NS-Hirnpräparate in der Forschung: Wie die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von NS-Morden profitierte
Berlin, TU Berlin, 21. Oktober 2026. Neun Jahre lang hat ein unabhängiges, von der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) gefördertes Forschungsprojekt untersucht, woher Hirnpräparate aus der NS-Zeit stammen, wie sie wissenschaftlich genutzt wurden und wer die Menschen hinter den Präparaten waren. Anlass waren Funde von Hirnschnitten im Archiv der MPG in Berlin und im Historischen Archiv des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie.
Die Ergebnisse liegen nun vor – und sie führen tief in die Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, ihrer Institute und ihrer Nachfolgeorganisation. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch und die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie in München sammelten während der NS-Zeit Tausende Gehirnpräparate. Nach 1945 blieben die Sammlungen in den Nachfolgeinstituten der MPG. Eine kritische Prüfung ihrer Herkunft fand zunächst nicht statt.
Gehirne aus Mordprogrammen
Die Präparate stammten unter anderem von Opfern der NS-„Euthanasie“, von jüdischen und nichtjüdischen Opfern der deutschen Besatzung in Polen, von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Menschen, die von der NS-Justiz hingerichtet worden waren. Mindestens 1.356 Gehirne von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wurden, gelangten in die beiden Sammlungen.
Für das Berliner Institut konnten 926 „Euthanasie“-Opfer identifiziert werden. Nach München wurden Präparate von 1.388 Personen mit Verdacht auf NS-„Euthanasie“ geschickt; bei 430 bestätigte sich dieser Verdacht. Weil Quellen lückenhaft oder widersprüchlich sind, könnten die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen. Von den 1.356 identifizierten Opfern waren 647 Kinder unter zehn Jahren.
Die Institute waren eng mit Heil- und Pflegeanstalten sowie mit „Kinderfachabteilungen“ verbunden. Das Berliner Institut erhielt unter anderem Gehirne von Kindern und Jugendlichen aus der Landesheilanstalt Brandenburg-Görden, die dort zuvor ermordet worden waren. Auch Präparate aus den Gasmordanstalten der „Aktion T4“ wurden in die Sammlungen gebracht.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass Wissenschaftler der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ihre Expertise in den Dienst der NS-Erbgesundheits- und Rassenpolitik stellten und von der Vernichtungspolitik profitierten. Es gibt zudem Hinweise, dass sie mit ihrer Expertise Verbrechen legitimierten und an Selektionskriterien mitwirkten. Präparate von „Euthanasie“-Opfern wurden auch nach 1945 weiter ausgewertet.
Mindestens 84 wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den Jahren 1940 bis 1996 beruhten nachweislich auf Gewebeproben oder Daten von „Euthanasie“-Opfern. Bei mindestens 256 weiteren Veröffentlichungen gilt eine solche Nutzung als wahrscheinlich. Deutsche und internationale Forschende konnten die Sammlungen in den Nachkriegsjahrzehnten verwenden.
Julius Hallervorden und die Logik der Verwertung
Im Mittelpunkt steht der Neuropathologe Julius Hallervorden. Nach den Forschungsergebnissen war er nicht bloß Mitwisser und Nutznießer. Mindestens einmal war er persönlich in der Tötungsanstalt Brandenburg anwesend, um Gehirne unmittelbar nach der Ermordung zu entnehmen.
Hallervorden hatte von 1902 bis 1907 Medizin an der Universität Königsberg studiert und wurde 1909 promoviert. Danach arbeitete er in einem Krankenhaus, 1918 legte er das Kreisarztexamen ab. 1922 beschrieben er und der Neuropathologe Hugo Spatz erstmals eine später nach ihnen benannte Erkrankung. Die Bezeichnung „Hallervorden-Spatz-Syndrom“ wird wegen ihrer NS-Vergangenheit zunehmend vermieden; heute spricht man von „Pantothenatkinase-assoziierter Neurodegeneration (PKAN)“ oder allgemeiner von „Neurodegeneration mit Eisenablagerung im Gehirn“.
1929 wurde Hallervorden zum Prosektor der Brandenburgischen Landesanstalten ernannt, 1936–1937 arbeitete er an der Landesanstalt Potsdam. 1938 folgte die Ernennung zum Titularprofessor. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme trat er 1933 als förderndes Mitglied in die SS ein, nahm im März 1934 als Referent an einem erbbiologischen Kurs an der Berliner Charité teil und beantragte am 15. Dezember 1937 die Aufnahme in die NSDAP. Die rückwirkende Aufnahme galt zum 1. Mai 1937, seine Mitgliedsnummer war 5.703.452.
