Microagi will mit Roboterdaten aus München die Fabrikarbeit automatisieren
Mitten aus München, genauer: aus einem Hackerhaus, kommt eine Robotik-Geschichte mit ziemlich großer Fallhöhe. Microagi meldet rund ein halbes Jahr nach dem Start seiner Plattform Shift einen wiederkehrenden Jahresumsatz von 100 Millionen US-Dollar (ARR). Gegründet wurde das Startup im Vorjahr. An der Spitze steht Bercan Kilic, ein ehemaliger Aerodynamik-Ingenieur bei Red Bull Racing.
2023 hatte Kilic noch seinen Traumjob in der Formel 1 bekommen. Dann verließ er den Rennsport, um Roboter für die Fabrikarbeit nutzbar zu machen. Sein Ziel klingt nüchtern, ist aber gewaltig: Gemeinsam mit vier Mitgründern will er Microagi innerhalb von fünf Jahren zum weltweit größten Unternehmen machen. Weniger als 20 bis 30 Millionen eingesetzte Roboter wären für Kilic in diesem Zeitraum ein großer Misserfolg.
Vom Rennsport in die Fabrik
Microagi entwickelt Systeme, mit denen Hersteller Roboter für konkrete Aufgaben in Fabriken trainieren können. Beschäftigte werden während ihrer Arbeitsabläufe mit Kameras und sensorbestückten Handschuhen aufgezeichnet. Die Aufnahmen sammelt Shift, eine Crowdsourcing- und Datensammelplattform. Mehr als 25.000 Menschen werden nach Angaben des Unternehmens dafür bezahlt, ihre Arbeitsabläufe aufzuzeichnen; aktiv ist Shift inzwischen in mehr als 15 Ländern.
Die Videodaten nutzt Microagi, um bestehende Robotermodelle an die Aufgaben in den Fabriken einzelner Kunden anzupassen. Über die zweite Plattform Atlas kommen die Modelle anschließend zum Einsatz. Microagi wählt außerdem passende Roboter aus und installiert sie in Produktionslinien. Kunden kommen laut Kilic unter anderem aus der Automobilindustrie, der Logistik und der Lebensmittelindustrie.
Das Geschäftsmodell ist mehrstufig: Microagi liefert Daten an KI-Labore und Robotikunternehmen, die daraus Modelle entwickeln. Anschließend ergänzt das Startup diese Modelle mit firmeneigenen Kundendaten, passt sie an die jeweilige Fabrik an und unterstützt den praktischen Einsatz auf Robotern. Die Aufnahmen verkauft Microagi an Unternehmen, die Roboter entwickeln. Welche Modellpartner dazugehören, nannte Kilic nicht. In diesem Bereich arbeiten unter anderem Physical Intelligence, Skild AI und Generalist AI.
Ursprünglich wollte das Team bestehende Roboter und KI-Modelle direkt bei Kunden einsetzen und mit deren Unternehmensdaten trainieren. Bald zeigte sich jedoch, dass viele verfügbare Modelle für praktische Fabrikaufgaben noch nicht leistungsfähig genug waren. Kilics Vergleich ist drastisch: Die Systeme seien wie Kinder, die viele Tätigkeiten in einer Fabrik selbst mit guter Anleitung nicht zuverlässig erlernen könnten. Also baute Microagi ein eigenes Datenerfassungsnetzwerk auf.
Der Name Microagi verweist auf Kilics Überzeugung, dass KI-Modelle kleiner werden müssen, bevor sie auf Milliarden von Robotern eingesetzt werden können. Shift soll dabei eine zentrale Lücke der Robotik schließen. Für große Sprachmodelle gibt es riesige Trainingsbestände aus dem Internet; für Roboter existiert nichts Vergleichbares. Der Robotikforscher Ken Goldberg von der UC Berkeley bezeichnete diese Diskrepanz als „100.000-Jahre-Datenlücke“.
55 Millionen Dollar für Daten und Expansion
Im Sommer 2026 nahm Microagi 55 Millionen US-Dollar in einer Seed-Runde auf. Angeführt wurde sie von Hummingbird, beteiligt waren Northzone, LocalGlobe, Village Global und Redalpine. Laut dem Artikel war es die bisher größte Seed-Runde in Deutschland. Eine Unternehmensbewertung veröffentlichte Microagi nicht.
Das Geld soll in Rechenleistung für das Training von Robotikmodellen fließen, in den Ausbau des Datenerfassungsnetzwerks von Shift und in die stärkere Präsenz in den USA, insbesondere von New York aus. Dort veranstaltete Microagi bereits eine Marketingaktion: Das Unternehmen bot kostenlose Wohnungsreinigungen an und zeichnete die Reinigungskräfte dabei aus deren Perspektive auf.
Firat Ileri, geschäftsführender Gesellschafter von Hummingbird, sagte, er sei bei einem Besuch in der Münchner Zentrale von der Arbeitsintensität des Teams beeindruckt gewesen. Hummingbird hatte zuvor unter anderem in Lovable, Kraken und Etched investiert. Ileri begründet das Interesse an Microagi mit dem Ehrgeiz von Kilic und seinen Mitgründern, dem Fokus auf die Automatisierung europäischer Fabriken sowie der alternden und schrumpfenden Erwerbsbevölkerung in Europa.
