Heute, am 24. Oktober 2026, fällt der Blick an der FU Berlin auf einen Soziologen, dessen Arbeit immer wieder dorthin führt, wo gesellschaftliche Verhältnisse wehtun: zu Scham, Ungleichheit, Finanzmärkten und der Frage, warum politische Versprechen so oft an der Wirklichkeit vorbeischrammen. Sighard Neckel, am 25. Oktober 1956 in Gifhorn geboren, ist deutscher Soziologe und seit 2024 emeritierter Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Außerdem ist er Senior Permanent Fellow der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“.

In der Frankfurter Bar „Envy“ treffen sich Vertreter der globalen Finanzwirtschaft. Sie treffen weitreichende Entscheidungen über Gesellschaften, die sie kaum kennen. Nach seinem Wechsel von Wien an die Universität Frankfurt beschrieb Neckel diesen Sozialtypus in mehreren Publikationen. Die moderne Finanzökonomie erschien bei ihm als eine von Verantwortung entbundene, quasifeudale Klasse – mit einer irrationalen Gefühlsdynamik, die politische Folgen hat.

Von der Scham zur Finanzklasse

Schon in seiner Promotion an der Freien Universität Berlin Anfang der 1990er-Jahre untersuchte Neckel die Scham gesellschaftlich Benachteiligter. 1990 promovierte er mit der Arbeit „Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit“. Er gehörte damit zu den frühen Vertretern der Soziologie der Emotionen. Ihn interessierte, wie sich materielle Ungleichheit in emotionale Selbstabwertung übersetzt – und wie soziale Ordnungen gerade dadurch stabil bleiben.

Der Artikel zu seiner Arbeit beschreibt Scham als alltägliche Reaktion auf die soziale Bloßstellung eigener Verfehlungen oder Schwächen. Im Mittelpunkt steht die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Alltag. Scham verarbeitet Ungleichheit, zugleich sind Strategien der Beschämung ein Mittel der Machtausübung durch herrschende gesellschaftliche Schichten. Hinter dem Bild des souveränen Individuums lauert die Angst vor gesellschaftlicher Degradierung und Unterlegenheit, verschärft durch Individualisierung und neue Formen sozialer Konkurrenz.

Spätere Arbeiten rückten die Individualisierung beruflichen Scheiterns in den Mittelpunkt. Wenn jeder selbst für Erfolg und Misserfolg verantwortlich gemacht wird, wächst eine umfangreiche Therapie- und Optimierungsindustrie. Neckels Gesellschaftsanalyse blieb dabei auf die Lage Unterprivilegierter ausgerichtet, ohne moralische Selbstinszenierung. Vom identitären Opferkult in den Sozialwissenschaften distanzierte er sich.

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Auch die politische Ökonomie las Neckel über Gefühle. Die Sozialdemokraten, so seine Analyse, hätten dem Finanzkapitalismus den Weg geöffnet. Die Wut über verantwortungsloses Handeln im Bankensektor finde deshalb keinen politischen Adressaten. Rechts-außen-Parteien nähmen diese Wut auf. Ein ziemlich folgenreicher Umweg: Ärger entsteht oben, Vertrauen bricht unten weg, und die politische Rechnung landet ganz woanders.

Ein langer Weg durch die Soziologie

Neckel studierte Soziologie, Rechtswissenschaften und Philosophie an der Universität Bielefeld und der Freien Universität Berlin. 1983 schloss er das Studium an der FU Berlin mit dem Diplom in Soziologie ab. Von 1984 bis 1997 arbeitete er am Institut für Soziologie der FU Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektangestellter und wissenschaftlicher Assistent. 1996 habilitierte er sich mit einer Gemeindestudie über eine brandenburgische Stadt nach dem politischen Umbruch in Ostdeutschland.

1997 erhielt er eine Professur für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Universität Siegen. 2000 wechselte er als Professor für Allgemeine Soziologie an die Bergische Universität Wuppertal. Von 2001 bis 2007 hatte er den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Zum Wintersemester 2007/08 ging er an das Institut für Soziologie der Universität Wien, dessen Institutsvorstand er seit Oktober 2008 war.

