Ohrwürmer als Geheimwaffe: So wird Vokabellernen zum Hit!
Dr. Antonio Vivone von der Universität Paderborn hat in seiner Doktorarbeit eine bahnbrechende Untersuchung über den Nutzen von Popsongs beim Vokabellernen abgeschlossen. Dabei stellte er fest, dass das Ohrwurm-Phänomen eine entscheidende Rolle spielt. Diese Forschung wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Theater, Medien Hannover (HMTMH) und der University of Toronto durchgeführt. Die Ergebnisse liefern neue Erkenntnisse über den Einfluss von Musik auf das Lernen.
Vivone erhielt für seine Dissertation den begehrten Studierendenpreis für Soziale Innovationen (StiPS) vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). In seiner Arbeit zeigte er, dass das Einbringen von Vokabeln in Tonleitern, die er seit seinem vierten Lebensjahr im Klavierunterricht lernte, zu unbewusstem Lernen führt.
Studie zur Effektivität von Popsongs
In zwei umfangreichen Studien mit über 250 Sechstklässler*innen stellte Vivone fest, dass das Singen von Popsongs das Behalten englischer Vokabeln effektiver unterstützt als herkömmliche Lernmethoden. Viele gesungene Wörter blieben als Ohrwürmer im Gedächtnis und wurden unwillkürlich wiederholt, wodurch die langfristige Festigung der Vokabeln begünstigt wurde. Diese entdeckte Verbindung zwischen Musik und Lernen könnte neue Lehrmethoden inspirieren.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Lernenden, die am Gesang teilnahmen, von einem Anstieg ihres subjektiven Wohlbefindens berichteten. Solche Ergebnisse sind in der Bildungsforschung nicht häufig zu beobachten. Schüler*innen mit einem höheren Wohlbefinden erzielten folglich auch bessere Lernleistungen.
Ohrwürmer als neurophysiologischer Mechanismus
Zwei Drittel der Schüler*innen in der Musikgruppe entwickelten während der Studie Ohrwürmer und wiederholten Liedtexte außerhalb des Klassenzimmers. Die Lernenden mit Ohrwürmern erzielten signifikant größere Vokabelzuwächse als jene ohne. Dies deutet auf einen möglichen neuen neurophysiologischen Mechanismus im Schulkontext hin. Vivone hebt hervor, dass Unterricht nicht nur effizient sein sollte, sondern auch emotionale und kognitive Bedingungen für nachhaltiges Lernen schaffen muss.
In seiner Methodik wählte er Lieder nicht nur nach ihrem lexikalischen Gehalt, sondern auch aufgrund ihrer Fähigkeit, Ohrwürmer zu erzeugen. Seine Dissertation wurde von den Professoren Dr. Dominik Rumlich, Dr. Andreas Lehmann-Wermser und Dr. Roger Mantie betreut und belegte den dritten Platz im Themenbereich „Bildung & Arbeit“ des StiPS.
Ausblick auf zukünftige Forschung
Aktuell plant Vivone, seine Forschung in einem Postdoc-Projekt an der University of Toronto sowie an der HMTMH zu vertiefen. Unterstützt von Prof. Dr. Mark Schmuckler und Prof. Dr. med. André Lee wird er in einer länderübergreifenden Studie kanadische und deutsche Lernende vergleichen. Ein zentrales Thema dieser Untersuchung ist die Neurophysiologie des Lernens in Verbindung mit dem Ohrwurm-Phänomen.
In diesem Zusammenhang ist das Interesse an Phänomenen wie Ohrwürmern nicht nur akademisch, sondern spiegelt sich auch in der breiten Öffentlichkeit wider. So werden in einem Handbuch zur Musikpsychologie verschiedene Aspekte der Musikwahrnehmung thematisiert, darunter die Faszination von Ohrwürmern, die Fähigkeit des absoluten Hörens sowie Synästhesie. Diese bieten wertvolle Einblicke in die neurologischen Grundlagen und die Komplexität der Musikwahrnehmung, wie in der edoc.ku.de erläutert wird.
