Im Monforts-Quartier in Mönchengladbach stehen rund um ein ehemaliges Fabrikgebäude, das heute ein Textilmuseum beherbergt, mehr als ein Dutzend Unternehmen und Institutionen. In einer etwa 2.000 Quadratmeter großen früheren Fabrikhalle wächst derzeit die „Textilfabrik 7.0“ – zwischen Strickmaschine, 3D-Drucker und einem Versuch zur Textilfärbung. Der Geruch von Material und Maschinen liegt in der Luft, während mehr als zwei Drittel der Halle noch leer sind. Dort sollen weitere Maschinen und Versuchsaufbauten entstehen.

Geplant ist ein Technologie- und Entwicklungszentrum für die Textilwirtschaft. Emissionsfreie, automatisierte und zirkuläre Produktionsverfahren stehen im Mittelpunkt. Das Projekt wird mit 30 Millionen Euro staatlichen Fördermitteln finanziert. Beteiligt sind die Hochschule Niederrhein, die RWTH Aachen und die Wirtschaftsförderung Mönchengladbach. Heute, am 24.10.2026, wird an der RWTH Aachen besonders an der Frage gearbeitet, in welchen Geschäftsfeldern Textilproduktion in Deutschland wirtschaftlich möglich bleibt.

Vom Jeansrest zur Garnrolle

Projektleiterin Maike Rabe, Professorin für Textilveredelung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein, beschreibt den Schwerpunkt als industrielle Skalierung von Innovationen und deren Transfer in die Wirtschaft. Ein zentraler Bereich ist die Kreislaufwirtschaft. Die Zahl verkaufter Bekleidungsprodukte steige, sagt Rabe, während der Umsatz kaum zunehme. Der Wert einzelner Produkte sei dadurch deutlich gesunken.

Die Folgen landen nicht nur in Kleiderschränken. Laut Statistischem Bundesamt nahmen die Bekleidungs- und Textilabfälle in Deutschland von 2013 bis 2023 um 55 Prozent zu. In deutschen Privathaushalten fallen jährlich rund 175.000 Tonnen Textil- und Bekleidungsabfälle an. Ein großer Teil entsteht laut Rabe sogar erst nach der Produktion – durch Retouren und unverkaufte Ware. In der EU ist die Vernichtung unverkaufter Kleidung für große Unternehmen seit Kurzem verboten.

Rabe versteht Kreislaufwirtschaft auch als Frage der wirtschaftlichen Resilienz. Deutschland verfügt kaum über eigenen Faseranbau, die Kunstfaserproduktion ist größtenteils in andere Textilproduktionsländer verlagert. In der Textilfabrik wird deshalb ausprobiert, wie sich aus Alttextilien neues Garn herstellen lässt. Zerkleinerte Jeansreste wandern durch mehrere Verarbeitungsschritte, am Ende liegen Garnrollen bereit. Weil die Textilabfälle bereits gefärbt sind, muss das Garn nicht nachträglich gefärbt werden.

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Ganz rund läuft die Sache noch nicht. Die Fäden reißen derzeit relativ schnell. Für bessere Qualität müssen unter anderem das Mischungsverhältnis mit Frischfasern und die maximale Länge der Recyclingfasern angepasst werden. Laut Rabe sind Recyclingfasern derzeit meist doppelt so teuer wie herkömmliche Fasern. Das Ziel bleibt eine konkurrenzfähige Produktion in Europa.

Christoph Richter von der benachbarten Riking Textil GmbH zeigt, was aus dem Recyclinggarn werden kann: ein Pullover. Die von ihm programmierte Maschine fertigt das Kleidungsstück direkt in Form, Zuschnittreste entstehen nicht. Bei herkömmlicher Herstellung wird ein Pullover aus Meterware zugeschnitten; die Reste werden meist verbrannt. Richter gibt die Programmierung der Maschine in Lehrgängen an Unternehmer weiter.

Ein Prozent Kreislauf

Der Anteil von Textil-zu-Textil-Recycling liegt laut EU-Parlament derzeit bei etwa einem Prozent. Mischfasern erschweren die Wiederverwertung zusätzlich. Alttextilien müssen allerdings nicht zwingend wieder zu Garn werden, sie können auch in andere Produkte einfließen.

Das Kölner Start-up CRCL von Lars Conzendorf, Lauritz Schmidt und Timur Oruz entwickelt Werkstoffe aus Alttextilien und Kunststoffabfällen. Der erste Prototyp war ein Kleiderbügel aus zerkleinerten Jeans, Klebstoff und einer Gipsform. Nach rund zwei Jahren Entwicklungsarbeit entstand ein glatter Kleiderbügel. Inzwischen hat CRCL das Granulat „Apatura“ entwickelt. Es besteht teilweise aus Alttextilien und teilweise aus Kunststoffabfällen aus dem Gelben Sack. Daraus lassen sich unter anderem Sitzschalen, Kleiderbügel und weitere Kunststoffprodukte herstellen.

