M1 gewinnt Deutschen Coworkingpreis mit Rettung aus der eigenen Community
Der Mainzer Coworking Space M1 hat in Köln den Sonderpreis des Präsidiums beim Deutschen Coworkingpreis 2026 gewonnen. Ausgezeichnet wurde nicht einfach ein schicker Arbeitsort, sondern die Rettung durch Menschen aus der eigenen Community. Das passt zum M1: Hier ging es zuletzt um Räume, Schreibtische und Mietverträge – aber eben auch um die Frage, ob ein gemeinsamer Ort verschwinden muss, wenn es wirtschaftlich eng wird.
Gegründet wurde das M1 im Jahr 2016. Nach schwierigen Jahren meldete die Betreiber-Genossenschaft 2025 Insolvenz an. Eine Schließung wollten Unterstützer nicht hinnehmen und gründeten im Juni 2025 die R4UMGEBER GmbH. Zum 1. August 2025 übernahm sie den Betrieb.
Rettung aus der eigenen Community
Heute wird der Coworking Space von Ines Schneider und Benjamin Kutter geführt. Seit der Übernahme wurden die Räume renoviert und die Verwaltung neu organisiert. Der bodenständige und menschliche Charakter des M1 sollte dabei erhalten bleiben – kein kompletter Neustart mit Hochglanzlack, sondern eine Weiterarbeit an dem, was bereits gewachsen war.
Die Jury nannte die Entwicklung eine „sehr authentische Rettungs- und Übernahmegeschichte“. Verbandspräsident und Laudator Tobias Kollewe zitierte aus der Bewerbung: Eine Community entstehe durch die Haltung, Konsequenz und das Interesse an den Nutzern eines Ortes.
Mitgründerin Ines Schneider sagte, bei der Übernahme habe es keinen perfekten Plan gegeben. Das Ziel sei zunächst gewesen, das M1 zu erhalten. Benjamin Kutter hatte vor der Übernahme selbst im M1 gearbeitet. Seinen täglichen Arbeitsort, erklärte er, habe er nicht verlieren wollen. Manchmal beginnt eine Unternehmensgeschichte offenbar nicht mit einem Businessplan, sondern mit dem ziemlich persönlichen Gedanken: Bitte nicht diesen Ort dichtmachen.
Eine Branche zwischen Pokal und Prüfstand
Der Deutsche Coworkingpreis soll der Branche mehr Sichtbarkeit geben – und ihr Gelegenheit, sich stärker selbst zu feiern. Coworking, Flex Offices und neue Arbeitsorte schaffen Infrastruktur für moderne Arbeit, Gründungen und Unternehmen, für Kommunen und ländliche Räume ebenso wie für ganze Quartiere.
Das ist nötig, denn neben Regulierung, wirtschaftlichem Druck und der Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen sollen auch erfolgreiche Konzepte und funktionierende Orte öffentlich wahrgenommen werden. Der Preis würdigt Betreiber, die flexible Arbeitsräume entwickeln, investieren, erproben und professionalisieren.
Die Bewerbungen für 2026 zeigten laut Veranstalter eine deutlich gestiegene Qualität. Eingereicht wurden große und kleine Spaces, urbane Konzepte und Angebote im ländlichen Raum, privatwirtschaftliche, kommunale und gemeinnützige Modelle sowie etablierte Unternehmen und junge Konzepte. Gerade diese Mischung erschwerte der Jury den Vergleich: Die Konzepte waren teilweise sehr unterschiedlich.
Die Fachjury prüfte die Bewerbungen, stellte Nachfragen, vergab Punkte und diskutierte unterschiedliche Perspektiven. Alle Bewerber mussten ihr Konzept beschreiben, Zahlen offenlegen, Stärken benennen, Schwächen darstellen und sich dem Urteil der Fachjury stellen. Die Nominierten gehörten zu den Spaces, die 2026 besonders aufgefallen waren oder besondere Leistungen erbracht hatten.
Wegen der Vielfalt und der intensiven Beratungen wurden mehrere Preise vergeben: Hauptpreise für die „Coworking Spaces des Jahres“, Auszeichnungen in verschiedenen Kategorien, Sonderpreise der Jury für besondere Leistungen und Konzepte sowie der Sonderpreis des Präsidiums. Einige Teilnehmer nahmen einen Pokal mit, andere wurden Zweite oder Dritte, als Finalisten für Sonderpreise nominiert oder gingen ohne Preis von der Bühne. Auch sie wurden als Teil der Weiterentwicklung der Coworking-Branche gewürdigt. Der Veranstalter dankte der Jury für ihre Zeit, Ernsthaftigkeit, Diskussionen und sorgfältige Prüfung der Bewerbungen.
Die Veranstaltung eröffnete die Verleihung des Deutschen Coworkingpreises 2026. Sie fand im Rahmen der #zukunftcoworking 2026 in Köln statt – dort, wo Tobias Kollewe die Lage der deutschen Coworking-Branche einordnete.
Weniger Spaces, mehr wirtschaftlicher Druck
Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der Coworking Spaces in Deutschland um 7,8 Prozent auf 1.962. Seit 2020 ist sie trotzdem um fast 50 Prozent gestiegen. Kollewe bezeichnete den Rückgang als erste Schrumpfungsphase nach Jahren starken Wachstums und als Zeichen einer möglichen Konsolidierung.
