Schleswig-Holstein bildet Berufsschullehrkräfte aus – und lässt sie danach warten
Am RBZ Technik in Kiel haben 50 Berufsschullehrkräfte ihr Referendariat bestanden. Bei der Zeugnisvergabe ging es trotzdem nicht nur um Glückwünsche und Papiermappen, sondern um eine ziemlich unangenehme Frage: Wo ist die Planstelle? Für viele Absolventinnen und Absolventen beginnt nach der Ausbildung nicht der sichere Berufseinstieg, sondern die Suche nach einem Vertrag, der oft nur ein halbes Jahr hält.
Schleswig-Holstein will bis 2030 insgesamt 200 Stellen einsparen. Gleichzeitig sinken die Schülerzahlen – zumindest vorübergehend. Im vergangenen Jahr erhielten noch 88 Referendare eine Planstelle, 2026 bislang nur sechs. Ein Absolvent mit dem Fach Mathematik fand im Landesportal trotz gegenteiliger Aussicht keine Stelle. Aus Angst vor Arbeitslosigkeit wechselte er an eine Auslandsschule.
Zwischen Sparplänen und dem nächsten Engpass
Das Bildungsministerium nennt mehrere Gründe für die derzeit schwierige Lage: Es gibt weniger Auszubildende, außerdem fehlt ein Jahrgang, weil die Gymnasien von G8 zu G9 zurückkehren. Durch Abordnungen an allgemeinbildende Schulen seien nach Angaben des Ministeriums 30 befristete Stellen für Berufsschullehrkräfte geschaffen worden.
Die Rechnung für die kommenden Jahre sieht allerdings anders aus. In etwa drei Jahren erwartet das Ministerium wieder steigende Schülerzahlen. Dann gehen zugleich zahlreiche Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge in Pension. Ab 2029 werde der Bedarf an Berufsschullehrkräften voraussichtlich höher sein als die Zahl der verfügbaren Bewerber.
Der Verband VLBS fordert deshalb schon jetzt Planstellen. Gut ausgebildete Lehrkräfte würden von Hamburg und anderen Bundesländern dauerhaft eingestellt, heißt es. Fehlen könnten sie Schleswig-Holstein dann ab 2029, wenn der Bedarf wieder anzieht. Der Bildungswissenschaftler Olaf Köller rechnet ebenfalls mit einem Lehrkräftemangel, falls die derzeit abwandernden Kräfte nicht zurückkehren. Spätestens 2030 würden die geburtenstarken Jahrgänge die Berufsschulen erreichen; dann müssten voraussichtlich wieder viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden.
In Hamburg können Berufsschullehrkräfte an Stadtteilschulen wechseln. Diese Schulen schreiben ihre Stellen selbst aus und besetzen sie auch. In Schleswig-Holstein ist ein Schulformwechsel dagegen mit einer fünfjährigen Nachqualifizierung einschließlich Prüfungen verbunden. Das Ministerium begründet die Voraussetzung mit der notwendigen Lehramtsbefähigung für die jeweilige Schulart. Köller hält einen erleichterten Wechsel für möglich, sieht dafür aber keinen politischen Willen.
60 Bewerbungen für vielleicht ein halbes Jahr
Die betroffenen angehenden Berufsschullehrkräfte tauschen sich seit einem Jahr regelmäßig aus. Bei einer Befragung von 114 Betroffenen durch die Junge GEW zeigte sich eine schlechte Stimmung. Ein Absolvent berichtet, mindestens 60 Schulen anschreiben zu müssen, um möglicherweise eine befristete Vertretungsstelle zu bekommen. Andere arbeiten befristet an Förderzentren oder Grundschulen; häufig werden nur Halbjahresverträge angeboten. Ein weiterer Absolvent wechselte in die Industrie.
Die Zahlen sind entsprechend deutlich: Ein Drittel der Befragten würde sich laut Auswertung nicht erneut für den Vorbereitungsdienst entscheiden. Drei Viertel würden ihn niemandem empfehlen – zumindest nicht in Schleswig-Holstein. Wer heute vor dem nächsten Vertrag steht, denkt weniger an langfristige Bildungsplanung als an Miete, Krankenkasse und die Frage, was nach den Sommerferien passiert.
