Russische Raketen- und Drohnenangriffe setzen Kiews Energieversorgung und Zivilbevölkerung unter Druck
In Kiew ist bei einem russischen Raketenangriff am Abend mindestens ein Mensch getötet worden. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko trafen die Raketen unter anderem einen Universitätscampus und eine Brücke.
In der Nacht setzte Russland den Angriff mit Raketen und Drohnen fort, während zugleich Gespräche über ein mögliches Ende des Krieges laufen. Klitschko sprach später von mindestens sechs Toten und neun Verletzten. Zwei mehrstöckige Wohngebäude gerieten in Brand; in der gesamten Stadt wurden Wohnhäuser und zivile Infrastruktur beschädigt.
Raketen, Drohnen und gestörte Versorgung
Präsident Wolodymyr Selenskyj zufolge setzte Russland 22 Raketen und 460 Drohnen ein. Hauptziele seien Kiew und die umliegende Region gewesen. Wärme-, Strom- und Wasserversorgung waren teilweise eingeschränkt oder gestört. Das ukrainische Energieministerium bezeichnete den Angriff als massiven kombinierten Angriff auf die Energieinfrastruktur, machte aber keine Angaben zum genauen Schadensumfang.
Die ukrainische Luftwaffe gab landesweit Raketenwarnungen aus, nachdem russische Kampfflugzeuge von Stützpunkten in Russland gestartet waren. Parallel meldete Russland einen ukrainischen Drohnenangriff auf den Süden Russlands und die von Moskau annektierte Krim.
In Taganrog in der Region Rostow am Don wurden nach Angaben des Gouverneurs drei Menschen getötet und zehn verletzt. Beschädigt wurden vier Mehrfamilienhäuser, zwölf Einfamilienhäuser, eine Lackiererei, ein Lager und mehrere soziale Einrichtungen. Laut dem Internetportal Astra brachen nahe einer Flugzeugfabrik mit Rollbahn Brände aus.
Aus dem Gebiet Krasnodar wurden nach offiziellen Angaben sechs Verletzte gemeldet. Besonders stark betroffen war die Hafenstadt Noworossijsk, ein Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte: Dort gab es vier Verletzte und mehrere Einschläge in Wohnhäuser. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem der schwersten ukrainischen Drohnenangriffe seit Kriegsbeginn und meldete die Abwehr von insgesamt 249 Drohnen.
Gespräche über Frieden, aber kein klarer Weg
Parallel beraten die Ukraine, europäische Verbündete und die USA über eine Grundlage für eine mögliche Friedenslösung. Der ukrainische Delegierte Oleksandr Bews bezeichnete die Gespräche als konstruktiv; die meisten Punkte seien diskutiert worden. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte hingegen, Russland habe den aktualisierten Plan noch nicht gesehen.
Wie ein dauerhaft tragfähiger Kompromiss zwischen der Ukraine und Russland aussehen könnte, ist weiterhin unklar. Während in Gesprächsräumen über Formulierungen und Bedingungen geredet wird, brennen andernorts Wohnungen, und in Kiew bleiben Leitungen und Häuser beschädigt zurück.
Ein Winter unter Druck
Der Angriff passt in ein Muster: Seit Monaten greift Russland die ukrainische Energieversorgung mit Drohnen und Raketen an. Amnesty International befragte Zivilpersonen zu den Folgen – zu Kälte, Strom- und Heizungsausfällen, unterbrochener Wasserversorgung sowie eingeschränkten Telefon- und Internetverbindungen.
Vom 25. Oktober 2025 bis 15. Januar 2026 dokumentierte der ukrainische Sicherheitsdienst mindestens 256 Luftangriffe auf Einrichtungen der Strom- und Wärmeversorgung. Zu den Hauptzielen gehörten Wärmekraftwerke, Umspannwerke und wichtige Übertragungsknotenpunkte. Laut dem Artikel hat die Ukraine mehr als die Hälfte ihrer Energieerzeugungskapazitäten verloren.
Notabschaltungen betrafen zeitweise bis zu 80 Prozent der Bevölkerung. In Teilen des Landes sanken die Temperaturen unter minus 15 Grad. Viele Betroffene beschrieben den Winter 2025/2026 als den härtesten seit Jahren.
In Kyjiw waren am 25. Januar 2026 rund 15 Prozent der Wohngebäude seit etwa dem 9. Januar ohne Heizung. Vom 1. bis 29. Januar 2026 wurde das Energiesystem täglich schwer getroffen; bei sechs groß angelegten Angriffen kamen Hunderte Drohnen, gelenkte Fliegerbomben und Raketen zum Einsatz. Etwa 90 Prozent der ukrainischen thermischen Stromerzeugungskapazitäten fielen dadurch aus. Das Land ist nun stärker auf Kernkraftwerke und Stromimporte aus der EU angewiesen.
Beschädigte Heizungsanlagen und Leitungen, dazu Frost, ließen zentrale Heizungsrohre einfrieren und platzen. Überspannungen verursachten zusätzliche Schäden im Stromnetz. Ein Angriff auf ein Wärmekraftwerk kann laut Artikel die Versorgung von zehntausenden bis hunderttausenden Menschen beeinträchtigen. Strom- und Heizungsausfälle unterbrechen außerdem die Wasserversorgung und erschweren den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit und Lebensmitteln.
Kochen mit Kerzen, Schlafen im Zelt
In Odessa waren manche Gebäude bis zu fünf, sechs oder sieben Tage ohne Strom, teilweise auch ohne Wasser und Heizung. In Kyjiw sank die Temperatur in der Wohnung einer Familie auf 12,5 Grad; in einem Schulklassenzimmer wurden 11 bis 12 Grad gemessen. Ein Haushalt in Dnipro hatte Anfang Januar fast sieben Tage keinen Strom, in der Schule eines Kindes betrug die Raumtemperatur 13 Grad.
Familien greifen zu Gas- und Campingkochern, Kerosinkochern, erhitzten Ziegelsteinen, Kerzen und Brennholz. Das klingt nach Notlösung, ist aber brandgefährlich: Die improvisierten Methoden bergen erhebliche Brand-, Vergiftungs- und Unfallrisiken. Gasflaschen, Kocher und Ziegelsteine wurden teurer oder knapp.
Manche Menschen schlafen vollständig bekleidet. Andere stellen Zelte über ihre Betten und entzünden darin Kerzen, um sich zu wärmen – eine Szene, bei der einem der Gedanke an ein normales Zuhause ziemlich weit weg vorkommt. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen, die in oberen Stockwerken ohne funktionierende Aufzüge eingeschlossen bleiben können.
Die Regierung betreibt rund um die Uhr geöffnete „Punkte der Unbesiegbarkeit“: beheizte Zelte mit Generatoren, warme Getränke und Mahlzeiten sowie Möglichkeiten zum Aufwärmen und Aufladen von Mobiltelefonen. Für manche Menschen sind diese Einrichtungen die einzigen Orte, an denen sie sich bei Minusgraden erwärmen können.
Amnesty International dokumentiert seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 mutmaßliche Verstöße gegen Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht, darunter Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Organisation bewertet die Angriffe auf die Energieinfrastruktur als mögliche Strategie zur Störung lebenswichtiger Dienste und zur Verschärfung des Leidens der Zivilbevölkerung.
Amnesty fordert sofortige, gründliche und unparteiische Untersuchungen mutmaßlicher Verstöße, die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen, ein Ende der russischen Aggression sowie Wahrheit, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit für die Opfer.
Quelle: Bild · tagesschau.de · Amnesty International
