nicht mehr ausreichend konservativen CDU und einer zu radikalen AfD. Sein Wunsch: ein Staat, der sich auf Sicherheit, Bildung und Infrastruktur konzentriert, während Freiheit und Eigenverantwortung stärker berücksichtigt werden.

Pia Löw, 27, wuchs in Moers-Schwafheim auf und arbeitet bei der Stadt Düsseldorf in Ausbildung und Personalentwicklung. 2020 trat sie den Jungen Liberalen und der FDP bei. Anfang Oktober 2026 wurde sie als Kandidatin für Moers und Neukirchen-Vluyn nominiert; sie tritt im Wahlkreis 60 – Wesel IV an.

Ihr wichtigstes Anliegen ist Bildung. Gleiche Chancen dürften nicht davon abhängen, aus welchem Elternhaus jemand komme. Löw fordert sanierte Schulen, gute Lernbedingungen und praxisnahe Lehrpläne – etwa mit Unterricht zu Arbeitsverträgen und Steuererklärungen. Dazu kommen bessere öffentliche Verkehrsverbindungen, intakte Straßen und Radwege, schnelles Internet sowie weniger Bürokratie für Unternehmen. Den direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern möchte sie stärken und politische Entscheidungen für junge Menschen verständlicher machen.

Alexander J. Bell ist 30 Jahre alt, lebt in Düsseldorf und kandidiert für die ÖDP. Als gesellschaftliches Problem beschreibt er den zunehmenden Wettbewerb um Wohnungen, Arbeitsplätze, Aufmerksamkeit und teilweise sogar innerhalb von Familien. An die Stelle dieses Gegeneinanders möchte er Zusammenarbeit und gemeinsame Lösungen setzen.

Bell lebte sieben Jahre in den USA und drei Jahre in Vietnam, wo er eine Bäckerei gründete und in verschiedenen Betrieben arbeitete. Er will offene Räume fördern, in denen Menschen unabhängig von Geld, Bekanntheit oder Beziehungen zusammenkommen können: in Stadtteilen, Vereinen und an Arbeitsplätzen. Ein Beispiel ist ein kostenloses gemeinsames Essen an einem offenen Tisch in Düsseldorf-Oberbilk. Bell engagiert sich bei der ÖDP und den Jungen Ökologen in Düsseldorf und am Niederrhein. Bei seiner ersten Kandidatur möchte er neue Ideen für mehr Zusammenarbeit entwickeln – und zuhören.

Michael Gerzmann, 28 Jahre alt, tritt für Volt im Wahlkreis 37 – Mettmann I an. Er ist Handwerker und Techniker für Gefahrenmeldeanlagen. Aus Ausbildung und Beruf berichtet er von unterschiedlicher Ausbildungsqualität, Personalmangel, langen Arbeitszeiten und mangelnder Kenntnis von Arbeitnehmerrechten. Beschäftigte und Handwerk würden in der Politik zu wenig vertreten.

Bei Debatten über längere Arbeitszeiten müssten Arbeitsbelastung, Produktivität und betriebliche Bedingungen stärker berücksichtigt werden, sagt Gerzmann. Er fordert bessere Bedingungen für die berufliche Ausbildung: Betriebe sollen leichter ausbilden können, Auszubildende mehr Unterstützung erhalten. Nach eigenen Angaben steht er auf Platz vier der Reserveliste und kandidiert direkt in Mettmann I. Am Volt-Programm zu Arbeit und Ausbildung arbeitete er maßgeblich mit. Menschen mit Frust und Protestwähler bräuchten konkrete Antworten auf steigende Kosten, hohe Arbeitsbelastung und Zukunftsängste.

Der Informatiker René Reiße, 28, kandidiert in Mülheim an der Ruhr im Wahlkreis 64 – Mülheim I für die Freien Wähler. Komplexe politische Probleme will er sachlich analysieren und praktisch umsetzbare Lösungen entwickeln. Für Mülheim möchte er eine sachliche Stimme sein – ohne Populismus und unrealistische Versprechen.

