Am 16. Oktober 2026 richtet sich der Blick an der Uni Leipzig auf eine Entscheidung, die für viele Menschen sehr konkret werden kann: den Zugang zu Psychotherapie. Der Bundestag hat Änderungen an den Sparplänen der Bundesregierung beschlossen. Kinder, Jugendliche sowie schwer beziehungsweise besonders dringend erkrankte Menschen sollen von den Kürzungen ausgenommen werden. Ihre Psychotherapiestunden sollen weiterhin vollständig vergütet werden.

Fachverbände und Opposition begrüßen diese Nachbesserungen grundsätzlich. Gleichzeitig bleibt die Sorge, dass das ambulante psychotherapeutische Angebot – vor allem für gesetzlich Versicherte – deutlich schlechter werden könnte. Wissenschaftler warnen ebenfalls vor Nachteilen für Patientinnen und Patienten. Der Bedarf wächst, während vor vielen Praxen längst kein unsichtbares „Hier bitte warten“-Schild mehr nötig wäre: Die langen Wartezeiten sind bekannt.

Ausnahmen verhindern nicht jede Sorge

Hintergrund sind Einsparungen im Rahmen der GKV-Reform. Die Bundesregierung hatte im Sommer Einsparungen bei der Psychotherapie beschlossen, woraufhin es starken Protest gab. Union und SPD einigten sich anschließend auf Abmilderungen.

Bislang erhalten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für jede geleistete Stunde ein festes Honorar. Nach dem ursprünglichen Sparpaket sollte ab einer bestimmten Stundenanzahl jede weitere Stunde geringer vergütet werden. Nach den Nachbesserungen gilt diese Kürzung nicht mehr in allen Fällen. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hatte gewarnt, dass ohne die Ausnahmen viele Praxen in finanzielle Schwierigkeiten geraten wären.

Der Gesundheitsökonom Alexander Konnopka von der Universität Leipzig befürchtet trotzdem, dass der Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung gestoppt werden könnte. Bestimmte Patientengruppen könnten noch schwerer einen Therapieplatz finden. Außerdem könnten sich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verstärkt geschützten Gruppen zuwenden, wodurch andere Hilfesuchende benachteiligt würden.

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Silvia Schneider, Psychologin an der Ruhr-Universität Bochum, fordert deshalb einen leichteren Zugang zu Psychotherapie und mehr Investitionen in die Vorbeugung psychischer Erkrankungen. Behandlungen sollten sich nach Dringlichkeit und Schwere der Beschwerden richten: von niedrigschwelligen Kurzzeitangeboten bis zu intensiven Langzeittherapien. Der Behandlungserfolg müsse kontinuierlich überprüft werden. Andere Länder, sagt Schneider, hätten ihre psychotherapeutische Versorgung bereits auf diese Weise umgebaut.

Mehr Nachfrage, weniger Gewissheit

Seit April 2026 gelten in der ambulanten Psychotherapie für gesetzlich Versicherte niedrigere Stundensätze. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten warnen vor einer weiteren Verschärfung des Mangels an Therapieplätzen. Kritiker befürchten, dass Praxen Kapazitäten zu privat Versicherten oder Selbstzahlern verlagern könnten, weil deren Vergütung laut dem Gesamtverband Der Paritätische deutlich höher ist.

Dabei ist die Zahl der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die gesetzlich Versicherte behandeln und mit den Krankenkassen abrechnen dürfen, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Parallel dazu hat aber auch der Bedarf zugenommen. Bei Kindern und Jugendlichen steigt die Zahl psychischer Erkrankungen, unter anderem im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und Cannabiskonsum. Erwachsene nehmen ebenfalls häufiger Psychotherapie in Anspruch.

Besonders stark wächst die Zahl der behandelten Menschen in der Gruppentherapie; in der Einzeltherapie gibt es einen moderaten Anstieg. Prognosen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung erwarten in den kommenden Jahren einen weiter wachsenden Bedarf.

Auch Krankenkassendaten zeichnen kein ruhiges Bild. Laut DAK führen die Folgen der Corona-Pandemie und anhaltende Krisen bei immer mehr Kindern und Jugendlichen zu längerfristigen psychischen Problemen. Nach AOK-Daten nahm die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen zu. DAK-Gesundheit und Techniker Krankenkasse berichten ebenfalls von steigenden Fehlzeiten aufgrund psychischer Belastungen – Zahlen, die sich nicht einfach wegwischen lassen.

20 Wochen bis zum Therapiebeginn

Wie lange Menschen aktuell auf einen Therapieplatz warten, lässt sich nur schwer exakt bestimmen. Auswertungen der Bundespsychotherapeutenkammer auf Grundlage von Versichertendaten aus dem Jahr 2019 ergaben durchschnittlich 142 Tage beziehungsweise rund 20 Wochen zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn. Das ist eine lange Zeit, gerade wenn der Alltag schon beim Aufstehen schwer im Bauch liegt.

Versorgungsforscher Alkomiet Hasan von der Universität Augsburg sieht ein zentrales Problem darin, Hilfesuchende und vorhandene Therapieplätze zusammenzubringen. Seiner Einschätzung nach wären strukturell genügend Ressourcen vorhanden, sie erreichten die Betroffenen aber nicht.

Die in Deutschland geltende freie Arztwahl kann zudem zu Mehrfachdiagnosen und Mehrfachbehandlungen führen, weil Versicherte verschiedene Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten aufsuchen. Kinder und Jugendliche sind von Versorgungsengpässen stärker betroffen als Erwachsene.

Auch die Erkrankung selbst entscheidet mit. Bei Schizophrenie oder Suchterkrankungen warten Betroffene deutlich länger als bei Depressionen. Teilweise ist für bestimmte Erkrankungen überhaupt kein Therapieplatz verfügbar.

Stadt, Land und die Suche nach dem freien Platz

Wo jemand lebt, spielt ebenfalls eine Rolle. Städte haben eine höhere Dichte an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als ländliche Regionen. Dazu kommen ein Ost-West- sowie ein Nord-Süd-Gefälle. Für Studierende auf dem Land kann die Suche dadurch schnell zur organisatorischen Daueraufgabe werden: Telefon, Absage, nächster Versuch.

Zur Verbesserung der Versorgung forderten die Grünen im März eine eigene Bedarfsplanung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die ausschließlich oder überwiegend Kinder und Jugendliche behandeln. Hasan schlägt eine koordinierte Vergabe von Therapieplätzen vor, damit freie Kapazitäten gezielter vermittelt werden. Außerdem befürwortet er einen Ausbau der Gruppentherapie, weil damit mehr Menschen erreicht werden können.

Der Bedarf an Unterstützung steigt unter anderem wegen Depressionen, Angststörungen und anderer psychischer Belastungen. Gleichzeitig bleibt offen, ob die finanziellen Änderungen Praxen bremsen, die Versorgung ausbauen – oder ihre Zeit dorthin verlagern, wo sich die Behandlung besser abrechnen lässt. Für gesetzlich Versicherte ist das keine Rechenaufgabe, sondern die Frage, ob am anderen Ende jemand abhebt.