Mehrere Betreiber gerieten in Insolvenz. Unicorn Workspaces meldete Insolvenz an; sechs Standorte wurden anschließend von Scaling Spaces übernommen. Für Impact Hub Berlin und SimpliOffice wurden Insolvenzverfahren eröffnet. Betroffen waren auch kleinere, regional tätige Betreiber.
Verschwinden Standorte, Kunden und Flächen deshalb einfach? Nicht zwangsläufig, sagte Kollewe. Häufig wechseln Betreiber, Geschäftsmodelle oder Eigentümer. Für die kommenden Jahre erwartet er weitere Zusammenschlüsse, Betreiberwechsel, Nachfolgelösungen und die Bildung größerer Gruppen. Größe allein sei keine Strategie.
Entscheidend seien nicht primär Fläche, Standortzahl oder Umsatz, sondern Ergebnis, Profitabilität und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Ein Space könne zu 95 Prozent ausgelastet sein und dennoch Verluste machen. Betreiber müssten Preise, Kosten, Mietverträge, Produktmix, Personaleffizienz und Geschäftsmodell überprüfen.
Auf der Liste stehen unter anderem Kosten pro Arbeitsplatz, der Ertrag von Meetingräumen, Conversion Rate, Churn Rate, Umsatz pro Quadratmeter, Personalkosten, Mietquote und Deckungsbeiträge. Eigentümer, Investoren, Banken, Projektentwickler und Asset Manager fragen zunehmend, ob ein Geschäftsmodell belastbar ist. Neben Skalierbarkeit werde die sogenannte „Bankability“ wichtiger: die Fähigkeit, finanzierbar zu sein und auch unter schwierigen Bedingungen Gewinne zu erzielen.
Etwas Rückenwind könnte aus der Gesamtwirtschaft kommen. Der Internationale Währungsfonds erhöhte seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,7 auf 1,3 Prozent; auch die Bundesregierung erwartet 1,3 Prozent Wachstum. Ein besseres Umfeld könnte durch Unternehmensinvestitionen, neue Teams, mehr Projektgeschäft und veränderte Flächenstrategien die Nachfrage nach flexiblen Bürolösungen erhöhen. Wirtschaftlicher Rückenwind ersetzt aber weder ein tragfähiges Geschäftsmodell noch professionellen Vertrieb.
Nachfrage lässt sich nicht herbeizaubern
Betreiber müssten stärker über Vertrieb und Kundennachfrage sprechen. Neue Flächen, attraktive Spaces, Websites und Social-Media-Aktivitäten erzeugten nicht automatisch Nachfrage. Wichtiger sei zu verstehen, wer die Kunden sind, wie sie suchen und buchen, wie schnell sie entscheiden, warum sie absagen oder bleiben und weshalb sie später kündigen. Verlässliche Nachfrage könne zum knappsten Gut der Branche werden.
Auch künstliche Intelligenz hat laut Kollewe bislang keinen grundlegenden operativen Durchbruch gebracht. Denkbar wäre etwa die automatische Suche und Buchung eines passenden Meetingraums anhand weniger Angaben. Auf Betreiberseite könnten Systeme individuelle Angebote erstellen, zum Beispiel für Büroflächen mit längeren Laufzeiten und Meetingraum-Paketen.
Dafür braucht es saubere Daten, standardisierte Prozesse und miteinander kommunizierende Systeme. Viele Betreiber haben 2026 noch Schwierigkeiten, Verwaltungssoftware, CRM, Schließsysteme, Buchhaltung und Zahlungssysteme zuverlässig zu verbinden. Technologie sollte nicht bloß als Chatbot oder Zusatzfunktion herumstehen, sondern die Produktivität messbar erhöhen.
Parallel wachsen die regulatorischen und administrativen Aufgaben: Gewerbeanmeldungen, Nutzungsänderungen, Brandschutz, Datenschutz, Steuerrecht, Geschäftsadressen, Dokumentationspflichten und das Geldwäschegesetz. Kollewe stellte die Notwendigkeit von Brandschutz, Datenschutz und Geldwäschebekämpfung nicht infrage, forderte aber verhältnismäßige und praxistaugliche Regeln.
Bürokratie verursache Kosten, Arbeitsaufwand, Verzögerungen und geringere Innovationsfähigkeit. Unterschiedliche Auslegungen derselben Regeln durch Behörden in Köln, Berlin oder München erschwerten verlässliche Geschäftsmodelle. Der BVCS müsse Politik und Verwaltung früher über die Funktionsweise der Branche informieren und die Interessen der Betreiber stärker vertreten.
Flexible Arbeitsorte, aber nicht um jeden Preis
Kollewe plädierte außerdem dafür, die Abgrenzung zwischen Coworking, Flex Office, Business Center und Managed Office weniger in den Mittelpunkt zu stellen. Kunden und Eigentümer orientierten sich nicht an diesen Begriffen. Anbieter seien Teil der Immobilienwirtschaft und betrieben flexible Arbeitsorte, Büroflächen und Immobiliendienstleistungen.
Hohe Büroleerstände, nicht mehr passende Gebäudenutzungen, suchende Eigentümer und Unternehmen mit geringer Bindung an langfristige Mietverträge bieten Chancen. Nicht jede leerstehende Bürofläche eignet sich jedoch automatisch als Coworking Space. Flex Office funktioniert nur, wenn Standort, Produkt, Nachfrage und Betrieb zusammenpassen.
Die Branche war zunächst von Pionieren,