Ein Schwerpunkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Reiße fordert verlässliche Betreuung, gut ausgestattete Schulen sowie Ganztags- und planbare Ferienbetreuung. Bezahlbares Wohnen, bessere Chancen auf Wohneigentum und Altersvorsorge gehören ebenfalls zu seinen Themen. Seine Vorschläge: vorhandene Flächen besser nutzen, Genehmigungen vereinfachen und Wohnraumförderung verlässlich gestalten. Politische Entscheidungen sollten bei den Menschen vor Ort beginnen. Mit den Freien Wählern verbindet Reiße kommunale Verankerung, Sachorientierung und Unabhängigkeit von ideologischen Vorgaben.

Constantin Halim, 33, ist Arzt, forscht an der Uniklinik RWTH Aachen und ist kommunalpolitisch aktiv. Die CDU Aachen nominierte ihn für den Wahlkreis Aachen I. Seine Leitfrage lautet, ob Bürgerinnen und Bürger mitgestalten oder nur zuschauen.

Halim strebt eine Gesellschaft an, in der Stärkere Schwächere schützen, Menschen Eigenverantwortung übernehmen und der Staat Chancen eröffnet, statt alles zu regeln. Fachkräftemangel, Bürokratie, sanierungsbedürftige Schulen, Integrationsaufgaben und leere kommunale Kassen nennt er als zentrale Herausforderungen. Seine Familiengeschichte prägt ihn: Der Großvater musste sein Land verlassen, der Vater kam freiwillig nach Deutschland, Halim selbst wurde in Deutschland geboren. Demokratische Mitgestaltung versteht er deshalb als wertvolles Privileg und persönliche Verpflichtung.

Marcella Venghaus ist 31 Jahre alt, Lehrerin, SPD-Mitglied seit mehr als zehn Jahren und war bei den Jusos sowie kommunalpolitisch aktiv. Im April 2026 wurde sie als Direktkandidatin für Brühl, Erftstadt, Wesseling und Teile von Kerpen nominiert; sie tritt im Wahlkreis Rhein-Erft-Kreis III an.

Venghaus möchte die Perspektive junger Menschen stärker in die Landespolitik bringen. Als Lehrerin erlebt sie unterschiedliche Startbedingungen von Kindern und Jugendlichen und fordert Bildungschancen unabhängig von Herkunft, Wohnviertel und Einkommen der Eltern. Schulen sollten modern ausgestattet sein, individuell fördern und echte Chancen eröffnen. Weitere Themen sind bezahlbarer Wohnraum, die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf künftige Berufe und eine stärkere Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen. Bildung, Wohnen und Mobilität hängen für sie zusammen: Sichere und schnelle Radwege könnten Jugendlichen in der Region mehr Selbstständigkeit geben. Junge Menschen will sie aktiv in politische Entscheidungen einbeziehen.

Paul Vossiek, 24, ist Spitzenkandidat der Liberalen Demokraten und kandidiert im Wahlkreis Aachen I. Bereits 2022 trat er dort an. Sein Blick richtet sich auf die langfristigen Folgen politischer Entscheidungen und die Zukunftschancen junger Menschen.

Eine Politik, die notwendige Veränderungen möglichst wenig spürbar machen wolle, kritisiert Vossiek. Den Tankrabatt nennt er als Beispiel für Maßnahmen, die ein „Weiter wie bisher“ verlängern könnten. Reformen dürften die Zukunftschancen kommender Generationen nicht zugunsten der Besitzstandswahrung älterer Generationen opfern. Politik solle faire Voraussetzungen schaffen, damit Menschen Herausforderungen eigenständig bewältigen können.

Für NRW zählt Vossiek intakte Straßen, pünktliche Züge, moderne Schulen, zukunftsfähige Unternehmen und eine effektive Verwaltung zu den staatlichen Kernaufgaben. Bei öffentlichen Leistungen solle NRW international Maßstäbe setzen.

Wählen ab 16: Mehr Stimmen, neue Erwartungen

Der NRW-Landtag senkte am 17. Dezember 2025 das Wahlalter für Landtagswahlen von 18 auf 16 Jahre. CDU, SPD, Grüne und FDP unterstützten die