PISA-Tiefstand: Warum Bildung mehr ist als Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften
Die deutschen Neuntklässler haben bei der aktuellen PISA-Studie in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen. Die Werte liegen sogar unter denen der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000. An der Universität Augsburg sorgt das für Gesprächsstoff – und für eine Warnung vor allzu schnellen Schlüssen.
Der Augsburger Pädagogikprofessor Klaus Zierer hält es für falsch, aus den Ergebnissen direkt auf die Qualität der Schulen oder den Zustand der Bildung in Deutschland zu schließen. Kompetenzen zu messen, sei wichtig, sagt er, aber Kompetenzmessung sei nicht dasselbe wie Bildung. PISA prüft Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Emotionale, motorische und soziale Intelligenz bleiben außen vor.
Mehr als Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften
Zierer beschreibt Bildung als „Autorschaft des eigenen Lebens“: als Fähigkeit, das eigene Leben verantwortungsvoll zu gestalten. Ob Jugendliche diese Fähigkeit entwickeln, hängt seiner Einschätzung nach von ihrer Herkunft, dem familiären Umfeld, ihren eigenen Entscheidungen und der Qualität ihrer Bildung ab.
Dazu braucht es aus seiner Sicht vor allem Lehrkräfte, die für ihren Beruf brennen und diese Begeisterung weitergeben. Im Lehramtsstudium werde auf die Entwicklung dieser Leidenschaft zu wenig Wert gelegt. Auch Werte kämen zu kurz. Sie seien der „Kitt der Gesellschaft“ und müssten wieder stärker im Bildungssystem verankert werden. Zur Bildung zählt Zierer außerdem Religion.
Mehr Deutsch- und Mathematikunterricht an bayerischen Grundschulen allein reicht für ihn nicht. „Mehr vom Selben bringt nichts. Die Qualität ist entscheidend.“ Das kann auch ganz altmodisch klingen: Rechtschreibung durch Diktate üben, das Einmaleins wiederholt trainieren und an Noten festhalten. Leistungsorientierung gehört für Zierer zur Qualität dazu.
Sein neues Buch trägt den Titel „Wovon sprechen wir, wenn wir ,Bildung‘ sagen? Auch ein Essay“ und umfasst 192 Seiten.
Wenn Herkunft über Chancen entscheidet
Die aktuellen Zahlen zeigen, wie groß die Lücken sind. Etwa ein Drittel der 15-Jährigen verfügt in Lesen und Mathematik nicht über ausreichende Basiskompetenzen, in den Naturwissenschaften ist es etwa ein Viertel. Rund jeder fünfte Jugendliche erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen.
Abgefragt werden unter anderem Textverständnis, das Einordnen von Informationen, Rechnen, das Erkennen von Zusammenhängen und selbstständiges Problemlösen. Gleichzeitig hängt der Schulerfolg in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern vom Elternhaus ab. Laut PISA-Studienleiter Samuel Greiff sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark, unter sozial privilegierten Jugendlichen dagegen 25 von 100.
Auch die PISA-2025-Daten, veröffentlicht am 8. September 2026, weisen auf diese Schieflage hin: Nur zwei Prozent der Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien erreichen ein hohes Kompetenzniveau, bei Jugendlichen aus privilegierten Familien sind es etwa 25 Prozent. Der Abstand zwischen beiden Gruppen hat sich seit 2015 vergrößert. Der IQB-Bildungstrend zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund und den schulischen Kompetenzen auch in Berlin und Brandenburg.
Als mögliche Gründe gelten soziale und psychosoziale Problemlagen, die zunehmen, sowie fehlende frühe Förderung. Sprachliche und numerische Fähigkeiten werden bei Kindern teilweise nicht rechtzeitig erkannt und unterstützt. Dazu kommen Lehrkräftemangel, ausfallender Unterricht, fachfremd unterrichtende Lehrkräfte und größere Klassen. Individuelle Förderung bleibt dann schnell auf der Strecke.
