Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, beginnt an der Universität Wien die internationale Tagung „Joseph Ratzingers Theologie im Widerstreit“. Bis Samstag, 24. Oktober, geht es dort um einen Denker, der sich einfachen Etiketten entzieht. Organisiert wird die Tagung von Jan-Heiner Tück von der Universität Wien und Thomas Marschler von der Universität Augsburg.

Der öffentliche Höhepunkt folgt am Freitag, 23. Oktober: Kardinal Christoph Schönborn spricht mit Tück und Marschler über „die provokante Wahrheit des Glaubens“. Das klingt nach einem großen Titel – und passt zu einem Werk, in dem Offenbarung, Vernunft, Kirche und Liturgie ständig ineinandergreifen.

Zwischen Kontinuität und Widerspruch

Jan-Heiner Tück warnt im Vorfeld davor, Ratzingers Theologie unkritisch zu verehren oder vorschnell zu verwerfen. Heute werde Joseph Ratzinger, so Tück, teils vor allem als Garant kirchlicher Kontinuität und Rechtgläubigkeit gesehen, teils auf kirchenpolitische Konflikte seines Pontifikats reduziert. Beides greife zu kurz. Nötig sei eine genaue Lektüre der Texte – und eine Verteidigung Ratzingers sowohl gegenüber seinen Kritikern als auch gegenüber seinen Anhängern.

Ratzinger sei nicht ausschließlich als antimoderner Denker einzuordnen. Zwar analysierte er moderne Entwicklungen wiederholt kritisch und warnte vor einer „Diktatur des Relativismus“. In seinem frühen Werk finden sich laut Tück jedoch differenziertere Einschätzungen. Ratzinger verstand Tradition nicht als unbeweglichen Block, sondern als dynamischen Prozess, in den Kirchenväter, Liturgie, scholastische Theologie und unterschiedliche Elemente der christlichen Überlieferung einbezogen sind.

Distanz zu aktuellen Entwicklungen sollte nach Ratzingers Verständnis helfen, sie klarer zu beurteilen. Tück hält eine solche kritische Distanz angesichts zunehmender Krisensymptome für hilfreich. Beim Streit über das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 habe Ratzinger einen Mittelweg zwischen dem Bruch mit der Tradition und bloßer formaler Kontinuität vertreten. Seine „Hermeneutik der Reform“ versteht das Konzil als Prozess: Grundlagen bleiben erhalten, Weiterentwicklungen werden trotzdem möglich.

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Auf dem Tagungsprogramm stehen Offenbarung und ihr Vorrang, Schriftauslegung und Konzilshermeneutik ebenso wie das Verhältnis von Glaube und Vernunft, die Hellenisierung des Christentums, die Rolle des Lehramts im kirchlichen Traditionsprozess und der Auftrag der Theologie. Dazu kommen Liturgie, Ökumene, Christologie und Religionspluralismus. Referieren werden unter anderem Helmut Hoping, Magnus Lerch, Ludger Schwienhorst-Schönberger, Eckart David Schmidt, Christian Bauer, Karl-Heinz Menke, Hans Schelkshorn, Iona Moga, Christoph Markschies, Markus Weißer, Mirja Kutzer, Marco Benini, Gunther Wenz und Reinhold Bernhardt.

Offenbarung als roter Faden

Ratzingers Theologie geht vom christlichen Glauben als Selbstmitteilung Gottes im Logos aus. Kirche erscheint dabei als lebendige Kontinuität von Offenbarung und Überlieferung. Angesichts der neuzeitlichen „Gottvergessenheit“ stellt Ratzinger die Gottesfrage ins Zentrum theologischen Denkens und kirchlicher Erneuerung.

Theologie ist für ihn keine abstrakte Begriffssystematik. Sie bedeutet personale Begegnung mit dem lebendigen Gott – eine „kniende Theologie“, in der Gebet, wissenschaftliche Reflexion und geistliches Leben zusammengehören. Sein Denken wurzelt in der Bibel; Glauben ist die Antwort auf das in Christus offenbarte Wort Gottes. Denken und Beten, Glauben und Erkennen lassen sich in diesem Verständnis nicht sauber auseinanderdividieren.

Christus ist die Mitte der Heilsgeschichte und der „Logos in Person“, in dem Vernunft und Liebe verbunden sind. Glaube und Vernunft stehen deshalb nicht als Gegner auf zwei Seiten eines Grabens. Der Glaube entspringt dem göttlichen Logos, ist daher vernünftig und erweitert die Vernunft zugleich über eine rein instrumentelle Sicht hinaus. Wahrheit und Liebe bilden die Grundlage dieser christlichen Weltsicht.

Wahrheit ist für Ratzinger keine abstrakte Idee, sondern personale Wirklichkeit: der sich offenbarende Gott. Nach Manuel Schlögl bildet die Offenbarung den „roten Faden“ seines Denkens. Sie geht dem Menschen voraus, Gott ergreift in Jesus Christus die Initiative, und der Mensch antwortet im Glauben. Offenbarung ist dialogisch und geschichtlich; Gott spricht, der Mensch hört und antwortet.