Die Betroffenen befürchten, später nicht mehr zur Verfügung zu stehen, wenn das Land ihnen nicht kurzfristig bessere berufliche Perspektiven bietet. Der Bedarf mag ab 2029 wieder steigen. Menschen, die bis dahin längst an Auslandsschulen, in Hamburg oder in der Industrie Fuß gefasst haben, kommen aber nicht automatisch zurück.
Was die Schulstatistik 2026 erfassen soll
Die offiziellen Erhebungen an den Schulen laufen 2026 zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Für allgemeinbildende Schulen ist die Erhebungswoche vom 7. bis 11. September 2026 angesetzt, der Stichtag ist der 11. September 2026. An berufsbildenden Schulen wird vom 2. bis 6. November 2026 erhoben; Stichtag ist der 6. November 2026.
Die Schulstatistik erhebt umfangreiche Daten. Damit der Aufwand begrenzt bleibt, sollen die Informationen mithilfe der eingesetzten Schulverwaltungssoftware über definierte Schnittstellen zusammengestellt werden. Die Schnittstellendefinition und die dazugehörige Plausibilitätsprüfung stehen als Excel- und PDF-Dateien zur Verfügung. Excel-Dateien müssen vor dem Öffnen gespeichert werden – ein kleiner Verwaltungshinweis, der in der Praxis eben doch den Unterschied machen kann.
Für Fragen ist im Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein René Freiberg zuständig: Brunswiker Straße 16–22, 24105 Kiel, Telefon 0431 988-5896, E-Mail rene.freiberg@bimi.landsh.de. Beim Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein ist Dr. Ramona Schürmann, Referatsleiterin im Referat 13 – Bildung, Haushalte, Ansprechpartnerin. Ihre Kontaktdaten: Fröbelstraße 15–17, 24113 Kiel, Telefon 0431 6895-9124, E-Mail schulen.ausbildung@statistik-nord.de.
Viele Vertretungen, sehr unterschiedliche Qualifikationen
Wie angespannt die Lage an Schulen bereits ist, zeigt eine weitere Zahl aus dem Schuljahr 2024/25: In Schleswig-Holstein gab es 4.247 Vertretungslehrkräfte. Das geht aus der Landtags-Drucksache 20/3238 vom 2. Juni 2025 hervor. Laut GEW-Artikel führten alle diese Personen Unterricht durch – unabhängig von ihrer Qualifikation.
Eine vollständige Lehrkräfteausbildung mit Staatsprüfung hatten 1.068 Personen, also 25,2 Prozent. Weitere 1.968 Personen, 46,3 Prozent, besaßen einen Hochschulabschluss, aber keine vollständige Lehrkräfteausbildung. 1.211 Personen, 28,5 Prozent, hatten weder eine Lehramtsausbildung noch einen Hochschulabschluss.
Damit hatten etwa drei Viertel der Vertretungslehrkräfte keine vollständige Lehrkräfteausbildung; knapp 30 Prozent besaßen nicht einmal einen Hochschulabschluss. In keinem Kreis und keiner kreisfreien Stadt waren annähernd alle Vertretungslehrkräfte vollständig ausgebildet. Im Kreis mit der höchsten Quote lag der Anteil vollständig ausgebildeter Vertretungslehrkräfte bei knapp unter 50 Prozent, im Kreis mit der niedrigsten bei knapp über 11 Prozent. Je nach Kreis oder kreisfreier Stadt hatten somit zwischen gut 50 und knapp 90 Prozent keine vollständige Lehrkräfteausbildung.
Auch die Schularten unterscheiden sich stark. An Grundschulen waren 15,6 Prozent der Vertretungslehrkräfte vollständig ausgebildet. An Gymnasien lag der Anteil bei 41,6 Prozent. Entsprechend hatten an Grundschulen fast 85 Prozent und an Gymnasien fast 60 Prozent keine vollständige Lehrkräfteausbildung.
An der Uni Kiel, wo am 6.10.2026 über die Lage gesprochen wird, liegen diese Zahlen und Erfahrungen dicht beieinander: frisch ausgebildete Kräfte, die keine Planstelle finden, befristete Vertretungen mit sehr verschiedenen Qualifikationen und ein Land, das in wenigen Jahren wieder mehr Personal brauchen dürfte. Draußen wird es früher dunkel, drinnen geht die Suche nach der nächsten Stelle weiter.
