Literatur endet nicht zwischen zwei Buchdeckeln. Sie taucht im Verlag auf, im Theater, im Archiv, im Museum – und längst auch in digitalen Plattformen, deren Algorithmen unsere Aufmerksamkeit lenken und binden. Die Universität Bern reagiert darauf mit dem neuen Studienangebot „Literatur und Berufspraxis“, das im Herbstsemester 2026 startet.

Gedacht ist das Programm für Studierende der Germanistik, Komparatistik und verwandter Fächer. Es geht um Berufsfelder, die sich durch KI, digitale Plattformen und veränderte Lesegewohnheiten wandeln – und um die Frage, wie wissenschaftliche Arbeit und berufliche Praxis wieder enger zusammenfinden können. Übungen, Exkursionen und Praktika sollen schon während des Studiums erste Erfahrungen ermöglichen.

Zwischen Buchmarkt, Bühne und Forschung

Die möglichen Arbeitsorte sind vielfältig: Verlage, Buchhandel und Redaktionen gehören ebenso dazu wie Theater, Dramaturgie und Literaturfestivals. Weitere Wege führen in Übersetzung und Lektorat, Archive, Bibliotheken und Museen, Literaturhäuser oder in die Politik. Die literarischen Institutionen in der Schweiz und im benachbarten Europa sind für Interessierte teilweise erschlossen, aus berufspraktischer Sicht aber noch nicht systematisch erfasst.

Genau hier setzt das Berner Angebot an. Es hinterfragt die traditionelle Trennung von Theorie und Praxis. Auch Forschung, Lehre, wissenschaftliche Edition und Begutachtung können als Praxis verstanden werden. Gleichzeitig kommen Impulse für die Literaturwissenschaft immer häufiger aus dem Buchmarkt, dem Theater, Ausstellungen und der Literaturvermittlung.

Seit den 1990er-Jahren haben neue Technologien, digitale Medien und unterschiedliche Lesegewohnheiten die Literaturwelt verändert. Bücher und digitale Strukturen bestehen nebeneinander. Öffentliche und private Akteure konkurrieren um begrenzte Ressourcen, während Angebote mehr Zielgruppen erreichen sollen – das erhöht den Aufwand und macht die Landschaft nicht gerade übersichtlicher.

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Das Programm will deshalb die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Arbeit und Berufspraxis stärken, internationale Entwicklungen untersuchen und Modellprojekte entwickeln. Gemeinsam mit dem Robert Walser-Zentrum Bern und weiteren Partnern vermittelt es berufliche Grundkompetenzen, Kontakte und Praktika. Der Berufseinstieg soll dadurch leichter werden, zumindest ein Stück weit.

Was KI mit dem literaturwissenschaftlichen Arbeiten macht

KI ist dabei nicht bloß ein zusätzliches Berufsthema. Sie verändert die Grundlagen des Lernens und wissenschaftlichen Arbeitens, gerade in literaturwissenschaftlichen Fächern. Große Sprachmodelle können Texte erzeugen, analysieren und strukturieren und greifen damit unmittelbar auf zentrale Gegenstände und Methoden des Fachs zu. Untersuchte literarische Texte können inzwischen selbst KI-generiert sein; zugleich verändern sich die wissenschaftlichen Methoden.

Das berührt einen empfindlichen Punkt: Schreiben dient in der Literaturwissenschaft nicht nur dazu, Ergebnisse aufzuschreiben. Formulieren, Umformulieren und sprachliches Präzisieren sind auch interpretative Denkprozesse. Wer einen Satz verändert, verändert manchmal schon die Frage, die darin steckt. Der Einsatz von KI beim akademischen Schreiben betrifft deshalb den methodologischen Kern des Fachs – die kritische Auseinandersetzung mit Sprache, Bedeutung und Textproduktion.

In der Hochschullehre eröffnet KI neue didaktische Möglichkeiten, wirft aber Fragen nach wissenschaftlicher Integrität und nach einer kritischen Reflexion von Sprache auf. Die dazu vorliegenden Materialien beschäftigen sich mit Einsatzmöglichkeiten von KI in Studium und Lehre, mit der datenethischen und didaktischen Einordnung bestehender Verfahren sowie mit praktischen Hilfen, Materialien und Beispielen für Studium, Lehre und Forschung.

Nicht im Mittelpunkt stehen quantitative Analysen großer Textkorpora in den Computational Literary Studies oder literarische Textproduktion mit generativen Modellen und den damit verbundenen Formen menschlicher und maschineller Autorschaft. Diese Bereiche sind ausgeschlossen, weil der Schwerpunkt auf Möglichkeiten und Grenzen des KI-Einsatzes in der Lehre liegt. Informationen zu Computational Literary Studies bietet der Lehrstuhl für Computerphilologie und Literaturgeschichte; weiterführende Hinweise zu generativer KI-basierter Literatur finden sich beim Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medien.

Erste Veranstaltungen und ein politischer Auftakt

Die erste Lehrveranstaltung im Herbstsemester 2026 trägt den Titel „Literatur und Öffentlichkeit im 21. Jahrhundert“. Im Frühjahrssemester 2027 folgt eine Veranstaltung zu „Literarischen Jubiläen“. Sie untersucht Kommunikationsstrategien, Reichweite und die Steuerung öffentlicher Aufmerksamkeit über Kalenderdaten. Auf dem Programm stehen unter anderem der 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns 2026, der 200. Geburtstag Johanna Spyris 2027 und das Robert-Walser-Jubiläumsjahr 2028.

Ebenfalls im Frühjahrssemester 2027 findet die archivpraktische Blockveranstaltung „Schriftstellerinnen und ihren Nachlässen“ statt, geleitet von Nadia Brügger. Studierende lernen dabei die Arbeitsweise literarischer Institutionen kennen und entwickeln mit Expert:innen eigene Konzepte. Das klingt nach viel Material, staubigen Kartons vielleicht – und nach der Gelegenheit, Literatur dort anzusehen, wo sie aufbewahrt, geordnet und öffentlich gemacht wird.

Zur Eröffnung spricht am Montag, 2. November 2026, um 10 Uhr der frühere deutsche Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck an der Universität Bern. Sein Thema lautet „Literaturwissenschaft und politische Praxis“. Habeck studierte Germanistik und Philosophie in Freiburg, Hamburg und Roskilde, promovierte in Literaturwissenschaft und veröffentlichte literarische Texte.

Politische Erfahrung bringt er ebenfalls mit: Von 2012 bis 2018 war Habeck Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, von 2018 bis 2022 Bundesvorsitzender der deutschen Grünen und von 2021 bis 2025 Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. Seit 2025 forscht und lehrt er unter anderem in Berkeley und Kopenhagen.

Die Veranstaltung findet im Auditorium Maximum der Universität Bern statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Geleitet wird das Studienangebot von Marcel Lepper, der seit 2026 das Robert Walser-Zentrum und das Angebot am Institut für Germanistik der Universität Bern leitet.

Für Studierende, die Literatur nicht nur interpretieren, sondern auch organisieren, vermitteln, verwalten oder politisch einordnen möchten, öffnet sich damit ein ziemlich breites Feld. Und eines, in dem die alten Grenzen ohnehin längst durchlässig geworden sind: zwischen gedrucktem Buch und Plattform, zwischen Seminarraum und Praktikum, zwischen eigener Formulierung und maschinell erzeugtem Text.