NRW baut mit zehn Millionen Euro eine souveräne KI-Infrastruktur für Hochschulen auf
Am 24. September 2026 ist an der RWTH Aachen der Startschuss für das KI:Inferenzcluster.nrw gefallen – zumindest politisch. Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes stellte das Projekt am 23. September 2026 im Wissenschaftsausschuss des Landtags vor. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalens steckt dafür zehn Millionen Euro in eine neue Infrastruktur, die künftig Hochschulen im ganzen Land mit KI-Rechenleistung versorgen soll.
Geplant ist ein Verbund aus zwei miteinander verbundenen Standorten. Der Aufbau beginnt 2027 an der RWTH Aachen, 2028 folgt die Universität zu Köln. Für Hochschulangehörige soll der Zugang zur Rechenleistung unkompliziert werden, die nötig ist, um trainierte KI-Modelle im Alltag einzusetzen. Das klingt zunächst nach Servern und Kabeln – dahinter steckt aber eine ziemlich praktische Frage: Wo können Forschung, Studium, Lehre und Verwaltung KI nutzen, ohne sensible Daten aus der Hand zu geben?
Wenn aus einem trainierten Modell ein Werkzeug wird
KI-Inferenz bedeutet, ein bereits trainiertes KI-Modell auf neue Daten anzuwenden. So entstehen in Echtzeit Vorhersagen oder Entscheidungen. Chatbots und Sprachassistenten funktionieren nach diesem Prinzip, ebenso autonom fahrende Fahrzeuge. Während das Training aus großen Datenmengen lernt, macht die Inferenz ein fertiges Modell praktisch nutzbar.
Das Cluster soll einen sicheren, verlässlichen und datenschutzkonformen Einsatz ermöglichen – auch bei sensiblen Forschungsdaten. Es ist Teil einer größeren Investitionsoffensive für KI- und Digitalinfrastruktur an nordrhein-westfälischen Hochschulen und soll beim Aufbau eines souveränen, datenschutzkonformen KI-Ökosystems helfen. Für Forschende und Studierende könnte das heißen: weniger Umwege über externe Plattformen, mehr Kontrolle über die eigenen Daten. Ganz ohne Reibung wird es trotzdem nicht gehen.
Finanziert wird das Vorhaben aus dem Nordrhein-Westfalen-Plan für gute Infrastruktur. Der Plan stellt insgesamt 2,3 Milliarden Euro für Hochschulen, Hochschulmedizin und Forschung bereit. Gefördert werden Investitionen in Künstliche Intelligenz und Digitalisierung, aber auch in die Bekämpfung großer Volkskrankheiten sowie in Energieeffizienz und Nachhaltigkeit.
Ein Baustein der DH.NRW
Das KI:Inferenzcluster.nrw ist die erste Maßnahme der im April 2026 verabschiedeten Cloud- und Sourcing-Strategie der Digitalen Hochschule NRW, kurz DH.NRW. In ihr arbeiten 41 Hochschulen und das Ministerium für Kultur und Wissenschaft zusammen. Die Ziele: gemeinsame Standards entwickeln, Infrastruktur und Dienste arbeitsteilig bereitstellen sowie Ressourcen und Fachwissen bündeln.
Auf dem Cluster sollen unter anderem Angebote des KI:Expertisezentrums.nrw laufen. Dort wurden zum 1. Juli 2026 die Projekte KI:connect.nrw, OpenSource-KI.nrw und KI:edu.nrw gebündelt; außerdem wurde das Expertisezentrum um den Bereich KI-Inferenz erweitert.
Vorgesehen ist die zentrale Bereitstellung von Open-Source- beziehungsweise Open-Weight-Modellen, etwa von Mistral AI. Open-Weight-Modelle lassen sich unabhängig betreiben und anpassen, ohne dass Trainingsdaten und Trainingsverfahren vollständig offengelegt werden müssen. Bei Open-Source-Modellen gehen zusätzlich Trainingscode, Methoden und Daten vollständig auf. Die Modelle sollen lokal kontrollierbar und veränderbar sein und künftig auf der NRW-Infrastruktur laufen können – vor allem dort, wo sensible oder besonders schützenswerte Daten im Spiel sind.
Auch der finanzielle Rahmen des Plans ist groß: Über zwölf Jahre umfasst er rund 31,2 Milliarden Euro für Investitionen. Rund 21,3 Milliarden Euro sind für Kommunen vorgesehen, knapp zehn Milliarden Euro für die Landesinfrastruktur. Garantierte Investitionspauschalen sollen im selben Zeitraum insgesamt rund 60 Milliarden Euro an Infrastrukturinvestitionen ermöglichen. Dazu übernimmt das Land teilweise kommunale Altschulden. Investitionsrückstände sollen abgebaut, Infrastruktur modernisiert und neue Projekte schneller umgesetzt werden.
Die alte Frage nach der digitalen Souveränität
Dass es bei der neuen Plattform nicht nur um Rechenkapazität geht, zeigt der Blick auf die Debatte um digitale Souveränität. Die HFD-Arbeitsgruppe „Digitale Souveränität“ beschäftigte sich von 2022 bis 2024 mit ihrer Bedeutung und mit der Lage deutscher Hochschulen. Schon 2019 hatte das Hochschulforum auf der HFDcon in Bonn Bund, Länder und Europa aufgefordert, öffentliche und souveräne digitale Infrastrukturen für Hochschulen aufzubauen.
Mit dem schnellen Aufstieg generativer KI sind weitere Baustellen dazugekommen: Wer hat die Hoheit über Hochschuldaten? Wie unabhängig sind Hochschulen von proprietären Anbietern? Wo werden Prompt-Daten gespeichert, wer empfängt sie – und wer ist für KI-Eingaben und -Ausgaben zuständig? Daneben steht die viel praktischere Frage, welche Einsatzformen generativer KI an Hochschulen sinnvoll sind und was sie mit bestehenden Prozessen und Strukturen anstellen.
Die erste Expertenanhörung fand am 5. Dezember 2024 statt und untersuchte Wünsche und Bedarfe der Hochschulen. Bei der zweiten Anhörung am 25. März 2025 ging es um konkrete Umsetzungsperspektiven, erforderliche Ressourcen und Zuständigkeiten. Die Ergebnisse flossen in das HFD-Arbeitspapier zu souveränen KI-Infrastrukturen an Hochschulen ein.
Das Arbeitspapier Nr. 89 trägt den Titel „Souveräne KI-Infrastrukturen an Hochschulen – Reflexionen und Handlungsperspektiven“ und wurde am 3. Dezember 2025 veröffentlicht. Beteiligt waren Dr. Simone Rehm, Prof. Dr. Kristian Kersting, Reinhard Karger, Prof. Dr. Benjamin Paaßen, Tim Trappen, Prof. Dr. Ramin Yahyapour, Prof. Dr. Malte Persike, Cornelis Kater, Dr. Christian Stracke, Dr. Gerd Kortemeyer, Jonas Leschke und Dr. Alexander Braun.
In Aachen beginnt der Aufbau nun mit einem konkreten Ort und einem konkreten Jahr: 2027 an der RWTH, danach 2028 in Köln. Die Cloud- und Sourcing-Strategie der DH.NRW liegt als Dokument vom April 2026 vor; der bereitgestellte Inhalt enthält darüber hinaus keine lesbaren Nachrichteninformationen, sondern komprimierte PDF-Rohdaten. Der erste Standort steht also fest. Der Rest wird sich, wie so oft bei großen Infrastrukturprojekten, zwischen Ausschreibungen, Rechnerhallen und sehr viel Stromverbrauch entfalten.
