Rassismus im Fußball: Der Fall Juma Bah zeigt die Gewalt hinter dem Spiel
Nach dem 1:1 gegen den 1. FC Union Berlin ist Juma Bah in sozialen Netzwerken rassistisch angegriffen worden. Der 20-jährige Abwehrspieler des FC Augsburg aus Sierra Leone erhielt nach Angaben seines Vereins auf Instagram Todesdrohungen. Auch seine Familie sei betroffen gewesen. Für Bah, der seit September auf Leihbasis von Manchester City für Augsburg spielt, endete ein ohnehin aufgeladenes Spiel damit noch lange nicht.
Der FC Augsburg verurteilte die Beleidigungen und Bedrohungen scharf. Rassistische Angriffe gegen einen Spieler richteten sich zugleich gegen die Werte des gesamten Vereins, erklärte der Club. Man sei über die Hassbotschaften erschüttert, werde den Vorfall anzeigen und weitere rechtliche Schritte prüfen. Mehrere Bundesligavereine bekundeten ihre Solidarität.
Rote Karte, Ausgleich – und Hass im Netz
Die Partie gegen Union Berlin war unterhaltsam, aber turbulent. Beide Mannschaften beendeten sie mit jeweils zehn Spielern. Augsburgs Juma Bah sah in der 63. Minute wegen groben Foulspiels die Rote Karte. Anschließend verspielte der FCA eine Führung und kam noch zu einem 1:1-Unentschieden.
Kapitän Jeffrey Gouweleeuw veröffentlichte ein Foto von Bah mit der Botschaft „NO to racism“. Union Berlin teilte die Stellungnahme des FC Augsburg auf X und kommentierte sie auf Instagram mit „Wichtiges Statement!“. Ein kleines Zeichen im Feed – angesichts der Drohungen aber kein nebensächliches.
Rassismus im Fußball: zwischen Haltung und blinden Flecken
Die meisten Fußballfans vertreten keine rechten oder menschenfeindlichen Positionen. Viele Vereine engagieren sich gegen Rassismus und für Integration; 2020 gaben 69 % der befragten Fußballvereine an, sich für die Integration von Migrantinnen und Migranten einzusetzen. Gleichzeitig berichten besonders Schwarze Fußballspieler weiterhin von rassistischen Angriffen im Internet und in Stadien. Zwei Studien aus dem Jahr 2025 beschreiben Rassismus für Schwarze Athleten als Teil des Vereinsalltags. Mehrheitsweiße Vereinsmitglieder erkennen solche Vorfälle jedoch häufig nicht als Rassismus.
Eine Sonderauswertung der Mitte-Studie von 2023 weist zudem darauf hin, dass rassistische Einstellungen in Fußballvereinen etwas stärker verbreitet sind als in der Gesamtbevölkerung. 16 % der befragten Fußballvereinsmitglieder stimmten der Aussage „Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt.“ zu, weitere 17 % stimmten teilweise zu. Bei Mitgliedern anderer Sportvereine waren es rund 4 %.
Auch sogenannte „positiv rassistische“ Vorstellungen tauchen unter Fußballvereinsmitgliedern häufiger auf: Rund 50 % stimmten eher oder vollständig dem Satz „Schwarze Menschen sind im Sport besonders talentiert.“ zu. Unter Menschen ohne Sportvereinsmitgliedschaft waren es rund 40 %. Klingt auf den ersten Blick wie ein Kompliment, steckt aber ebenfalls Menschen in Schubladen.
Fanaktionen und Choreografien sorgen deshalb immer wieder für Diskussionen. Eine Choreografie von Hansa-Rostock-Fans Ende 2023 wurde öffentlich kritisiert, weil sie mutmaßlich auf rassistische Pogrome der 1990er-Jahre anspielte.
Wenn die Gewalt nach dem Spiel weitergeht
Forschende stellten einen Zusammenhang zwischen der Leistung Schwarzer Profispieler und rassistisch motivierter Gewalt fest. Nach den verschossenen Elfmetern dreier Schwarzer englischer Nationalspieler im EM-Finale 2020 stieg die Zahl rassistisch motivierter Gewalttaten in London in den folgenden Wochen um rund 30 %.
In der Bundesliga wurde bislang kein Spiel wegen Rassismus abgebrochen. Seit 1963 gab es acht Spielabbrüche; keiner stand im Zusammenhang mit Gewalt- oder Diskriminierungsvorfällen. Im europäischen Fußball kommt es dagegen wiederholt zu Unterbrechungen oder Abbrüchen wegen rassistischer Vorfälle. Im Dezember 2021 wurde erstmals ein Drittliga-Spiel abgebrochen, nachdem Aaron Opoku rassistische Beleidigungen durch einen Fan gemeldet hatte. Die Vorwürfe konnten durch polizeiliche Ermittlungen jedoch nicht erhärtet werden.