Gemeinsam mit dem Kunststoffrecycler Hahn International aus Rheinland-Pfalz will CRCL den Ansatz industriell skalieren. Dafür wurde ein gemeinsames Tochterunternehmen gegründet: Hahn hält 51 Prozent, CRCL 49 Prozent. Hahn ist für die Produktion zuständig und plant Investitionen in Höhe von mehreren Millionen Euro. Geschäftsführer Stephan Seibel sieht darin die Möglichkeit, einen neuen Markt zu erschließen.

Bei industrieller Fertigung könnten die Produkte Conzendorf zufolge günstig angeboten werden. Alttextilien und Kunststoffabfälle seien kostengünstig beziehungsweise teilweise zu einem negativen Preis verfügbar, weil ihre Verbrennung Entsorger Geld kostet. Noch liegen zwischen einer brauchbaren Idee und einem rentablen Produkt allerdings ein paar harte Kilometer.

Was gute Fasern ausmacht

Welche Fasern ökologisch sinnvoll sind und wie sie sich verbessern lassen, untersucht der Bericht „Ökologische Bewertung textiler Fasern“ des Umweltbundesamts. Betrachtet werden herkömmliche Fasern wie Baumwolle, regenerierte Zellulosefasern und Polyester, außerdem Recyclingfasern, wiederentdeckte Fasern wie Brennnesselfasern, neue und innovative Fasern, Reststoffe aus der Agrar- und Lebensmittelproduktion sowie biogene Ressourcen zur Herstellung synthetischer Fasern.

Ziel des Berichts ist die Überarbeitung der faserspezifischen Anforderungen des Umweltzeichens „Blauer Engel für Textilien“ (DE-UZ 154). Analysiert wird auch der Stand der Kreislaufwirtschaft im Textilsektor, damit die Anforderungen an Recyclingfasern angepasst werden können. Die Untersuchungsergebnisse flossen in den überarbeiteten „Blauen Engel für Textilien“ ein.

Veröffentlicht wurde die Untersuchung als Publikationsreihe „Texte“, Nr. 117/2024, im August 2024. Der Bericht umfasst 123 Seiten. Autorinnen und Autoren sind Dr. Jenny Teufel, Viviana López, Katja Moch und Lucía Gascón. Herausgeber und Verlag ist das Umweltbundesamt, die Forschungskennzahl lautet 3720 37 302 0. Der Bericht ist auf Deutsch erschienen. Als verwandte Publikation nennt das Umweltbundesamt „Umweltzeichen Blauer Engel für Textilien“ beziehungsweise „Blue Angel eco-label for textiles“. Die PDF-Datei ist barrierefrei und 2,52 MB groß, eine Druckversion ist nicht verfügbar. Schlagworte: Blauer Engel, Kreislaufwirtschaft.

Sortieren, verfolgen, weiterverarbeiten

Wie ein Recyclingkreislauf organisatorisch funktionieren kann, zeigt TURNS. Zur derzeitigen Kernzielgruppe gehören Unternehmen mit Mitarbeiterkleidung und Hersteller von Berufskleidung. Dort fallen große, homogene Mengen an Textilien und Kleidung an. Aus Datenschutzgründen werden diese Materialien derzeit thermisch verwertet. TURNS sieht darin die Voraussetzungen für den Aufbau eines Recyclingkreislaufs.

Künftig soll das Kundenspektrum auf Inverkehrbringer von Textilien, Sortierbetriebe, Recycler und Textilproduzenten erweitert werden. Unternehmen, die am Faserkreislauf teilnehmen wollen, melden ihre gesammelten Alttextilien im TURNS-Online-Hub an. Pro Kilogramm wird eine Einspeisegebühr erhoben, die ein wesentlicher Finanzierungsbestandteil des Systems ist.

Über die Internetplattform können Kunden den Weg ihrer Materialien verfolgen, den jeweiligen Prozessstatus einsehen und eine rechtssichere Nachweisführung erhalten. Speditionen liefern das Ausgangsmaterial anschließend an derzeit drei kooperierende, dezentrale Sortierstationen in sozialen Einrichtungen. Eine von TURNS entwickelte App übermittelt Sortierkriterien und Auftragsdetails digital an die manuell arbeitenden Sortierbetriebe.

Parallel zur visuellen und händischen Sortierung untersucht Nahinfrarot-Technologie die Materialien nach Faser, Farbe und Qualität. Diese Analyse unterstützt die Zuordnung der Alttextilien zu ihrem jeweiligen weiteren Verwertungsweg. Nicht spektakulär, vielleicht – aber genau an solchen Abläufen entscheidet sich, ob aus einem Haufen alter Kleidung tatsächlich ein nutzbarer Rohstoff wird.

Langfristig soll auf Grundlage der entwickelten Geschäftsmodelle ein ganzer Textilindustriepark entstehen. Neben Kreislaufwirtschaft sind Automatisierung und individuelle Fertigung vorgesehen. Die Wirtschaftsförderung Mönchengladbach entwickelt dafür geeignete Flächen. Rabe strebt an, in fünf Jahren mit einer „Industrie 7.0“ zu beginnen.