Zum Wintersemester 2011/12 wechselte Neckel an die Goethe-Universität Frankfurt am Main auf eine Professur mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit. Von 2011 bis 2013 war er Dekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Principal Investigator des Exzellenzclusters „Normative Orders“. 2016 folgte er einem Ruf an die Universität Hamburg.

Seit 2019 war er Sprecher der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit: Modernisierung, Transformation, Kontrolle“; seit 2023 gehört er ihr als Senior Permanent Fellow an. Von 2019 bis 2023 war er mit einem Teilprojekt am Sonderforschungsbereich 1171 „Affective Societies“ der FU Berlin beteiligt. Von 2000 bis 2017 gehörte er dem Kollegium des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main an.

Seine Forschungsfelder reichen von Wirtschafts- und Finanzsoziologie über Ungleichheitsforschung und die Gesellschaftsanalyse des modernen Kapitalismus bis zur Soziologie der Nachhaltigkeit, Kultursoziologie und Soziologie der Emotionen. Empirisch arbeitet Neckel wissenssoziologisch, praxistheoretisch und ethnographisch. Gastprofessuren und Fellowships führten ihn unter anderem an die Duke University, das Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld, die Kolleg-Forschungsgruppe Postwachstumsgesellschaften der Universität Jena, das Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, die Seoul National University, die Macquarie University Sydney und die Universität Tokio.

Ökologische Krise ohne grünes Feigenblatt

An der Universität Hamburg beschäftigte sich Neckel zuletzt mit der ökologischen Krise und den Gründen für den stockenden ökologischen Umbau. Als Ursache der Blockade benannte er die ungleiche Verteilung von Lasten und Emissionen zwischen Armen und Reichen. Dazu kamen seine Einwände gegen sozialökologische Distinktionsgesten: Wer Nachhaltigkeit zum kulturellen Erkennungszeichen macht, kann einen Kulturkampf auslösen – und damit ausgerechnet Klimaskeptikern in die Hände spielen.

Den „grünen Kapitalismus“, der am bisherigen Wachstumspfad festhält, lehnte Neckel ab. Stattdessen plädierte er für eine Sozialisierung der Energieinfrastrukturen. Das ist eine gemäßigte Kapitalismuskritik, die ihn laut Artikel auch nach seinem 70. Geburtstag an diesem Sonntag prägt. Der Geburtstag liegt am 25. Oktober 2026, also am Tag nach diesem Bericht.

In der Forschungspolitik und im Fach selbst war Neckel ebenfalls präsent: Von 1989 bis 1995 war er Mitherausgeber der Zeitschrift PROKLA, von 1996 bis 2009 Mitherausgeber der Zeitschrift für Sozialwissenschaft Leviathan. Von 2011 bis 2013 gehörte er dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an. Von 2016 bis 2020 war er Mitglied des DFG-Fachkollegiums Sozialwissenschaften für das Fach „Soziologische Theorie“.

2010 erhielt er gemeinsam mit Ana Mijic, Christian von Scheve und Monica Titton den René-König-Lehrbuchpreis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für „Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens“.

Bücher, Banken, Erschöpfung

Zu Neckels Veröffentlichungen zählen „Anatomie des politischen Skandals“ (1989, mit Rolf Ebbighausen), „Status und Scham“ (1991), „Die Macht der Unterscheidung“ (1993; erweiterte Neuausgabe 2000), „Politikertypen in Europa“ (1994, mit Helmuth Berking und Ronald Hitzler), „Ordnungen der Gewalt“ (1999, mit Michael Schwab-Trapp) und „Waldleben. Eine ostdeutsche Stadt im Wandel seit 1989“ (1999).

Es folgten „Politisierter Konsum – konsumierte Politik“ (2006, mit Jörn Lamla), „Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft“ (2008), „Mittendrin im Abseits“ (2008, mit Hans-Georg Soeffner), „Kapitalistischer Realismus“ (2010), „Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt“ (2010, mit Claudia Honegger und Chantal Magnin) sowie „Sternstunden der Soziologie“ (2010, mit Ana Mijic, Christian von Scheve und Monica Titton).

Mit Greta Wagner veröffentlichte er „Leistung und Erschöpfung“ (2013),