Schwarze Soldatenfliegen machen in Aachen Bioabfall Biogasanlagen streitig
In Aachen bekommt der Bioabfall Konkurrenz. Metro Deutschland testet an einem Großmarkt, ob Lebensmittelreste künftig nicht mehr in einer Biogasanlage, sondern bei Larven der Schwarzen Soldatenfliege landen. Das Aachener Start-up Omnivore Recycling holt die Reste laut Metro und Presseberichten dafür mehrere Monate lang direkt am Großmarkt ab.
Was genau hinter dem Versuch steckt, bleibt allerdings teilweise offen. Metro macht keine Angaben zur Laufzeit, zum Standort oder zur Menge der eingesammelten Lebensmittel. Verwendet werden ausschließlich Produkte, die nicht mehr an Tafeln weitergegeben werden können: überreifes Obst und Gemüse, abgelaufene Joghurts sowie übrig gebliebene Teigwaren. Verpackungen entfernt Metro vorher, anschließend werden die Lebensmittel sortiert.
Vom Rest zur Larve
Bisher gingen solche Reste überwiegend in Biogasanlagen. Metro verweist nun auf die Abfallhierarchie: Stoffliche Verwertung soll Vorrang vor energetischer Verwertung haben. Die Larven fressen die Lebensmittel, wachsen daran und werden anschließend zu Futtermittelrohstoff für Geflügel, Schweine oder Fische verarbeitet. Ihr Kot soll als Dünger dienen.
Die Schwarze Soldatenfliege, auf Englisch „Black Soldier Fly“, stammt ursprünglich aus Südamerika und ist inzwischen auch in Europa verbreitet. Gefährlich ist sie nicht. Ihre proteinreichen Larven können zu Futtermitteln verarbeitet werden. Bei Omnivore Recycling, 2021 als Ausgründung der RWTH Aachen gegründet, geht es nach eigenen Angaben nicht nur um das Metro-Projekt: Das Unternehmen begleitet auch internationale Projekte mit Containeranlagen für die Schwarze Soldatenfliege.
Ein verwandter Ansatz läuft bei PreZero. Dort wird untersucht, wie nicht vermeidbare Lebensmittelabfälle unter anderem aus den Handelssparten Lidl und Kaufland als Larvenfutter dienen können. Organische Reststoffe aus der Lebensmittelverarbeitung werden von den Larven zersetzt; ihre Nährstoffe bleiben dadurch für den Futtermittelkreislauf nutzbar. Durch Raffination entstehen Proteinmehl und Insektenöl. Das Proteinmehl kann auch als organischer Dünger eingesetzt werden, während sich das Larvenfett etwa zu Schmierstoffen oder Kraftstoffen weiterverarbeiten lässt. PreZero erforscht derzeit, wie eine Nutztierfutterproduktion im industriellen Maßstab umgesetzt werden kann. Das Projekt gehört zur Kreislaufwirtschaftsstrategie „REset Resources“ und unterstützt deren Handlungsfeld „REcycle“.
Wer bekommt den Bioabfall?
Die Mengen sind nicht klein. Nach Angaben des Umweltbundesamts verursachte der deutsche Handel mit Daten aus dem Jahr 2022 rund 0,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle. Das waren etwa sieben Prozent der bundesweiten Lebensmittelabfälle von insgesamt rund 10,8 Millionen Tonnen.
Seit 2022 wird in Deutschland mehr Bioabfall in Vergärungsanlagen als in reine Kompostieranlagen gegeben. Bei Bioabfällen aus Haushalten wurden 2023 bereits 54 Prozent vergärt. Lebensmittelreste aus Großmärkten landen üblicherweise in Abfallvergärungsanlagen, nicht in Anlagen für landwirtschaftliche nachwachsende Rohstoffe. Jede Tonne, die Larven fressen, steht den Vergärungsanlagen als Substrat nicht mehr zur Verfügung. Ob daraus regional eine relevante Konkurrenz für Biogasanlagen entsteht, lässt sich anhand öffentlicher Zahlen derzeit nicht beurteilen.
Rechtlich ändert die Larvenverwertung an der Einordnung nur wenig: Auch die Vergärung mit anschließender Nutzung des Gärrests gilt als Recycling. Der Gärrest wird ebenfalls als Dünger eingesetzt. Insektenprotein ist in der EU seit 2021 für Geflügel- und Schweinefutter zugelassen, für Fischfutter schon länger.
Für Deutschland wird die Sache zudem zeitlich konkreter. Die novellierte EU-Abfallrahmenrichtlinie verpflichtet dazu, die Lebensmittelabfälle aus Handel, Gastronomie und Haushalten bis Ende 2030 pro Kopf um 30 Prozent zu reduzieren. Der Bund muss diese Vorgaben bis Juni 2027 umsetzen. Im Handel könnte ein weiterer Abnehmer für bislang kostenverursachende Reste da also gerade recht kommen. Für die Biogasbranche wäre er zugleich ein zusätzlicher Wettbewerber um Bioabfall-Substrate, für Tierhalter ein weiterer heimischer Eiweißlieferant.
Große Anlagen, offene Fragen
Auch die Forschung schaut längst auf Hermetia illucens, wie die Schwarze Soldatenfliege wissenschaftlich heißt. Forschende des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME untersuchen Insekten als nachhaltige Quelle für Tierfutter. Dahinter stehen der hohe Ressourcenverbrauch des Soja-Anbaus und die Überfischung für die Herstellung von Fischmehl. Insekten liefern Proteine und Fette bei geringem ökologischem Fußabdruck und können wirtschaftlich in Farmen produziert werden.
Auf der indonesischen Insel Sumatra entsteht mit wissenschaftlicher Unterstützung von Prof. Andreas Vilcinskas die weltweit größte Anlage zur Produktion dieser Fliegen. Finanziert wird sie mit rund 500 Millionen US-Dollar, errichtet wird sie neben einer großen Palmölfabrik. Die Larven sollen pflanzliche Reststoffe aus der Palmölproduktion fressen. Jährlich sollen dort mehr als eine Million Tonnen dieser Reststoffe in Fliegenlarven umgewandelt und weiterverarbeitet werden.
Mit großen Zuchtbeständen wächst allerdings auch das Krankheitsrisiko. Die Forschenden wollen deshalb auf Antibiotika verzichten. Durch optimierte Fütterung erzeugen die Larven antimikrobielle Peptide gegen Krankheitserreger wie Salmonellen und Listerien. Diese Peptide gelangen in das Insektenmehl und sollen es vor bakteriellem Befall schützen.
Eine EU-Vorschrift untersagt die Fütterung der Fliegenlarven mit Abfällen – ein ziemlicher Bremsklotz für die wirtschaftliche Nutzung. Aufzucht mit zugelassenen Futtermitteln wie Getreide wäre laut Vilcinskas ökologisch nicht sinnvoll. Er setzt daher auf organische Nebenströme aus der Lebensmittelindustrie, etwa Rückstände aus der Apfelsaftherstellung. In Deutschland entwickelt Vilcinskas außerdem ein geschlossenes System, in dem die Fliegenlarven an hochwertige Schwarze Tigergarnelen verfüttert werden.
Für den Metro-Test liegen belastbare Ergebnisse bislang nicht vor. Ob aus überreifem Obst, Joghurt und Nudelresten tatsächlich verlässlich Futtermittel und Dünger werden, muss sich also erst zeigen. Der Versuch läuft in Aachen – und die Frage, wer künftig vor der Biogasanlage an der Reihe ist, bleibt vorerst offen.
