Die energetische Sanierung des Gebäudebestands in Deutschland ist ein zentrales Anliegen im Kontext des Klimaschutzes. Rund 75 Prozent der Gebäude wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung errichtet, was sie besonders anfällig für energetische Verbesserungen macht. Um diese Herausforderungen zu adressieren, haben Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im Rahmen des Verbundprojekts NaiS eine innovative digitale Plattform entwickelt. Diese nutzt KI-gestützte Anwendungen zur Analyse komplexer Gebäudedaten und definiert mögliche Sanierungsoptionen. Laut KIT sind belastbare Entscheidungsgrundlagen für Wohnungsunternehmen, Kommunen und Bestandshalter unerlässlich, um zielgerichtete energetische Maßnahmen zu ergreifen.
Die Plattform, die ab sofort auch bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen verfügbar ist, bündelt digitale Services und ermöglicht die Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Formaten, darunter Bilder, Grundrisse und Textdokumente. Dies erleichtert die Vorbereitung energetischer Sanierungen, die oft als aufwendig gelten. Co-Projektleiter Philipp Zielke hebt hervor, dass durch die neue Plattform die Entscheidungsfindung signifikant schneller und transparenter gestaltet werden kann.
Nutzen und Effizienzsteigerung durch KI
Ein beeindruckendes Nutzerfeedback unterstreicht die Vorteile der Plattform: 93 Prozent der 104 Testpersonen bestätigen den Mehrwert, und 87 Prozent sehen in der Anwendung Unterstützung bei der Bewertung von Gebäuden. Dabei konnten Aufgaben, die zuvor 16 Arbeitsstunden in Anspruch nahmen, mittlerweile in nur 10 bis 20 Minuten bearbeitet werden. Besonders große institutionelle Bestandshalter und Kommunen profitieren von dieser Zeitersparnis.
Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in den Sanierungsprozess zieht sich nicht nur durch das Projekt NaiS, sondern zeigt sich auch in weiteren Initiativen im DACH-Raum. KI wird zunehmend zur Analyse von Schadensbildern eingesetzt, prognostiziert Energieverbräuche und identifiziert Schwachstellen in Immobilien. In Städten wie Hamburg werden Fassaden mit Drohnen auf Risse und Feuchteschäden geprüft. Laut Baumeister entstehen in Wien KI-gesteuerte Sanierungs-Roadmaps, die Kosten und CO₂-Ausstoß minimieren sollen.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Trotz der vielen Fortschritte steht die Digitalisierung des Bestands allerdings vor Herausforderungen. Dazu gehören Datenmangel, Schnittstellenprobleme und Systembrüche. Um diese Herausforderungen effektiv zu meistern, sind einheitliche Datenstandards sowie offene Schnittstellen erforderlich. Zudem müssen Architekten und Ingenieure neue Kompetenzen im Umgang mit digitalen Werkzeugen und Datenmanagement entwickeln. Datenschutz und die Angst vor einer „gläsernen Immobilie“ stellen weitere Bedenken dar, die es im DACH-Raum zu überwinden gilt.
Das Folgeprojekt ConCIRCLE, das an die Ergebnisse von NaiS anknüpft, erhält eine Förderung von 1,8 Millionen Euro durch das Bundesministerium und fokussiert sich auf ein digitales Bewertungssystem zur Analyse der Wiederverwendbarkeit von Bauteilen aus Stahlbeton. Der NaiS Summit, der am 11. Juni 2026 stattfinden wird, bietet eine Plattform, um Ansätze für die digitale und nachhaltige Transformation zu diskutieren und die Ergebnisse des Projekts weiter voranzutreiben.
Die Erkenntnisse aus dieser Entwicklung könnten nicht nur für Deutschland, sondern auch für den gesamten DACH-Raum von Bedeutung sein, da er im internationalen Vergleich in der digitalen Transformation des Bestands hinterherhinkt. KI wird zunehmend als Werkzeug zur Verbesserung der Sanierungsprozesse gesehen, und es ist klar, dass der Mut zur Transformation sowie die Akzeptanz neuer Denkweisen entscheidend für den Erfolg dieser Initiativen sind.