An der Uni Bielefeld fällt der Blick in diesen Tagen auf ein Thema, das viele lieber wegschieben: psychische Gesundheit in der LGBTIQ+-Community. Anlass sind der Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober und der internationale Coming-out-Tag am 11. Oktober. Die psychosozialen Dienste der Stadt Wien (PSD) und die Homosexuelle Initiative (HOSI) warnen vor einer besonderen Belastung queerer Menschen.

Ewald Lochner, Wiens Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, führt diese im Gespräch mit APA und ORF vor allem auf einen „gesellschaftlichen Backlash“ zurück. Eine Wiener Studie kommt zudem zu dem Ergebnis, dass Diskriminierungen queerer Menschen im öffentlichen Raum zugenommen haben. Das ist keine ferne Statistik, sondern kann beim Warten auf den Bus, im Hörsaal oder beim Arzt passieren.

Diskriminierung reicht bis ins Gesundheitssystem

Eine vom Gesundheitsministerium beauftragte Umfrage unter 1.047 LGBTIQ+-Personen wurde 2022 durchgeführt. Sie sollte zunächst einen Überblick über die gesundheitliche Situation von LGBTIQ+-Personen in Österreich geben. 75 Prozent berichteten von Alltagsdiskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung; 89 Prozent erlebten in den zwei Jahren vor der Befragung Diskriminierung.

Genannt wurden dabei Wohnen, Arbeit und Arbeitssuche, Gesundheit, Bildung, Dienstleistungen, Ämter und Behörden sowie Internet und soziale Medien. In zehn vertiefenden Einzelinterviews berichteten Betroffene von schweren Depressionen und Suizidversuchen im Zusammenhang mit Diskriminierung. Als besonders belastend beschrieben sie die Zeit vor einem Coming-out sowie die sozialen, rechtlichen oder medizinischen Veränderungen, die damit verbunden sein können.

60 Prozent der Befragten waren mit ihrem allgemeinen Gesundheitszustand zufrieden. Gleichzeitig gaben 50 Prozent an, in den vergangenen zwölf Monaten eine Depression erlebt zu haben; bei 29 Prozent lag dafür eine ärztliche Diagnose vor. Laut dem Bericht werden LGBTIQ+-Personen international bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen häufig stigmatisiert und diskriminiert. Das kann Zugang, Qualität und Verfügbarkeit medizinischer Leistungen beeinträchtigen und das Risiko körperlicher wie psychischer Erkrankungen erhöhen.

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In Österreich führten vor allem abwertende oder verletzende Kommentare und Fragen durch medizinisches Personal zu Gefühlen von Demütigung und Beleidigung. Geschlechtsangleichende Behandlungen für trans Personen würden wegen der Überlastung des Gesundheitssystems häufig unterbrochen oder verschoben. Gerade dort, wo Vertrauen nötig wäre, wird es also mitunter dünn.

Was sich ändern soll

Der Bericht empfiehlt mehr Bewusstsein für die gesundheitliche Versorgung von LGBTIQ+-Personen innerhalb und außerhalb des Gesundheitssystems, einen diskriminierungsfreien und gesicherten Zugang zur Gesundheitsversorgung sowie die Aufnahme sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in die Ausbildung von Medizin-, Pflege- und Betreuungspersonal. Das Ministerium kündigte kurz- und mittelfristig Sensibilisierungsprogramme für Gesundheitsberufe an.

15 europäische Staaten haben laut Bericht nationale Aktionspläne für LGBTIQ+-Personen beschlossen. Diese umfassen unter anderem eine bessere Suizidprävention und die Kostenübernahme für bestimmte Gesundheitsleistungen. Österreich verfügt bislang über keinen bundesweiten Aktionsplan, setzt aber bereits gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Maßnahmen um. Als Beispiel wird das Rainbow Cities Network genannt. Außerdem kooperiert Österreich mit internationalen Organisationen wie Transgender Europe (TGEU), der 48 Mitgliedsländer angehören.

Gesundheit bedeutet dabei mehr als Arzttermine und Diagnosen. Weltweit leiden Millionen Menschen an AIDS beziehungsweise HIV, unzureichender Gesundheitsversorgung, Ausgrenzung und Verelendung. Vorurteile, religiöse Dogmen und nationalistische Ideologien erschweren in vielen Regionen eine wirksame Prävention. Die Bundesrepublik soll sich deshalb umfassend für die Bekämpfung von AIDS und die Menschenrechte Betroffener einsetzen.

Prävention braucht Vertrauen

In Deutschland können die meisten Menschen mit HIV dank medizinischer Fortschritte und guter Versorgung ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie sollen zudem angstfrei und ohne Diskriminierung leben können. Ein selbstbewusster und offener Umgang ohne Angst vor Ausgrenzung gilt als Voraussetzung für erfolgreiche Prävention und Therapie. Die HIV-Prävention bei schwulen Männern wird als besonders erfolgreich beschrieben.

Präventionsbotschaften und Vermittlungsmethoden müssen regelmäßig an die veränderte Wahrnehmung von HIV und AIDS angepasst werden. Unterschiedliche Beziehungs- und Lebensformen sowie verschiedene sexuelle Begegnungen sollen berücksichtigt werden; gefragt sind realistische Wege zu verantwortlichem Verhalten, nicht bloß erhobene Zeigefinger. Als Safer Sex gelten neben Kondomen auch die HIV-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) und der Schutz durch eine wirksame HIV-Therapie.

PrEP kann bei dauerhafter oder anlassbezogener Anwendung HIV-Infektionen in Risikosituationen verhindern. Gefordert werden ein kostengünstiger Zugang zur PrEP und eine Kostenübernahme durch die Solidargemeinschaft. Der LSVD verlangt außerdem mehr und besser finanzierte Präventionsarbeit zu HIV, anderen sexuell übertragbaren Krankheiten und Hepatitis. Einsparungen bei der Prävention könnten später deutlich höhere Ausgaben für die Patientenversorgung verursachen – das gelte auch für die PrEP.

Private und gesetzliche Krankenkassen sowie die Pharmaindustrie sollen sich an der Finanzierung der HIV-Prävention beteiligen. Sexualität zu tabuisieren, hilft dabei nicht. Stattdessen soll zielgruppengerecht über Übertragungswege und Safer Sex informiert werden. Jugendschutz soll nicht gegen Prävention ausgespielt werden; Jugendliche sollen für Prävention gewonnen werden. Nur wer sich der sexuellen Risiken bewusst ist, kann Verantwortung für sich und seine Partner übernehmen.

HIV-Prävention umfasst deshalb auch die Stärkung des Selbstbewusstseins, die Förderung sozialer Aktivitäten sowie die Durchsetzung rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Eine stärkere Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität und eine bessere Einbindung in soziale Netzwerke werden mit einem reflektierteren Umgang mit Präventionsanforderungen verbunden.

Eine offene Baustelle bleibt das Blutspenden. Schwule Männer beziehungsweise Männer, die Sex mit Männern haben, werden in Deutschland weiterhin als Gruppe vom Zugang ausgeschlossen beziehungsweise eingeschränkt. Die Sicherheit beim Blutspenden soll stattdessen anhand des konkreten Sexualverhaltens und nicht anhand der Gruppenzugehörigkeit beurteilt werden.