Der Alltag außerhalb der Schule mischt ebenfalls mit: Lange Bildschirmzeiten und das Scrollen durch Social-Media-Feeds können Konzentration und gründliches Lesen erschweren. Studien deuten besonders bei hoher Smartphone-Nutzung auf eine geringere Aufmerksamkeitsspanne hin. Viele Jugendliche nutzen außerdem künstliche Intelligenz für Aufgaben oder Referate. PISA-Daten bringen eine häufige Nutzung von KI-Chatbots im Durchschnitt mit schlechteren Leistungen in Verbindung, wenn Verständnis und eigenes Üben zu kurz kommen.
Viele Baustellen, wenig gemeinsame Linie
Das deutsche Schulsystem ist kleinteilig. Zwischen Schulen bestehen große Leistungsunterschiede, die Bundesländer haben unterschiedliche Schulformen und Übertrittsregeln, verpflichtende Ganztagsschulen sind nicht allgemein üblich. Die Corona-Lockdowns hinterließen ebenfalls Spuren: Der IQB-Bildungstrend 2024 zeigt Lernrückstände aus der Grundschulzeit. Die betroffene Generation verfügt teilweise über geringere Basiskompetenzen und weniger Motivation.
Geld fehlt an vielen Schulen für Projekte, Klassenfahrten, Ausstattung und Lernmaterialien. In Bayern gibt es laut dem Bericht vorerst keine neuen Lehrkräftestellen. Die PISA-Studie liefert allerdings deutschlandweite Daten und keine detaillierten Zahlen für Bayern.
Bayerns Kultusministerin Anna Stolz verweist auf bereits eingeleitete Maßnahmen. Deutsch und Mathematik wurden in der Grundschule um sechs Wochenstunden ausgeweitet. Rund eineinhalb Jahre vor der Einschulung wird der Sprachstand verbindlich erhoben; bei Förderbedarf soll verpflichtende Sprachförderung erfolgen. Bei der Lehrkräfteausbildung bestehe allerdings noch Verbesserungspotenzial.
Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband, kurz BLLV, sieht weiterhin großen Handlungsbedarf und verweist auf die Belastung der Lehrkräfte. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fordert, Deutschland solle sich stärker an internationalen PISA-Spitzenreitern orientieren.
Der Bayerische Elternverband plädiert für einen grundlegenden Kurswechsel: aktives Lernen statt passivem Konsum, Lernen mit mehreren Sinnen, wiederholtes und nachhaltiges Lernen statt einmaligem Auswendiglernen sowie das gemeinsame Entwickeln von Lösungen. Prüfungen sollten weniger stark im Mittelpunkt stehen. Dass aus den wiederholt schlechten PISA-Ergebnissen bislang kein grundlegender politischer Kurswechsel abgeleitet werde, kritisiert der Verband deutlich.
Wo Unterstützung konkret ankommt
Das SchutzengelWerk berichtet, dass Kinder oft Unterstützung brauchen, weil ihren Familien die finanziellen oder zeitlichen Möglichkeiten für Nachhilfe und Lernbegleitung fehlen. In Berlin-Hohenschönhausen und Eberswalde bieten die vom SchutzengelWerk gegründeten LernEngel kostenlose, individuelle Lernförderung an.
Auf dem Plan stehen Deutsch, Mathematik, Leseförderung und das Schließen von Lernlücken. Meist findet die Förderung einzeln oder in sehr kleinen Gruppen statt. Nach Angaben des SchutzengelWerks verbessern viele Kinder ihre schulischen Leistungen innerhalb von sechs bis zwölf Monaten deutlich – häufig um eine, teilweise sogar um zwei Notenstufen.
Es geht dabei nicht nur um Zahlen im Zeugnis. Die Lernförderung soll auch die Unterrichtsbeteiligung, die Bereitschaft zum Fragenstellen und das Vertrauen der Kinder in die eigenen Fähigkeiten stärken. Das SchutzengelWerk bietet Kindern in Berlin und Brandenburg unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern kostenlose Lernförderung an.