Zu Kilics Gründungsteam gehören Yoan Iliev, ehemaliger Mercedes-F1-Ingenieur, Anton Poletaev, ehemaliger Forscher am Alan-Turing-Institut, Nico Nussbaum, Ingenieur der RWTH Aachen, und Artjem Weissbeck, Serienunternehmer. Ein ziemlich ungewöhnlicher Mix: Formel-1-Erfahrung, Forschung, Hochschultechnik und Unternehmertum sitzen hier an einem Tisch.
Mit Shift konkurriert Microagi unter anderem mit Scale AI, Turing und Micro1. Kilic erwartet für die Robotik einen Entwicklungsschritt ähnlich dem „GPT-2-Moment“, bei dem mehr Daten und Rechenleistung zu vorhersehbaren Verbesserungen führten. Die Branche sei nicht weit vom „GPT-3.5-Moment“ entfernt, an dem Robotiktechnologie für einen breiten Einsatz ausreichend nützlich werde.
Arbeitskräftemangel als Antrieb
Kilic erwartet nicht, dass die Datenerfassung bei Shift die Arbeitsplätze der beteiligten Menschen gefährdet. Im Gegenteil: Industrieroboter seien notwendig, um den Arbeitskräftemangel in Europa und den USA abzufedern und mit China bei der Automatisierung mitzuhalten. Viele erfahrene Beschäftigte gingen noch in diesem Jahrzehnt in Rente, sagt Kilic, während nicht genügend Nachwuchs verfügbar sei.
Die Zahlen der International Federation of Robotics geben seiner Sorge Gewicht. 2024 wurden in China rund 295.000 Fabrikroboter installiert – 54 Prozent der weltweiten Gesamtzahl. In den USA waren es 34.200 Roboter.
Auch in Europa verschiebt sich die Altersstruktur. Laut Eurostat lag das Durchschnittsalter in der EU 2025 bei 44,9 Jahren, gegenüber 39,6 Jahren zwei Jahrzehnte zuvor. Die Europäische Kommission schätzt, dass die Erwerbsbevölkerung der EU bis 2050 um bis zu 18,8 Millionen Menschen schrumpfen könnte.
Automatisierungsentscheidungen entstehen dabei selten aus reiner Begeisterung für neue Maschinen. In vielen Fertigungsbetrieben fehlen Fachkräfte, besonders in Schicht- und Produktionsberufen. Roboter sollen bestehende Belegschaften von körperlich belastenden oder schwer zu besetzenden Tätigkeiten entlasten – und helfen, die Produktionskapazität zu halten.
Warum Fabriken wieder näher rücken
Eine Rolle spielen auch die Lieferketten. Globale Störungen haben die Frage verstärkt, ob mehr im eigenen Land oder zumindest in geografischer Nähe gefertigt werden sollte. Automatisierung kann lokale Produktion trotz höherer Lohnkosten konkurrenzfähiger machen und die Abhängigkeit von einzelnen, weit entfernten Zulieferern für Vorprodukte verringern.
Für Unternehmen zählt dabei nicht nur, ob ein Roboter grundsätzlich funktioniert. Investitionen müssen sich kurzfristig amortisieren, Anlagen sollen sich auf wechselnde Produktvarianten umrüsten lassen, und die neue Lösung muss in bestehende Steuerungs- und IT-Systeme passen, ohne dass gleich die komplette Infrastruktur ausgetauscht werden muss. Das klingt weniger spektakulär als ein Roboterarm in einer Hochglanzhalle, entscheidet aber oft über den Kauf.
Hinzu kommen neue Finanzierungsmodelle. Beim klassischen Modell kaufen und finanzieren Unternehmen Roboter und Automatisierungslösungen vollständig. Gerade für kleinere Betriebe mit unsicherer Auslastung sind die hohen Anfangskosten eine Hürde. Robotics-as-a-Service setzt stattdessen auf laufende Nutzungsgebühren, ähnlich Leasing- oder Abomodellen. Dadurch sinkt die anfängliche Kapitalbindung; interessant ist das auch für Unternehmen mit schwankenden Stückzahlen oder saisonaler Nachfrage.
Microagi wurde in einer Phase stark zunehmender Investitionen in Robotik und „physische KI“ finanziert. Als Gründe gelten der Übergang von Chatbots zu Maschinen, sinkende Hardwarekosten, der Arbeitskräftemangel und der Druck, Lieferketten wieder ins Inland zu verlagern. Für den Bericht vom 28. Juni 2026 über wirtschaftliche Treiber von Investitionen in Robotik und Automatisierung ist das der entscheidende Punkt: Robotik wird immer stärker als wirtschaftliche Entscheidung betrachtet – mit Fragen nach Finanzierung, Personal und Lieferketten gleich neben der Frage, was die Maschine technisch kann.
Der Artikel über Microagi erschien ursprünglich im Juli 2026 und wurde im Oktober 2026 aktualisiert. Heute, am 16. Oktober 2026, ist das Unternehmen damit an einem bemerkenswerten Zwischenstand angekommen: 100 Millionen US-Dollar ARR, eine Rekord-Seed-Runde in Deutschland und ein Plan, in fünf Jahren mehrere zehn Millionen Roboter in die Arbeitswelt zu