Von Bonaventura übernahm Ratzinger das Verständnis der Offenbarung als dynamischen heilsgeschichtlichen Vorgang der Selbstmitteilung Gottes. Seine Beschäftigung mit Bonaventura begann mit der Habilitationsschrift von 1955. Die Arbeit wurde zunächst abgelehnt, überarbeitet und 1957 angenommen; 1959 erschien sie unter dem Titel „Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura“. Bonaventura wurde zu einem Grundpfeiler von Ratzingers Theologie.

Offenbarung ist danach kein abgeschlossenes Lehrsystem, sondern ein lebendiger Vorgang zwischen göttlicher Selbstmitteilung und menschlicher Antwort. Die Kirche ist der geschichtliche Ort, an dem diese Selbstmitteilung gegenwärtig bleibt. Schrift, Tradition und Lehramt sind keine unabhängigen Quellen, sondern dienen gemeinsam dem einen Wort Gottes. Geschichte besitzt Anfang, innere Ordnung und ein von Gott gesetztes Ziel; Christus ist ihre „teilende und einende Mitte“. Eine unendliche Zeit ohne Ziel hielt Ratzinger für widersinnig, einen ewigen Kreislauf der Zeiten für eine Aufhebung der Einmaligkeit und Zielgerichtetheit der Heilsgeschichte.

Die historisch-kritische Methode hielt er für notwendig, aber nicht ausreichend. Sie könne göttliches Handeln methodisch nicht vollständig erfassen. Die Bibel müsse zusätzlich im Glaubenszusammenhang der Kirche gelesen werden – nicht nur als historisches Dokument, sondern als lebendige Erinnerung des Glaubens. Das Wort Gottes ist für Ratzinger ein geschichtliches Ereignis, in dem Gott spricht und handelt.

Kirchenväter, Scholastik und Konzil

Ratzinger steht in der Tradition des Ressourcement. Er griff auf Schrift und Kirchenväter zurück und wandte sich gegen eine erstarrte Neuscholastik. Die Neuscholastik hatte seine Ausbildung geprägt und der Theologie eine strenge begriffliche Form gegeben. Ihre logische Klarheit schätzte er, ihre Entfernung von Bibel und geistlichem Leben kritisierte er. Henri de Lubac, Yves Congar und Romano Guardini beeinflussten die theologische Erneuerung, auf die Ratzinger zielte.

Seine Kritik richtete sich nicht gegen Thomas von Aquin, sondern gegen eine spätere Verengung des Thomismus zu einem geschlossenen System. Mit Thomas hatte Ratzinger zunächst Schwierigkeiten, weil dessen Logik ihm gegenüber Augustinus unpersönlich erschien. Später würdigte er Thomas als Vermittler zwischen biblischem Glauben und aristotelischer Vernunft.

Thomas versteht Theologie primär als wissenschaftliche Ableitung aus Glaubensartikeln, Bonaventura stärker als hörenden und meditativen Nachvollzug des geoffenbarten Wortes. Ratzinger bejahte die Notwendigkeit der Metaphysik, warnte aber davor, dass sich Philosophie gegenüber dem Glauben verselbstständigt. Thomas’ Lehre vom Menschen als Einheit von Leib und Seele prägte seine Anthropologie, Eschatologie und Sakramentenlehre.

Thomas und Bonaventura galten ihm als komplementäre Höhepunkte mittelalterlichen Denkens: Thomas steht für rationale Durchdringung und relative Autonomie der Vernunft, Bonaventura für den Primat der Liebe und mystische Erfahrung. Eine einseitige Orientierung an nur einer dieser Traditionen führe entweder zu Rationalismus oder zu geschichtslosem Spiritualismus.

Augustinus war Ratzingers wichtigster theologischer Lehrer. Von ihm stammen das Verständnis der Kirche als Gemeinschaft der Liebe und die Verbindung von Wahrheit und Liebe, die auch seine späteren Enzykliken prägt. Aus dem Augustinismus übernahm Ratzinger zudem eine Sicht, in der Wahrheit, Güte und Schönheit zusammengehören. Die „via pulchritudinis“ beschreibt Schönheit als Weg, auf dem die Wahrheit der Offenbarung sichtbar wird. Liturgische Schönheit ist deshalb kein dekoratives Element, sondern Ausdruck göttlicher Herrlichkeit.

Gregor von Nyssa prägte Ratzingers Verständnis des Menschen als eines auf unendliche Vollendung hin geschaffenen Wesens. Die Vergöttlichung des Menschen bedeutet Teilhabe am göttlichen Leben durch die Gemeinschaft mit Christus. Gregor der Große steht für ein Amtsverständnis als Dienst an den Menschen. Wahrheit, Liebe, Schönheit