Am 30. Januar 1938 ernannte Adolf Hitler Hallervorden zum Professor, obwohl dieser nicht habilitiert war. 1939 wurde Hallervorden Leiter der Außenabteilung der Militärärztlichen Akademie. Im selben Jahr erteilte Hitler Ärzten die Erlaubnis, den sogenannten „Gnadentod“ anzuwenden.
Im Deutschen Reich wurden schätzungsweise etwa 185.000 Psychiatriepatienten ermordet, hinzu kamen Opfer in polnischen, sowjetischen und französischen Anstalten. In der sogenannten Aktion T4 wurden von Januar 1940 bis August 1941 etwa 70.000 Psychiatriepatienten getötet. Weil Mediziner die Einäscherung der Leichen als Verlust für die Forschung bezeichneten, wurden die Gehirne getöteter Patienten an verschiedene Labors weitergegeben.
Am 29. April 1940 wurden Hallervorden und andere Professoren offiziell über die Aktion T4 informiert. Laut späterer Einschätzung des Deutschen Ärzteblatts könnte er durch Hans Heinze schon früher von den Krankenmorden erfahren haben. Am 15. Mai 1940 erhielt Hallervorden die ersten Gehirne von Kindern, die in der Tötungsanstalt Brandenburg vergast worden waren; weitere Lieferungen folgten bis in den Herbst.
Am 28. Oktober 1940 wurden die letzten 56 Kinder und Jugendlichen der Tötungsanstalt Brandenburg vergast. Heinze und Hallervorden waren dabei anwesend. Anschließend ließ Hallervorden die Gehirne sezieren. Etwa 40 Gehirne aus diesem Transport befinden sich in der Sammlung Hallervorden.
Nach Herbst 1940 erhielten Hallervorden und Spatz Gehirne weiterer „Euthanasie“-Opfer aus mehreren Einrichtungen, darunter der Prosektur Brandenburg-Görden, den Tötungsanstalten Bernburg und Sonnenstein sowie der Anstalt Leipzig-Dösen. Später waren darunter auch Gehirne erwachsener Opfer der Aktion T4.
Im November 1940 beantragte Spatz bei Max de Crinis informell 10.000 Reichsmark für Hallervordens Untersuchungen zu den organischen Grundlagen des angeborenen Schwachsinns. Der Antrag wurde an die Deutsche Forschungsgemeinschaft weitergeleitet. Die DFG unterstützte daraufhin die Prosektur in der Tötungsanstalt Brandenburg finanziell.
Etwa im Mai 1941 bildete Hallervorden Ärzte mit Not-Approbation in einem vierwöchigen Kurs aus. Einer seiner Schüler war Heinrich Bunke. Hallervorden lehrte ihn, medizinisch interessante Gehirne auszuwählen und zu präparieren. Am 8. Dezember 1942 berichtete Hallervorden, er habe in einem Sommerkurs 1942 500 Gehirne geistig behinderter Menschen präpariert und für Untersuchungen vorbereitet.
Am 8. Mai 1944 wurde Hallervordens Abteilung wegen der Bombenangriffe auf Berlin geschlossen und nach Dillenburg verlegt. Hallervorden gab an, bis dahin 697 Gehirne erhalten zu haben, darunter eines, das er selbst in Brandenburg entnommen hatte. Sein bis Ende Januar 1945 beschäftigter Assistent Werner-Joachim Eicke leistete ab Februar 1945 Kriegsdienst. Noch im Juli 1945 belegt ein Aktenvermerk der Landesanstalt Görden, dass Hallervorden Material von Friederike Pusch aus der Prosektur Brandenburg-Görden erhielt – obwohl die Einrichtung und das Gebiet bereits von der Roten Armee besetzt waren.
Bis 1956 blieb Hallervorden wissenschaftliches Mitglied, stellvertretender Direktor und Leiter der Histopathologischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Berlin. Das Institut war in den letzten beiden Kriegsjahren nach Dillenburg und nach Kriegsende nach Gießen verlegt worden. 1940 wurde Hallervorden zum Provinzialobermedizinalrat ernannt und erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen. 1960 wurde er Mitglied der Leopoldina.
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