Wie groß die Lücke zwischen sichtbaren Fällen und tatsächlichem Ausmaß sein kann, zeigen Zahlen aus dem Amateurfußball. Der DFB registrierte für die Saison 2024/25 bei rund 1,5 Millionen Spielen 829 Abbrüche wegen Gewalt oder Diskriminierung, 2.411 Diskriminierungsvorfälle – 0,2 % aller Spiele – und 3.477 Gewaltvorfälle, also 0,3 % aller Spiele.
Seit 2018 gibt es in allen Bundesländern Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt und Diskriminierung. Erste Erfahrungen deuten allerdings auf eine höhere tatsächliche Zahl von Fällen hin. Die Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in Nordrhein-Westfalen erhielt in den ersten zweieinhalb Jahren rund 2.500 Meldungen.
Strukturen, Positionen, Kommentare
Untersuchungen weisen auch auf strukturellen Rassismus im Fußball hin – auf Abläufe und Strukturen, die Schwarze Menschen und People of Color regelmäßig benachteiligen können. In den höchsten DFB-Gremien hatten 2020 nur 13 von 372 Mitgliedern einen Migrationshintergrund, rund 4 %. In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil damals bei rund 27 %. Ein Forschungsbericht bezeichnete diese geringe Repräsentation als „soziale Exklusivität“ des Fußballs.
Ein weiterer Bereich ist die Besetzung von Spielpositionen. Forschungen sprechen von „racist stacking“, wenn bestimmte ethnische Gruppen überdurchschnittlich häufig auf bestimmten Positionen eingesetzt werden. Eine Untersuchung der Aufstellungen der ersten und zweiten Bundesliga in der Saison 2020/21 ergab, dass Schwarze Spieler häufiger offensiv auf den Außenbahnen spielten – Positionen, die besonders mit Körperlichkeit, Aggressivität und Schnelligkeit verbunden werden. In der ersten und zweiten Bundesliga gab es bislang keinen Schwarzen Profitorwart. Die Ursachen sind wissenschaftlich nicht geklärt; kleine Fallzahlen könnten unter anderem zufällige Effekte erzeugen.
Ähnliche Muster zeigten sich in einer Studie von 2021, die 2.073 englischsprachige TV-Kommentare aus 80 Spielen der Männerligen in England, Spanien, Italien und Frankreich untersuchte. Lob für Intelligenz und Arbeitsmoral richtete sich zu 63 % an weiße Spieler. Kritik galt zu 63 % Schwarzen Spielern und Spielern of Color. Weiße Spieler wurden häufiger mit Intelligenz und Arbeitsmoral verbunden, Schwarze Spieler und Spieler of Color öfter auf körperliche und athletische Fähigkeiten reduziert. Die Forschenden werteten das als Hinweis auf einen „Racial Bias“ in den untersuchten Kommentaren.
Selbst im Computerspiel FIFA 20 fanden sich solche Zuschreibungen wieder: Eine Studie von 2022 kam zu dem Ergebnis, dass reale Vorstellungen in die digitalen Spielerversionen übernommen werden. Schwarze Spieler wurden bei körperlichen Fähigkeiten besser bewertet als weiße Spieler.
Was Verbände und Fanprojekte tun
Der DFB verpflichtet sich laut Satzung zur Integration und zur Beseitigung von Diskriminierung. Zu den Maßnahmen gehören die jährliche Verleihung des Julius-Hirsch-Preises, Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen, die Erfassung und Beobachtung von Diskriminierungsvorfällen im Amateurfußball sowie Anlaufstellen für Betroffene.
Nach zahlreichen Hasskommentaren gegen die deutsche U-17 bei der Weltmeisterschaft 2023 beschlossen DFB, DOSB und DFL, gemeinsam juristisch gegen solche Kommentare vorzugehen. Spieler, Trainer und Schiedsrichter sollen dadurch stärker geschützt werden. In allen 21 Landesverbänden wurden Anlaufstellen für Gewalt- und Diskriminierungsbetroffene eingerichtet.
Auch die Bundesregierung fördert Projekte gegen Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball, unter anderem über die Koordinierungsstelle Fanprojekte, und unterstützt Forschungsprojekte. Zahlreiche Fanprojekte thematisieren Rassismus, Antisemitismus und Sexismus in den Fankurven; eine Übersicht nennt 31 entsprechende Projekte. Die Kompetenzgruppe Fankulturen berät und vernetzt Fanprojekte sowie die soziale Arbeit im Sport.
Am heutigen 26.10.2026 an der Uni Augsburg bleibt damit ein Instagram-Post im Blick, der weit über ein Fußballspiel hinausweist: ein Platzverweis in der 63. Minute, ein Foto mit „NO to racism“, ein 1:1 – und eine Familie, die bedroht wurde.
